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Porträt: Vor 20 Jahren nahm der Mannheimer Künstler an der documenta 9 teil / „Die Welt hat auf meine Kunst geschaut“

Das unvollendete Werk des Mo Edoga

Von unserem Redaktionsmitglied Annika Wind

Baut auf dem Carl-Reiß-Platz an seiner "Himmelskugel": Mo Edoga.

© Prosswitz

Sie wächst und wächst noch immer. Mo Edoga würde sagen, dass sie sich wie ein Organismus entwickelt, diese riesige Installation hinter dem Kunstverein Mannheim. So, als verändere sich seine "Himmelskugel" autonom. Dabei ist es er, der unermüdlich auf dem Carl-Reiß-Platz Schwemmhölzer aus dem Neckar mit Plastikbändern zu einem Geflecht verbindet. "Nichteuklidische Kunst" nennt der gebürtige Nigerianer das, womit er 1992 schlagartig bekannt wurde - durch seine Teilnahme an der documenta 9.

Nach wie vor ist Edoga der einzige Mannheimer, der bisher im "Weltmuseum für 100 Tage" ausstellte. Die Hürde, vor 20 Jahren in den handverlesenen Künstlerkreis aufgenommen zu werden, nahm er leicht - so erinnert er sich jedenfalls. "Ich bin nach Kassel gefahren und wollte den documenta-Leiter Jan Hoet sprechen", sagt er heute. Offenbar war er gut vernetzt mit einflussreichen Kuratoren wie Kaspar König oder Künstlern wie Joseph Beuys, die ihn empfahlen. Denn Eigenbewerbungen sind bei der documenta (eigentlich) nicht möglich.

In Mannheim schätzt man ihn heute durchaus unterschiedlich ein: Den einen gilt er als mutiger Künstler, der aus den Rückständen einer Wohlstandsgesellschaft ästhetische Installationen mit aufklärerischem Anspruch schafft - nicht selten auch gegen Widerstände in der Stadt. 1988 hatte er auf der Friesenheimer Insel sein erstes, riesiges Objekt gebaut, eine "Kultstätte an Vater Rhein und Mutter Neckar" mit Schwemmhölzern und Plastikmüll. Anderen erscheinen seine Werke als kryptisch oder selbstreferenziell.

Sicher ist: Ein Publikumsliebling war Edoga 1992 in Kassel schon deshalb, weil er viel Zeit vor Ort verbrachte. Am Friedrichsplatz arbeitete er an seinem "Signalturm der Hoffnung" mit Ästen aus der Fulda. Dabei demonstrierte er eine "schamanenhafte Fähigkeit, die einfachen Dinge mit der Kraft eines Geheimnisses aufzuladen", wie es Christel Heybrock in dieser Zeitung nach ihrem documenta-Rundgang schrieb. Seine Installationen appellierten an "menschliche Kräfte, die unsere Zivilisation hat verkümmern lassen, an Mythisches, Magisches".

Heute sagt Edoga, die documenta sei für ihn "einmalig" gewesen, weil die ganze Welt auf seine Kunst geschaut habe. Danach bekam er eine Professur an der Kunsthochschule in Kassel angeboten und stellte auf der Expo in Hannover oder im Haus der Kulturen der Welt in Berlin aus. Ist es seitdem nicht arg ruhig um ihn geworden? Edoga, der ursprünglich als Arzt arbeitete, winkt ab. "Ich mache keine Ausstellungskunst." Seine Mannheimer "Himmelskugel" funktioniere wie ein Buch mit vielen Geschichten. Ein System der Vielfalt, das ohnehin schlecht in Museen zu zeigen sei. Und das Wind und Wetter ausgesetzt ist und dem Verfall.

"Die Kugel ist wie eine großartige, nie vollendete Malerei", sagt Edoga. Prozesshaft wirkt sie in der Tat. Sie ist längst nicht mehr rund und streckt ihre Arme in alle Richtungen. Ein Grund, weshalb ihm die Stadt kürzlich aufgrund von Brandschutzauflagen eine Frist gesetzt hat: Die Kugel soll wieder kleiner werden. Die Furcht: Im Fall eines Feuers könnte der benachbarte Kunstverein mit abfackeln. Edoga will sich daran halten und sein Werk nun zurückbauen. Fast täglich wuselt er dafür wieder durch sein System. "Fertig" wird die "Kugel" ohnehin nicht. Sie muss sich verändern. Noch immer.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 09.06.2012
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