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Das Interview: Die Unesco-Expertin Britta Rudolff nimmt seit Jahren an den Sitzungen der UNESCO teil – und gibt eine Einschätzung zu den Chancen Schwetzingens 

„Der Welterbe-Titel hat Prestigecharakter“

Archiv-Artikel vom Samstag, den 23.06.2012

Von unserem Redaktionsmitglied Annika Wind

Es dürfte kaum eine zweite Wissenschaftlerin geben, die sich so umfassend mit dem Thema Weltkulturerbe beschäftigt. Denn Britta Rudolff hat an der TU in Cottbus einen Lehrstuhl für "Welterbestudien". Ein Gespräch über die Bedeutung des Titels und die Chancen für Schwetzingen.

Frau Rudolff, ist der Welterbetitel schon einmal vergeben worden, obwohl es im Vorfeld ein negatives ICOMOS-Gutachten gab?

Britta Rudolff: Auch andere Stätten wie Regensburg waren nicht von ICOMOS empfohlen worden.

Britta Rudolff (37) ist Gastprofessorin im Studiengang Weltkulturerbe und Welterbe-Management an der TU Cottbus.

Sie nahm seit 2003 an allen Sitzungen des Welterbe-Komitees teil.

Stehen die Chancen für Schwetzingen also doch nicht so schlecht?

Rudolff: Das ist schwer einzuschätzen. Der internationale Rat für Denkmalpflege ICOMOS hat nur eine Beraterfunktion, das Welterbekomitee ist ein souveräner Körper der UNESCO, der eigenständige Entscheidungen fällen kann. Es kann also sein, dass die Ländervertreter den Wert Schwetzingens anders beurteilen, als es ICOMOS getan hat.

Welche Möglichkeiten hat die deutsche Delegation noch, das Komitee in Russland zu überzeugen?

Rudolff: Grundsätzlich sollte man mit den Delegationen des Komitees sprechen. Im Rahmen der Empfehlungen gibt es vier verschiedene Stufen, von der positivsten, einer Empfehlung zur Einschreibung auf die Welterbeliste, bis zur negativsten, bei der man davon abrät. Schwetzingen hat nun leider eine Empfehlung zur Nicht-Einschreibung bekommen. Das macht es relativ schwer.

Ist die Ablehnung vielleicht auch eine politische Entscheidung?

Rudolff: Die Entscheidungen des Komitees sind gelegentlich schon politisch. Im Fall von Schwetzingen sehe ich das aber nicht. Es ist wahrscheinlich nicht gelungen, herauszustellen, was der herausragende universelle Wert der Anlage ist im Vergleich zu ähnlichen Anlagen.

Hat sich die Vergabestrategie der UNESCO verändert?

Rudolff: Es gibt die Tendenz, Welterbe wahrzunehmen, das nicht für jeden ikonischen Charakter hat. Dazu gehören Stätten des Verkehrs oder der Industrie, die zur Entwicklung der Menschen beigetragen haben.

Mainz, Speyer und Worms wünschen sich den Titel für ihr jüdisches Kulturerbe. Wie sind die Chancen der Schum-Städte?

Rudolff: Es gibt viele Anträge, die von mehreren Städten gemeinsam eingereicht wurden. Voraussetzung ist ein Thema. Für das Welterbe ist aber auch relevant, ob noch genug historische Zeugnisse vorhanden sind.

Welche Vorteile bringt der Titel?

Rudolff: Er hat vor allem Prestigecharakter. Und die Besucherzahlen gehen in der Regel nach der Nominierung kurzfristig nach oben.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 23.06.2012
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