DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR

Dienstag, 28.02.2017

Suchformular
 
 

Lieber Leser, bitte aktivieren sie Cookies, um in den vollen Genuss unseres Angebotes zu kommen.

  • Drucken

Therapie: Alles tun, was ein Stotterer freiwillig niemals tun würde – die Teilnehmer eines Gruppenkurses gegen das Stottern müssen an und über ihre Schmerzgrenzen gehen

Ein Stotterer auf der „Achterbahn der Gefühle“

Archiv-Artikel vom Donnerstag, den 09.07.2015

Von unserem Mitarbeiter Sebastian Koch

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Die Teilnehmer arbeiten mit der Biofeedbacksoftware "Flunatic".

© dpa

Unser Autor Sebastian Koch stottert. Viele Therapien hat er schon ausprobiert, deshalb ist er skeptisch, als er in Kassel einen Gruppenkurs beginnt. Schon bald versteht er, warum man dort Mut, Fleiß und Überwindung braucht. Am Ende hält er ein Referat, blockadefrei. Eine Geschichte über Stolz und Euphorie.

Da stehe ich. Vor mir knapp 35 Leute. Und dann ist da noch dieser Zettel mit meinen Notizen, über die ich referieren soll. Wenn das nur so leicht wäre - ich bin Stotterer. Ein 23-jähriger Stotterer, der aufgeregt ist wie ein Kind an Heiligabend.

Zehn Tage zuvor: Vorstellungsrunde - der Horror für jeden Stotterer. Die Hände nass, die Knie weich, der Körper angespannt von der Haarspitze bis zum Zeh. Beim Sprechen tue ich mich erwartet schwer. Die Therapeuten der Kasseler Stottertherapie (KST) wollen alles wissen - besonders meine Erwartungen an die kommenden 14 Tage.

Ich bin skeptisch - vieles habe ich schon versucht: Stottercamp, Logopädien, Akupunktur und wegen der Atemtechnik das Erlernen eines Blasinstruments. Über die KST habe ich nur Gutes gehört und gelesen. Doch die Angst vor einem weiteren Misserfolg ist präsent. Ich freue mich zwar auf die zwei Wochen, weiß aber auch, dass ich an und über meine Schmerzgrenzen gehen muss. Ich werde recht behalten. Und das schon am ersten Tag.

Meine Gruppe wird mit der Aufgabe, Passanten zwölf Fragen rund um das Stottern zu stellen, auf die Straße "losgelassen". "Können Sie sich einen stotternden Kanzler vorstellen?" oder "Kann Stottern geheilt werden?", wollen wir wissen. Später telefonieren wir mit uns völlig unbekannten Menschen. Kurzum: Wir müssen all das machen, was ein Stotterer freiwillig niemals tun würde.

"Genießt das Stottern, morgen wird es nicht mehr zu hören sein", gibt uns Therapeutin Astrid Korneffel dann mit auf den Weg in eine unruhige Nacht. Vorstellen kann ich mir das überhaupt nicht.

"Wort-für-Wort"-Methode

Am nächsten Morgen macht uns Therapeut Achim Schwesig schnell klar, dass Stottern nicht heilbar ist. Allerdings gäbe es Techniken, mit denen ein neues Verhalten anerzogen werden kann. Als eine "Skispur neben dem Lift" umschreibt er das. "Wer sprechen will, muss innerlich ruhig sein."

Die "Wort-für-Wort"-Methode fühlt und hört sich komisch an. Nach zehn Therapiestunden ist es schwer, sich zu konzentrieren: Aber wir beißen uns durch. Uns ist die Freude am Sprechen anzumerken.

Erschlagen von den Eindrücken des Tages tauschen wir uns am Abend aus. Nicht ohne dabei in der neuen Technik zu sprechen. Wir sind wie Kinder, die begeistert das geschenkte Spielzeug ausprobieren.

Tags darauf treffen wir den ehemaligen Klienten Detlef B.. "Flüssiges Sprechen ist für Stotterer eine Mischung aus Fleiß-, Mut- und Überwindungsarbeit", verrät uns der Hamburger, der seinen Kurs vor zwei Jahren absolviert hat. Schon bald werde ich verstehen, was es damit auf sich hat.

Am Nachmittag legen wir das "Wort-für-Wort"-Sprechen ab und verbinden einzelne Satzglieder in Sinnabschnitte. Es ist ein bisschen "wie auf einer Achterbahn mit vielen Rückwärtsloopings zu fahren", vergleicht Schwesig die Technik. Dabei "lallen" wir, als hätten wir 2,6 Promille Alkohol im Blut.

Vortrag vor der Gruppe

Die Basis ist gelegt, nun stehen wir vor der Aufgabe, einen Vortrag vor der Gruppe zu halten. Für einige der erste überhaupt, für andere ein Schritt zur Traumabewältigung. Tatsächlich gibt es viele Stotterer, die aus Angst vor mündlichen Prüfungen gar ihr Abi abbrechen, andere werden in Bewerbungsgesprächen aus fadenscheinigen Gründen ausgesiebt. Der Umgang der Gesellschaft mit Stotterern ist nach wie vor größtenteils unsensibel, mit erheblichen Konsequenzen für die Betroffenen.

An diesem Morgen laufen die Vorträge hervorragend. Wir alle schaffen es, die Technik anzuwenden. Wir sind stolz, die schwierige Aufgabe bestanden zu haben. Die Therapie greift.

Lallend durch Kassel

Die zweite Woche ist geprägt von Transfer-Aufgaben. Mit Fragen, wie "Kann ich die Pizza auch ohne Oliven haben?" oder "Kann der Gutschein auch in anderen Städten eingelöst werden?", lallen wir uns durch Kassel. Da ist sie - die Überwindungs- und Mutarbeit. Es ist schwer zu beschreiben, was in uns vorgeht: Eine Mischung aus Scham und Bammel vor der Technik sowie Stolz und Euphorie bei Gelingen sind Stationen auf der "Achterbahn der Gefühle". Am Ende ist klar: Der Alltags-Transfer ist noch schwieriger als erwartet, wir müssen ständig unsere Scham- und Schmerzgrenzen überwinden.

  • Drucken
 
 
TICKER

Das Wetter in der Metropolregion

Mannheim - Prognose für 0 Uhr

Das Wetter am 28.2.2017 in Mannheim: Regen
MIN. 6°
MAX. 10°
 

 

Erster ICE fährt durch Mannheim

Anfang Juni 1991 fuhr der erste ICE auch durch Mannheim und machte am Hauptbahnhof halt. Berichte aus dem "Mannheimer Morgen" von 1991 können Sie hier abrufen.

Gerstensaft

Testen Sie Ihr Wissen über Bier!

Wie viel Bier trinkt der Deutsche pro Jahr im Durchschnitt? Was ist ein "Radler sauer"? Und wie kam die Eichbaum Brauerei zu ihrem Namen? Stellen Sie sich unserem Wissenstest zum Thema Bier! [mehr]

Kontakt zur Redaktion Vermischtes

Telefon 0621/392-1313
Fax 0621/392-1373

Schreiben Sie uns eine E-Mail!

Asteroidentrümmer

Hinweise auf Asteroidentrümmer in Doppelsternsystem

Astronomen finden ein sehr spezielles Doppelsternsystem. Es erinnert sie an die Heimat des Star-Wars-Charakters Luke Skywalker. Doch der Vergleich ist mit Vorsicht zu genießen. [mehr]

Karneval

Jecken feiern unter massivem Polizeischutz

Köln/Düsseldorf/Mainz. Trump, Trump, Trump: So wie er die Nachrichten dominiert, gibt der US-Präsident auch bei den Rosenmontagszügen in den Karnevalshochburgen den Ton an. In Köln kommt Donald Trump als Neuling in eine Schulklasse, und außer Russlands Präsident Wladimir Putin will niemand neben… [mehr]

Martin Schulz

SPD in Mannheim gewinnt Mitglieder

Der Trump-Schulz-Effekt

Erst die US-Wahl, dann die Kandidatur von Martin Schulz: Die Mannheimer SPD wächst seit längerer Zeit wieder. Besonders seit Jahresanfang sind viele neue Mitglieder eingetreten. [mehr]

 

DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR