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Medizin: Odessa in der Ukraine gilt als Aids-Hauptstadt Europas – nirgendwo anders breitet sich die Krankheit so schnell aus wie hier

Eine offene, charmante Stadt mit einem fatalen Problem: Aids

Von unserer Korrespondentin Inna Hartwich

Eine Million Einwohner, ein buntes Leben: In Odessa, der Hafenstadt am Schwarzen Meer, siedelten sich schon die alten Griechen an.

©  Olaf Meinhardt/Visum

Aus dem Schatten des Lebens in den "Sonnenkreis" - die Hilfsorganisation mit dem freundlichen Namen kümmert sich in Odessa um die vielen Aidskranken der ukrainischen Stadt.

Das Zimmer ist steril, die Wände sind kahl. Swetlana Sjubinskaja rutscht auf dem Stuhl hin und her. Die junge Frau war schon so oft hier, in dieser Klinik, bei dieser Ärztin. Vor diesem Tag aber hatte sie Angst. Das Herannahen der Medizinerin, sie hört es immer näher. Das immer lauter werdende Tippeln. Tack, tack. Tacktacktack. Swetlana Sjubinskaja atmet schnell und flach, sie starrt geradeaus. "Der Junge ist gesund", sagt die Ärztin vor ihr. Swetlana Sjubinskaja bricht zusammen. "Sweta, hörst du, dein Sohn hat kein HIV!"

Swetlana Sjubinskaja kann nicht aufhören zu weinen. Sie hat so viel durchgestanden, hat die Blicke der anderen Frauen ertragen, als sie in einem Käfig im Krankenhaus lag, weggesperrt, weil sich kein Arzt fand, um die HIV-infizierte Mutter nach der Geburt zu behandeln. Sie hat Freunde verloren, weil sie Angst hatten, sich bei ihr anzustecken, sie hat ihren Mann ausziehen sehen, den Menschen, der sie mit der Krankheit ansteckte und sich dann abwandte. "Nur eines von 100 Kindern kommt gesund zur Welt, wenn die Mutter HIV in sich trägt", hatte man ihr gesagt. Sie hatte jeden Job angenommen, um sich die Medikamente kaufen zu können, um sich um ihr Baby zu kümmern. Allein.

Und jetzt? Die Krankheit bleibt ihrem Sohn erspart? Ein Glück, das sie von den Beinen reißt. Zwölf Jahre ist das her. Aids aber ist in der Ukraine ein Tabu geblieben. Heute sitzt Sjubinskaja in einem Räumchen voller Sofas und Sessel in einem Hinterhof von Odessa, an der Wand hängen krakelige Kinderzeichnungen.

Sie kommt jeden Samstag hierher, zur Gesprächsrunde in die Organisation "Sonnenkreis", die HIV-Infizierte und Aids-Kranke berät, die sie zu den richtigen Ärzten schickt und nach Kindergartenplätzen sucht. Die 24 Mitarbeiter, alle selbst betroffen, hören zu, beraten und organisieren auch schon mal einen Single-Abend für die Infizierten, weil sie hier frei über das Virus sprechen können. Über 2000 Menschen betreut "Sonnenkreis" mittlerweile, darunter 400 Kinder.

Finanziert wird die Organisation seit ihren Anfängen im Jahr 2000 vor allem vom "Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria". Die Stadtverwaltung hat den Helfern die Räume zur Verfügung gestellt, nur unweit des Zentrums von Odessa, diesem offenen, charmanten Ort am Schwarzen Meer, in dem sich schon die alten Griechen ansiedelten und später die Türken, die Russen, die Franzosen, die Deutschen kamen. Die Hafenstadt, sie brachte schon immer ein buntes Leben mit sich. Sie brachte auch die Probleme, vor allem nach dem Zerfall der Sowjetunion. Odessa gilt als die Aids-Hauptstadt Europas. Knapp 16 500 HIV-Infizierte sind hier registriert, Experten gehen jedoch von bis zu 70 000 Fällen in der Eine-Million-Einwohner-Stadt aus.

Allein in den vergangenen neun Monaten verzeichnete das ukrainische Gesundheitsministerium für Odessa eine Steigerung der Neu-Infizierten um elf Prozent. Laut UNAIDS ist die Ukraine das Land mit der höchsten Neuinfektionsrate in Europa. Etwa 1,6 Prozent - das sind mehr als eine halbe Million Ukrainer - tragen das HI-Virus in sich. In Deutschland sind 0,1 Prozent der Bevölkerung infiziert.

Erst seit 2005 gibt es Therapien in der Ukraine. Dem Land fehlt Geld, um den Kampf gegen die Epidemie aufzunehmen. Zudem herrscht den Betroffenen gegenüber immer noch die Haltung "Selbst schuld, also seht zu, wie ihr aus dem Schlammassel wieder rauskommt". Die Krankheit aber hat längst die Randgebiete der Gesellschaft verlassen und ist mittendrin angekommen.

Beim "Sonnenkreis" können die Eltern reden und die Kinder spielen. "Unbeschwert sein", nennt es Albina Kotowitsch, die Leiterin der Organisation. Sie will es den Betroffenen ersparen, nach der Diagnose ins Loch zu fallen, wie sie es selbst erlebte, auch wenn sie weiß, dass jeder durch dieses Loch durchmuss - aber eben mit Unterstützung.

Sie hat Fälle erlebt, dass sich die Menschen verbrennen, sich erschießen oder aufhängen, wenn sie von ihrer Krankheit erfahren. Seit 1995 trägt sie das Virus in sich, Drogen hatte sie genommen, "alles durchprobiert". Unterkriegen lässt sie sich von der Krankheit nicht. Ihr Büro ist von Löchern durchbohrt, das Holz ist morsch geworden, für die Renovierung sei kein Geld da. Lieber investierten sie in bunte Spielgeräte für Kinder, in Musik- und Sporträume für Jugendliche. "Das Leben geht mit der Diagnose ja nicht zu Ende."

Zwei Kliniken in Odessa haben sich auf HIV und Aids spezialisiert, vor allem schwangere Frauen würden nicht mehr in Metallkäfige gesperrt, mit der richtigen Behandlung bringt die Mehrheit der Betroffenen gesunde Kinder zur Welt. An medizinischer Hilfe fehlt es aber weiterhin. Die Therapien sind kostenlos für die Betroffenen, für die Krankheiten, die wegen des schwachen Immunsystems auftreten, müssen die Ukrainer jedoch meist selbst aufkommen.

Bei einem Durchschnittseinkommen von umgerechnet 250 Euro eine enorme Belastung. Auch Swetlana Sjubinskaja, die heute 40-Jährige mit den roten Haaren und den Zahnlücken, kämpft immer wieder mit Rückschlägen. "Dann aber steht mein Sohn vor mir, mit seinen paar geschenkten Griwna in der Hand, und ich weiß, ich will leben. Muss leben, so lange mich das Virus lässt."

© Mannheimer Morgen, Freitag, 20.07.2012
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