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UNESCO: Ab Montag tagt die UN-Kulturorganisation in St. Petersburg / Bis 4. Juli wird dann auch über die Vergabe des Welterbe-Titels an Schwetzingen entschieden

Eine Residenz im Bilderbuch der Welt

Von unserem Redaktionsmitglied Annika Wind

Jährlich zieht die Schwetzinger Schlossanlage 600 000 Besucher an - durch den Welterbe-Titel könnten es mehr werden.

© dpa/Amm/Hausner

Nächste Woche entscheidet die UNESCO, ob Schwetzingen in die Weltkulturerbe-Liste aufgenommen wird. Die Chancen stehen nach Einschätzung von Experten schlecht - doch auch bei einer Ablehnung hätte sich der Antrag gelohnt.

Nein, mit solch einem Gutachten hatten sie nicht gerechnet. Die Vertreter der Staatlichen Schlösser und Gärten nicht und auch nicht die des Denkmalschutzes oder der Stadt Schwetzingen. Schon gar nicht die Wissenschaftler, die den Antrag mitschrieben. Der universelle Wert des Schlosses, der Gärten und Stadtanlage, so hatte es die internationale Denkmalschutzbehörde ICOMOS Anfang Juni mitgeteilt, sei aus ihrer Sicht nicht gegeben. Man werde daher der UNESCO davon abraten, die Sommerresidenz in die Welterbeliste einzutragen.

Ein Schock. Für alle Beteiligten. Aber auch ein Ansporn für die Delegation, die Sonntag zur UNESCO-Tagung nach St. Petersburg reist, um dort die endgültige Entscheidung abzuwarten. Vor Ort wollen die Vertreter des Auswärtigen Amtes, der Schlossverwaltung, Denkmalbehörde und Stadt bei den Stimmberechtigten aus der ganzen Welt für das Schloss werben. "Schwetzingen hat den Titel verdient", sagt Oberbürgermeister René Pöltl. Nach langen Recherchen und 600 000 Euro, die zu einem Viertel die Stadt, zum anderen Viertel die Landesdenkmalpflege und zur Hälfte die Staatlichen Schlösser und Gärten in den Antrag investierten, will sich niemand geschlagen geben. Daher hat man in einem "letter of factual errors", einer Stellungnahme, das Gutachten angefochten. Und Lücken aufgezeigt.

Vor 40 Jahren hat es sich die UN-Kulturorganisation UNESCO zur Aufgabe gemacht, das Kultur- und Naturerbe der Welt zu schützen. 189 Staaten haben dazu eine Konvention unterzeichnet.

936 Kultur- und Naturstätten in 153 Ländern stehen heute auf der Welterbeliste.

In Deutschland tragen 36 Orte den Titel des Weltkulturerbes: Neben dem Dom in Speyer ist in der Region auch das Kloster Lorsch vertreten.

Denn den "universellen Wert" der Barockanlage zeigt der Antrag nach ihrer Meinung genau: Auf über 500 Seiten hat man die Bedeutung der Sommerresidenz dargestellt. Und dabei wohl auch vieles anders oder besser begründet als 2009. In einem ersten Antrag hatte Schwetzingen noch die Freimaurer in den Fokus gerückt, deren Symbole man nachweisen konnte. Bis man beschloss, den Antrag zu überarbeiten.

Ideale der Aufklärung im Fokus

Nun wird gezeigt, wie Carl Theodor (1724-1799) in seiner ständigen Sommerresidenz die Ideale der Aufklärung verwirklichte. Der Kurfürst nutzte das Schloss als informellen Ort für die Wissenschaft, für neue Kunst- und Musikformen, auch wenn er weiter von hier aus die Regierungsgeschäfte führte. Schwetzingen sei ein Ort "von dessen berühmtem Hofe die Strahlen, wie von der Sonne, durch ganz Teutschland, ja durch ganz Europa sich verbreiten", schreibt Leopold Mozart 1777. Ein nach den Wünschen Carl-Theodors ausgerichtetes Opernrepertoire, ein Badhaus, das Rangtheater - die Liste der Besonderheiten ist lang. Aber erst im Vergleich mit 30 Schlössern wie Nymphenburg oder Sanssouci wird klar: Das alles ist auch so einzigartig, weil es nach dem Fortgang des Kurfürsten nach München nie verändert oder zerstört wurde.

Auch ICOMOS lobt den vorbildlichen Zustand und die Authentizität der Anlage, in der vom Löscheimer bis zur Parkausstattung vieles noch im Original erhalten ist. Aber das Gutachten berücksichtigt einiges nicht: Im Park hat sich die einzige Gartenmoschee Europas erhalten - hier wird sie nur kurz erwähnt. Auch die Bedeutung des Parks oder der Einfluss der "Mannheimer Schule" wird nicht groß beachtet. Warum? "Die UNESCO will nicht vollständig, sondern exemplarisch abbilden", sagt Hartmut Troll von den Staatlichen Schlössern und Gärten, der den Antrag mitschrieb. "Bei der Entscheidung gibt es auch politische Kriterien", glaubt Michael Goer vom Landesamt für Denkmalpflege. Warum hat das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth, das sich als zweite deutsche Stätte um den Titel bewirbt, ein positives Gutachten bekommen und Schwetzingen nicht? Manche glauben, das habe mit der Herkunft des ICOMOS-Präsidenten zu tun - Michael Petzet ist Bayer. "Vor 25 Jahren wäre es leichter für den Antrag gewesen", sagt der Heidelberger Architekturhistoriker Michael Hesse. Schließlich stünden die Schlösser Brühl oder Schönbrunn längst auf der Liste.

Den Schwetzingern wird das wenig nützen - aber sinnvoll war der Antrag allemal: "Wir haben noch nie so viel über die Anlage gewusst", sagt Projektleiter Andreas Falz. Mit 20 Infoveranstaltungen und einer Tagung hatte man ihre Bedeutung Experten und Bürgern vermittelt. Millionen flossen in die Sanierung der Fassade und des Platzes. 800 000 Euro werden jährlich in die Gartenpflege gesteckt, durch die Festspiele die Anlagen deutschlandweit publik gemacht. Daran dürfte sich auch nach einer Ablehnung nichts ändern.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 23.06.2012
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