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Jubiläum: Am 20. Dezember 1812 erschien die Erstausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ von Jacob und Wilhelm Grimm / Auch heute haben sie einen festen Platz in vielen Kinderzimmern

Märchenhafte Geschichten von einst verzaubern noch immer

Von unserem Redaktionsmitglied Dennis Christmann

Die Geschichte von "Rotkäppchen", das wie seine Großmutter vom bösen Wolf gefressen wird, gehört zu den beliebtesten der Grimm'schen Märchensammlung.

© DIEKLEINERT/dpa

Vor 200 Jahren gaben die Brüder Grimm die erste Auflage ihrer "Kinder- und Hausmärchen" heraus. Bis heute faszinieren ihre Geschichten Kinder wie Erwachsene. Sie zählen zu den weltweit meistgelesenen Werken deutscher Sprache. Das Jubiläum ist Auftakt zum Grimm-Jahr 2013.

"Ei Großmutter, was hast du für große Augen!" Auch im Zeitalter des Smartphones hat beinahe jedes Kind bei diesem Satz das Bild des kleinen Mädchens im Kopf, das unter seiner roten Mütze hervor ängstlich auf sein Gegenüber blickt. Im nächsten Moment hat der Wolf das Kind verschluckt, wie schon zuvor die wehrlose Kranke. Ein Jäger rettet die beiden, der Bösewicht dagegen stirbt.

"In den Märchen der Grimms gibt es klare Bilder und eine deutliche Unterscheidung zwischen Gut und Böse", erklärt Märchenforscher Hans-Jörg Uther im Gespräch mit dieser Zeitung. Dass in den fantasievollen, von den Gesetzen der Wirklichkeit befreiten Erzählungen am Ende fast immer das Gute triumphiert, entspreche zudem dem kindlichen Gerechtigkeitsgefühl.

Laut einer Forsa-Umfrage erzählen auch heute noch gut zwei Drittel der Eltern ihren Kindern die Geschichten von "Schneewittchen", "Hänsel und Gretel" oder dem "Wolf und den sieben Geißlein". Das war nicht immer so: "Das Märchen als Erzählgattung hat seine Berge und Täler erlebt", sagt Uther, von dem eines der wichtigsten Handbücher zu Grimms "Kinder- und Hausmärchen" stammt. So fand man in den 1970er Jahren, Märchen seien grausam und nicht mehr zeitgemäß. Einige störten sich auch am "Urdeutschen Mythos". Ein Beispiel: Frau Holle, die es im Märchen auf der Welt schneien lässt, wenn ihre Kissen aufgeschüttelt werden. In ihr sah Jacob Grimm eine Verkörperung der germanischen Totengöttin Hel. "Diese mythologischen Auffassungen sind heute oft nicht mehr zu vertreten", sagt Uther, gibt aber zu bedenken, dass sie dem damaligen Zeitgeist unter der napoleonischen Besatzung geschuldet waren.

Vorlagen von adligen Frauen

Auf der Suche nach nationaler Identität hatten die Grimms Achim von Arnim und Clemens Brentano bei ihrer altdeutschen Liedersammlung "Des Knaben Wunderhorn" (1805-1808) unterstützt. Von der Sammelfreude ergriffen, fassten die Brüder, die eine lange Hausgemeinschaft verband, den Plan, mündlich überlieferte Volksmärchen zusammenzutragen. Die Vorstellung, sie seien dazu quer durch die hessischen Lande gestreift, gehört jedoch ins Reich der Sagen. Auch waren es keine alten Bauernweiblein, die den Brüdern als Quellen dienten, sondern Frauen aus gebildeten Ständen - wie die befreundeten Familien Hassenpflug und Wild aus Kassel. Allein die Schneidersgattin Dorothea Viehmann, Nachfahrin französischer Hugenotten, steuerte 37 Märchen bei.

Auch von adligen Damen wie der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff kamen Vorlagen, die vor allem Wilhelm um- und ausgestaltete. "Er besaß nicht nur die Gabe, Vorgefundenes sprachlich aufzubereiten, sondern auch dichterisches Talent", sagt Uther. Bei "Schneeweißchen und Rosenrot" oder den "Bremer Stadtmusikanten" habe er die Inhalte "zum Vorteil der Stoffe wesentlich verändert." Und aus dem Dummkopf von "Hans im Glück" habe er einen ambivalenten, liebenswerten Menschen gemacht.

Eigene Werte im Vordergrund

Im Laufe der Zeit passten die Brüder Grimm ihre Märchen an christlich-bürgerliche Wertvorstellungen an. So wurde aus Schneewittchens neidischer Mutter, die ihre hübsche Tochter viermal zu töten versucht, die böse Stiefmutter. "Rotkäppchen", dessen Grundhandlung wie die von "Schneewittchen" und "Aschenputtel" bereits 1697 beim französischen Dichter Charles Perrault auftauchte, war ursprünglich eine Warnung vor wollüstigen Schmeichlern. Um die Texte nach eigenem Verständnis kindgerecht zu gestalten, bereinigte Wilhelm Grimm erotische Anspielungen. Und den vom Wolf Gefressenen rettete er das Leben, indem er ihnen einen Jäger zu Hilfe sandte. Von der Darstellung des Froschs als Liebhaber in der schottischen Überlieferung des "Froschkönig" blieb kaum etwas übrig. "Und niemand weiß, woher Rapunzels Zwillinge kommen", sagt Uther.

Trotz des später so populären Grimm'schen Märchentons - von "Es war einmal" bis "Und wenn sie nicht gestorben sind" -, den die Grimms schufen, ließ der Erfolg zunächst auf sich warten: Erst 1825 verhalf eine Teilausgabe mit Illustrationen des "Malerbruders" Ludwig Emil zum Durchbruch. Die Märchensammlung wurde in rund 170 Sprachen übersetzt und mit einer Gesamtauflage von über fünf Millionen Exemplaren zum erfolgreichsten deutschsprachigen Werk neben der Lutherbibel. Andere Sammlungen wie die Ludwig Bechsteins und die oft traurig endenden Kunstmärchen Wilhelm Hauffs oder des Dänen Hans Christian Andersen stellte sie damit in den Schatten.

Grimms Märchen seien auch deshalb so erfolgreich, weil alle Medien sie immer wieder in Beschlag nehmen, erklärt Uther. Von frühen Disney-Produktionen bis zu aktuellen Fernsehverfilmungen werden sie in Rohform übernommen und zeitgemäß umgesetzt. Jüngste Beispiele sind der im Februar anlaufende Horrorstreifen "Hänsel und Gretel - Hexenjäger" oder Karen Duves Buch "Grrrimm", das die Helden von einst den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts aussetzt.

Dass neben den modernen Adaptionen auch die ursprünglichen "Kinder- und Hausmärchen" überleben werden, steht außer Frage: "Diese Märchen werden nie vergehen, davon bin ich überzeugt", sagt Uther. "Ob man in 100 Jahren noch über Momo, Harry Potter oder die Helden der Tolkien-Bücher sprechen wird, muss sich erst zeigen."

© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 20.12.2012
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