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Schmerzserie: Bei der multimodalen Therapie erstellen Mediziner, Psychologen und Physiotherapeuten gemeinsam indiv

Mit vereinten Kräften gegen chronischen Schmerz

Von unserem Redaktionsmitglied Madeleine Bierlein

Bei chronischen Schmerzen handelt es sich um eine komplexe Erkrankung. Mit Medikamenten allein ist den Patienten daher oft nicht zu helfen. Als besonders wirksam hat sich die multimodale Schmerztherapie erwiesen. Mediziner, Psychologen und Physiotherapeuten arbeiten dabei eng zusammen.

Seit sieben Jahren leidet Sabine S. (Name geändert) unter Schmerzen. Unter Schmerzen, die immer stärker werden, die sich in Schulter-, Rücken- und Hüftbereich ausbreiten, die sie teilweise bewegungsunfähig und mittlerweile auch berufsunfähig gemacht haben. Die Diagnosen, die die mittlerweile 55-Jährige im Lauf der Jahre erhalten hat, reichen von einer Halswirbelsäulenveränderung bis zu einem chronisch generalisierten Schmerzsyndrom vom Typ Fibromyalgie (Faser-Muskel-Schmerz). Tabletten schaffen nur kurz Linderung. "Ich weiß einfach nicht mehr weiter", schreibt sie verzweifelt in einem Internetforum.

Wie Sabine S. geht es vielen Schmerzpatienten. Oft können sie auf einen jahrelangen Leidensweg zurückblicken, haben zahlreiche Ärzte und Therapeuten aufgesucht, ohne Hilfe zu erhalten. Eine Erklärung dafür lieferte kürzlich Michael Pfingsten von der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS) bei einem Kongress in Mannheim: "Schmerz ist eine komplizierte Angelegenheit, mehrere Faktoren spielen dabei eine Rolle." Von vielen Ärzten würden aber nur Einzelmaßnahmen, zum Beispiel Schmerzmittel, verordnet. "Und die reichen häufig nicht aus."

Dennoch gibt es Hoffnung für chronische Schmerzpatienten. So erzielt die in den USA entwickelte, sogenannte multimodale Schmerztherapie Studien zufolge deutlich bessere Ergebnisse. Auch hierzulande hat sie sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr durchgesetzt, wird mittlerweile stationär, aber auch ambulant angeboten. Genau genommen handelt es sich dabei gar nicht um eine Neuheit, sondern lediglich um die Vernetzung von Altbekanntem - nämlich um eine gemeinsame, fachgruppenübergreifende Therapie durch Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten und Pfleger. Da das Krankheitsbild von Patient zu Patient sehr unterschiedlich ist, erstellen die Therapeuten außerdem immer einen individuellen Behandlungsplan.

Zahlen

Fast jeder dritte Erwachsene hat laut Deutscher Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS) chronische Schmerzen. Insgesamt gibt es hierzulande rund 13 Millionen Schmerzpatienten (17 Prozent der Gesamtbevölkerung). Damit liegt Deutschland im europäischen Mittelfeld. Die wenigsten Schmerzkranken leben in Spanien (elf Prozent), die meisten in Polen (27 Prozent). Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Die meisten Patienten sind zwischen 40 und 70 Jahre alt.

Am häufigsten sind Rücken- und Kopfschmerzen. Es folgen Nerven- und Tumorschmerzen. Das Leiden kann sich auf das gesamte Leben auswirken: Drei Viertel (73 Prozent) der Patienten klagen nach Zahlen der DGSS über Bewegungseinschränkungen, zwei Drittel (65 Prozent) können nicht mehr außer Haus arbeiten, 19 Prozent müssen ihren Arbeitsplatz wechseln. 64 Prozent leiden zudem unter Schlafstörungen. Und ein Viertel der Patienten gerät in soziale Isolation. Jeder fünfte entwickelt eine Depression. mad

Vor allem bei Rückenschmerzen sind die Ergebnisse erstaunlich. So hatten Betroffene bislang nach drei Monaten Arbeitsunfähigkeit nur eine Chance von 35 Prozent, wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Erhalten sie aber eine multimodale Therapie, erhöht sich ihre Chance Untersuchungen zufolge auf 86 Prozent. Weitere Studien zeigen, dass drei Viertel der chronischen Schmerzpatienten von der multimodalen Behandlung profitieren.

Schmerz ist zum Massenproblem geworden. Dabei hat das Ziehen, Pochen, Brennen oder Dröhnen eine sinnvolle und mitunter lebenswichtige Funktion. Als Warnsignal zeigt Schmerz, dass etwas nicht in Ordnung ist und verhindert so Schlimmeres. Nähert sich zum Beispiel ein Kind einer Flamme, lässt er es rechtzeitig zurückzucken. Doch bei vielen Menschen gerät das Warnsignal außer Kontrolle. Es wird chronisch und damit sinnlos: Schmerzen, die über sechs Monate andauern, gelten als eigenes Krankheitsbild. Nach Zahlen der DGSS sind 17 Prozent der deutschen Bevölkerung davon betroffen, das entspricht rund 13 Millionen Menschen. Besonders perfide: Der Schmerz sitzt nur scheinbar an der Stelle, an der er wahrgenommen wird. In Wirklichkeit sind es aber die Nervenfasern, die den Impuls weiterleiten und das Gehirn in Alarmbereitschaft versetzen - oft auch dann noch, wenn der Auslöser nicht mehr vorhanden ist.

Selbst aktiv werden

"Der Schmerz ist immer stark von den umgebenden Bedingungen abhängig und steht unter starken psychologischen Einflüssen", weiß Schmerzexperte Pfingsten. Bei der multimodalen Therapie wird daher die persönliche, familiäre und berufliche Situation der Betroffenen berücksichtigt - und gegebenenfalls in die Behandlung einbezogen.

Eine wesentliche Rolle spielen zudem Physiotherapie, Ergotherapie und physikalische Therapien. "Sie wirken sich nicht nur positiv auf das Bewegungssystem aus, sondern beeinflussen auch das Bewegungsverhalten und die Wahrnehmung von Schmerz", weiß Ursula Geymann, leitende Physiotherapeutin an der Universitätsmedizin Mannheim. Und - ganz wichtig - die Patienten übernehmen eine aktive Rolle, erfahren, dass sie selbst etwas an ihrer Situation ändern können.

Selbst bei chronischen Kopfschmerzenpatienten wirkt die kombinierte Therapie, wie eine Berliner Studie zeigt. Bei den Patienten konnte zum einen die Zahl der Kopfschmerztage von durchschnittlich 14,5 auf 7,6 Tage pro Monat gesenkt werden. Auch der Medikamentenkonsum sank deutlich: von 17 auf nur noch vier Präparate pro Monat. "Für die Patienten ist das ein riesiger Gewinn an Lebensqualität", berichtet Thomas-Martin Wallsch von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft.

Auch in der Internetgruppe, in der sich Sabine S. mit anderen Schmerzpatienten austauscht, wird inzwischen über multimodale Therapien diskutiert. Die 55-Jährige will nun versuchen, einen Behandlungsplatz zu bekommen. "Das ist meine letzte Hoffnung", schreibt sie.

Dienstag, 16.10.2012
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