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Interview: Der weltweit anerkannte Schmerzexperte Rolf-Detlef Treede aus Mannheim über unterschiedliche Arten von Beschwerden und Probleme in der Versorgung von Patienten

„Schmerz entsteht immer und ausschließlich im Kopf“

Archiv-Artikel vom Mittwoch, den 17.10.2012

Von unseren Redaktionsmitgliedern M. Bierlein und W. Kirsch-Mayer

Kopf- und Rückenschmerzen sind weit verbreitet.

© dpa

Indianerherz kennt keinen Schmerz. Solchen Sprüchen kann der renommierte Schmerzexperte Rolf-Detlef Treede nichts abgewinnen. Im Gespräch mit unserer Zeitung betont er, dass Schmerzen grundsätzlich ernst genommen werden sollten.

Herr Professor Treede, wann hatten Sie das letzte Mal Schmerzen?

Rolf-Detlef Treede: Das ist schon ein bisschen her (zögert). Vor ein paar Wochen hatte ich etwas Rückenschmerzen, da habe ich noch gedacht, ich muss mich wieder ein wenig mehr bewegen. Aber sonst? (überlegt) Ach ja, und letzte Woche hatte ich bei einer Wanderung mit meinen Kindern Schmerzen am Fuß. Das lag aber an den Schuhen, die drückten.

  • Der Neurophysiologe Professor Dr. Rolf-Detlef Treede hat weltweit einen Namen als Schmerzexperte. Dies belegt seine Wahl zum Präsidenten der Internationalen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes.
  • Treede kann in den kommenden sechs Jahren auf höchster internationaler Ebene dazu beitragen, Schmerz-Therapiekonzepte und deren praktische Umsetzung zu verbessern. Seinen zwei Jahren als designierter Präsident schließen sich jeweils 24 weitere Monate als Präsident und Past-Präsident an.
  • Der gebürtige Hamburger - Jahrgang 1956 - hat in seiner Heimatstadt Medizin und Informatik studiert und sich im Fach Physiologie habilitiert.
  • Nach einer wissenschaftlichen Hospitanz in den USA wechselte er an die Universität Mainz. 2008 wurde er auf den Lehrstuhl für Neurophysiologie am Zentrum für Biomedizin und Medizintechnik Mannheim berufen.
  • Treede ist in verschiedenen Fachgesellschaften engagiert und Mitglied im Herausgeber-Beirat "Pain". wam

War das dann ein sogenannter Akutschmerz?

Treede: Nein, noch nicht. Von einem Akutschmerz sprechen wir eigentlich erst, wenn er sich über Stunden hinzieht. Wenn man sich den Finger einklemmt oder der Schuh drückt, dann ist das ein Warnsignal, wir würden es phasischen Schmerz oder auch SOS-Schmerz nennen. Dieser Schmerz ist ganz kurz und verschwindet mit dem Reiz. Er ist aber essenziell fürs Überleben.

Inwiefern?

Treede: Wegen seiner Warnfunktion. Es gibt Menschen, die aufgrund eines Gendefekts keine Schmerzen wahrnehmen können. Sie verletzen sich schon in der Kindheit deutlich häufiger und haben aufgrund dieser Verletzungen eine verkürzte Lebenserwartung.

Hat Akutschmerz auch diese Warnfunktion?

Treede: Ja, durchaus. Typische Beispiele dafür sind Operationen. Da kann der Schmerz signalisieren, dass man sich noch schonen soll. Der Akutschmerz dauert aber bereits länger als der SOS-Schmerz - einen Tag oder wenige Tage. Es gibt auch bereits Schmerzgedächtnisprozesse. Doch diese hören wieder auf - letztlich von selbst.

Ab wann wird ein Schmerz zum Problem?

Treede: Dann, wenn er chronisch ist und keine Warnfunktion mehr erfüllt. Dann ist nicht mehr der ursprüngliche Auslöser - etwa eine Verletzung - das Problem, sondern der Schmerz wird selbst zum Problem. Und so etwas kann unter Umständen sehr schnell gehen. Früher sprach man erst nach drei oder sechs Monaten von einem chronischen Schmerz. Aber das ist nicht korrekt. Heute wissen wir, dass eine Chronifizierung schon sehr viel schneller eintreten kann.

Wodurch wird ein Schmerz chronisch?

Treede: Das Grundkonzept heute ist, dass zwei Dinge zusammenkommen müssen: eine Veranlagung und ein auslösendes Ereignis. Die Veranlagung kann im Laufe des Lebens erworben sein, es können aber auch genetische Faktoren eine Rolle spielen. Das auslösende Ereignis kann eine größere Verletzung sein, oder eine oder mehrere für sich genommen kleinere Verletzungen.

Welche Rolle spielt die Psyche?

Treede: Eine nicht zu unterschätzende. Wir sprechen beim Schmerz vom bio-psychosozialen Modell, das heißt körperliche und psychische Prozesse beeinflussen sich gegenseitig, hinzu kommt noch der Einfluss von Familie und Arbeitsplatz. Gerade beim Rückenschmerz ist besonders gut untersucht, wie sich diese Faktoren durch unbewusste Lernprozesse verstärken können.

Ohnehin spielt sich Schmerz nicht dort ab, wo wir ihn vermuten.

Treede: Richtig. Schmerz entsteht immer und ausschließlich im Kopf! Und nicht im gebrochenen Fuß. Wenn Nervensignale von Verletzungen das Gehirn erreichen, projiziert das Gehirn den Schmerz in die Körperregion, aus der diese Signale wahrscheinlich stammen. Deshalb kann der Zahnarzt beim Bohren im Mund das Entstehen von Schmerzen verhindern, indem er durch eine örtliche Betäubung dafür sorgt, dass die Nervensignale aus den Zähnen nicht ins Hirn weitergeleitet werden können.

Begünstigt Stress Schmerzen?

Treede: Stress und Schmerz interagieren sehr stark. Schmerz ist ein Stressor. Und Stress kann zweierlei bewirken. Akuter Stress wirkt schmerzhemmend. Da gibt es viele Beispiele aus dem Sport, über verletzte Soldaten oder Opfer von Verkehrsunfällen, die den Schmerz der Verletzung zunächst nicht spüren. Umgekehrt sehen wir aber auch, dass chronischer Stress mit eine Rolle spielt bei der Chronifizierung von Schmerzen.

Wie steht es um die Versorgung von Schmerzpatienten in Deutschland?

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