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Sehnsucht nach Sicherheit

Von unserem Redaktionsmitglied Manfred Loimeier

Micha Brumlik (li.) im Gespräch mit Redakteur Manfred Loimeier.

© hbs

Die Rückbesinnung auf eine vermutete frühere Größe von Einzelstaaten liegt derzeit hoch im Kurs. Sogenannte Identitäre definieren das Deutschtum neu, sogenannte Reichsbürger verwehren sich der neustaatlichen Moderne komplett. Der vormalige Heidelberger Professor Micha Brumlik erklärt dieses Phänomen.

Herr Brumlik, derzeit ist in vielen Staaten die Sehnsucht nach nationaler Größe feststellbar. Wie lässt sich dieser Pendelausschlag Richtung Nationalstaaten wieder einfangen?

Micha Brumlik: Diese Sehnsucht nach dem alten Sozialstaat ist ja letzten Endes zum großen Teil die Sehnsucht nach einem gesicherten Sozialstaat, der seit der sogenannten Neoliberalisierung Anfang dieses Jahrhunderts - in Deutschland steht dafür Hartz IV beispielhaft - verlorengegangen ist. In Westeuropa würde man diesen Pendelschlag nur dadurch eingefangen bekommen, wenn es eine neue Form der Sozialstaatlichkeit gibt.

Micha Brumlik

  • 1947 in Davos, Schweiz, geboren.
  • Philosophie und Pädagogik-Studium in Jerusalem Frankfurt.
  • 1973-77 Assistent in Göttingen und Mainz sowie Promotion.
  • 1977-81 Assistenzprofessor in Hamburg, bis 2000 Professor am Erziehungswissenschaftlichen Seminar der Universität Heidelberg.
  • 1989-2001 Stadtverordneter der Grünen in Frankfurt.
  • 2000-2013 Professor der Goethe Universität Frankfurt.
  • Seit 2013 Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg.

Derzeit kursieren - etwa mit den Thesen der Identitären oder der Reichsbürger - allerlei skurrile Ideologien. Haben die liberalen Intellektuellen in Deutschland versagt?

Brumlik: Sie haben nicht versagt, aber sie haben ihre Interessen in den vergangenen 15, 20 Jahren vor allem auf die Gleichstellung gesellschaftlicher Minderheiten - unterschiedliche Herkunftsländer, unterschiedliche Hautfarbe, Frauen, Menschen mit anderer sexueller Orientierung - gerichtet und darüber das soziale Gerechtigkeitsproblem etwas stark vernachlässigt.

Das heißt, es wäre wünschenswert, dass man sich wieder auf die soziale Komponente besinnt und die Gefühle derer, die sich zu kurz gekommen fühlen, zum Ausdruck bringt?

Brumlik: Das ist nicht nur wünschenswert, das ist geradezu notwendig, denn wenn die linken und die liberalen Intellektuellen das nicht tun, dann geben sie diese Schichten - ich spreche gern von der ehemaligen Arbeiterschaft - auf Dauer an die rechten Parteien ab.

Sie haben im Zusammenhang der Flüchtlingsbewegungen den Begriff des Raums und damit die Verschiedenheit der Kulturen wieder zur Sprache gebracht. Das ist natürlich im Kontext der deutschen Geschichte - Volk ohne Raum - ein belasteter Begriff. Inwiefern vertrauen Sie darauf, richtig verstanden zu werden?

Brumlik: Das weiß ich nicht. Aber es könnte sein, dass es ein produktives Missverständnis wäre. Mir ist vor allem daran gelegen, darüber wieder ins Gespräch zu kommen, sich zu überlegen, was es heißt, dass politische Einheiten im Raum existieren. Dass man sich vor diesem Hintergrund klarwerden muss, was genau Grenzen bedeuten. Wenn man das gemacht hat, kann man begründeter Stellung nehmen zu Fragen wie Emigration, Einwanderung, Asyl und anderem. Aber das ist, glaube ich, eine Fragestellung, die die Linke - so pauschal gesprochen - bis auf einige Stadtsoziologen und auch Ökologen mehr oder weniger übersehen hat.

In der Debatte zwischen Globalisierung einerseits und Volkscharakter andererseits wird im Bemühen um politische Korrektheit über kulturelle Verschiedenheiten mitunter hinweggesehen - was nicht zwingend zum Gelingen des Integrationsprozesses beiträgt. Wie sehen Sie das?

Brumlik: Es gibt ein Problem: Man muss sich darüber klarwerden, was man unter Integration versteht. Ich unterscheide zwischen einem dichten und einem dünnen Integrationsbegriff und vertrete den dünnen Integrationsbegriff. Demnach ist integriert, wer straffrei in diesem Lande lebt, die Verkehrssprache spricht und nach Möglichkeit einer geregelten Arbeit nachgeht. Es ist meiner Meinung nach nicht nötig, in den sogenannten kulturellen Grundüberzeugungen übereinzustimmen. In diesem Zusammenhang will ich daran erinnern, dass die Werte des Grundgesetzes zu allererst Werte sind, die den Staat binden, nicht den einzelnen Bürger.

Nun geht es ja nicht nur um räumliche, sondern auch um ideologische Grenzen und Entgrenzungen - was man positiv wie negativ bewerten kann. Wo sehen Sie die Chancen und die Gefahren?

Brumlik: Also ich finde, wenn wir für eine pluralistische Gesellschaft sind, dann ist nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern anzuerkennen, dass es unterschiedliche politische und religiöse Meinungen gibt. Die Frage ist doch, ob es nicht, bei aller Gegnerschaft in der Sache, so etwas wie eine versöhnliche Verschiedenheit unter Staatsbürgern unterschiedlicher Überzeugung geben kann.

Zwischen den beiden Weltkriegen gab es neben der Konservation Aktion in Deutschland die Action française in Frankreich als Wegbereiter für den Nationalsozialismus. Ist das mit Blick auf den Front National und die Wahlen in Frankreich ein böses Omen?

Brumlik: Wenn wir jetzt speziell auf Frankreich blicken, dann ist interessant, dass die Führerin der französischen Rechten, Marine Le Pen, durchaus für die Werte der Republik einsteht und nicht für die Werte eines reaktionären, katholischen Frankreich. Einen Rückfall in einen weltanschaulich extremen Konservativismus, wie Sie es befürchten, sehe ich nicht.

© Mannheimer Morgen, Dienstag, 14.03.2017
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