DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR

Samstag, 27.08.2016

Suchformular
 
 

Lieber Leser, bitte aktivieren sie Cookies, um in den vollen Genuss unseres Angebotes zu kommen.

  • Drucken
  • Senden

Reiss-Engelhorn-Museen: Die Sonderausstellung „Von Atlantis bis heute – Mensch. Natur. Katastrophe“ beginnt am Sonntag

Wenn die Erde bebt und der Tsunami rollt

Archiv-Artikel vom Freitag, den 05.09.2014

Von unserem Redaktionsmitglied Susanne Räuchle

Pierre-Jacques Volaire malte den Ausbruch des Vesuvs.

Himmlischer Helfer in der Not: Buddha Amitabha auf einem Wolkensockel.

Der Wels und gebiert Katastrophen und korrupte Politiker. Karikatur von 1923.

Ein Bild der Zerstörung. Die Ruhe nach der großen Flutwelle vom 11. März 2011.

Die Tsunami-Katastrophe bricht alle Dämme der Vorstellung.

Das Elend weglachen. Japanerinnen in einem Notlager in Miyako im April 2011.

Vulkanausbrüche, Erdbeben, Tsunamis und Fluten versetzen alle Welt in Angst und Schrecken. Die Ausstellung "Von Atlantis bis heute - Mensch. Natur. Katastrophe" in den Mannheimer Reiss-Engelhorn- Museen beleuchtet den Umgang der Menschen mit den unberechenbaren Gewalten.

Zwei Frauen lachen aus vollem Herzen. Die eine schneidet der anderen die Haare und beide kriegen sich nicht mehr ein vor Übermut. Gerade mal einen Monat nach dem großen Ostjapanischen Beben vom 11. März 2011, als das havarierte Kraftwerk in Fukushima tödliche Gefahr ausstrahlt, freuen sich diese zwei Opfer in irgendeinem gottverlassenen Notcamp des Lebens, des Überlebens. Es ist eines der eindrücklichsten Bilder in der Ausstellung "Von Atlantis bis heute - Mensch. Natur. Katastrophe".

Eine Schau, die vorführt, was passiert, wenn plötzlich der feste Grund unter den Füßen schwankt, alle seelenruhige Gewissheit von einer Flut ins Nichts gerissen wird, und die Naturgewalten zeigen, dass unsere stabile Welt jederzeit einstürzen kann. Trotz des Titels und des Themas: Es ist keine Sensations-Schau der Mega-Schrecknisse von Pompeji im Jahr 79 n. Chr. bis Fukushima 2011. Das Museum Weltkulturen setzt nicht auf höllische Szenarien, schürt keine Weltuntergangsängste: Die Projektleiter Dr. Christoph Lind von den rem, Prof. Monica Juneja vom Exzellenzcluster "Asien und Europa im globalen Kontext" der Uni Heidelberg und Prof. Gerrit Jasper Schenk von der TU Darmstadt stellen den Menschen in den Mittelpunkt, erkunden seinen Umgang mit extremen Ereignissen. Und die Wissenschaftler sind dabei auch dem begnadeten Verdrängungskünstler auf der Spur, der in uns allen steckt. Sie untersuchen die kulturellen Unterschiede bei der Auseinandersetzung mit den Schicksalsmächten, mit Schuld und Rache und einer höheren Sinngebung, Kräfte, die sich von keinem pyroklastischen Strom niederwalzen lassen.

Jammergeheul am Vesuv

Die Wanderung durch Weltgeschichte mit ihren elementaren Ereignissen beginnt ganz wellness-warm im azurblauen sagenhaften Atlantis, das unter den Sedimenten des Mythischen verschüttet ist. Ein Land, das der Philosoph Platon irgendwo "vor jener Meerenge, die die Griechen "die Säulen des Herakles (Gibraltar) nennen," in die Welt gesetzt hat, um mit jenem Sehnsuchtsort auch alle Glücksverheißungen untergehen zu lassen. Dichtung oder auch Wahrheit, die Archäologen haben in Akrotiri und Pompeji Zeugnisse realer Zerstörungskräfte ausgegraben, die in der Schau zu sehen sind. Ein antikes Glasfläschchen, vom Schmelzofen des Vesuvs zurechtgebogen, kündet von der 1000-Grad-Hitze, die alles Leben erstickt. Plinius der Jüngere dokumentierte in seinen Briefen das Jammergeheul bei der Eruption des Vesuvs: " ... viele erhoben ihre Hände zu den Göttern, noch mehr behaupteten, es gebe jetzt keine Götter mehr und dies sei die ewig dauernde und letzte Nacht für die Welt." Und doch wird es wieder Tag: Dafür steht eine wunderbare Titus-Marmorbüste aus Schloss Erbach. Der dickbackige römische Kaiser polierte nach dem Debakel sein Image als souveräner Krisenmanager auf. Er habe nicht nur die Fürsorge eines Herrschers, sondern auch das einzigartige Mitgefühl eines Vaters bewiesen, rühmte Geschichtsschreiber Sueton.

Wer in Pompeji den Tod gefunden und keine Nachkommen hatte, dessen Vermögen wurde den zerstörten Städten zur Verfügung gestellt. Solidarität in größter Not, aber auch Popularität: Bis heute ziehen Politiker und Profiteure aus Katastrophen auch Nutzen. Nicht zuletzt waren es die Gummistiefel, mit denen Ex-Kanzler Gerhard Schröder 2002 durch die Oderflut als Deichgraf zum Wahlsieg marschierte.

Das Jahr ohne Sommer

Zu den Ereignissen, die im kollektiven Gedächtnis nachhallen, gehört der Ausbruch des Tambora im April 1815, dessen Urgewalt den ganzen Erdball verdunkelte: Auf der Insel Sumbawa in Indonesien entwickelte der Berg eine Sprengkraft, die etwa der von 170 000 Hiroshimabomben entsprach. Die Detonation schleuderte Teilchen in die Atmosphäre, wie ein Leichentuch verschleierte sich der Himmel, veränderte sich das Klima: 1816 ging als das Jahr ohne Sommer in die Geschichte ein.

Im Gefolge dieses "glokalen" Geschehens galoppierte das Hungergespenst durch Württemberg, Baden und die Schweiz, drückte das einfache Volk ins Elend. Zeitgenössische Bilder illustrieren das Darben: Bauern, die buchstäblich ins Gras beißen, die wie Kühe auf der Wiese grasen, werden von Zeichnern in Miniaturen festgehalten. Oder ein Kupferstich führt schön bunt einen gehängten Kornwucherer vor, ihn knüpften die Hungernden im August 1817 auf.

Doch der Schrecken hat auch eine besondere Ästhetik: Die Gemälde eines Caspar David Friedrich oder William Turners sollen von den feinen Teilchen des Tambora-Ausbruchs atmosphärisch-romantisch aufgeladen worden sein. Aber immer wieder geht die Sonne auf, sorgt der Herrgott oder wer immer für reiche Ernten und wird in seiner allmächtigen Güte gepriesen.

Und man dankt auch dem irdischen Herrscher. Zum Beispiel Wilhelm I.. Der König von Württemberg zog aus der Katastrophe Konsequenzen und gründete 1818 die landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt in Hohenheim und öffnete damit der Agrarwissenschaft die Türen.

Nothelfer im Einsatz

Von den Bergstürzen in den Alpen, dem Lissabonner Inferno vom November 1755 über das Desaster von San Franzisko 1906 spannt sich der Bogen, die Hamburger Sturmflut von 1962 wird ebenso ins Bild gesetzt wie die Arno-Fluten von 1333 und 1962, filigrane Katastrophen-Holzschnitte aus Japan nehmen den Betrachter mit in die prekäre, ewig bebende Lage Nippons und die künstlerische Verarbeitung dieser Situation. Antike Messgeräte beziehen Aufstellung gegen die Gefahr, und weil das nicht immer nützt, flankieren christliche Nothelfer die Schau ebenso wie der japanische Buddha Amitâbha. Und ganz am Ende der Ausstellung sieht man die beiden Fukushima-Frauen lachen. Das hilft immer.

© Mannheimer Morgen, Freitag, 05.09.2014
  • Drucken
  • Senden
 
 
TICKER

Das Wetter in der Metropolregion

Mannheim - Prognose für 15 Uhr

33°

Das Wetter am 27.8.2016 in Mannheim: sonnig
MIN. 17°
MAX. 35°
 

 

Erster ICE fährt durch Mannheim

Anfang Juni 1991 fuhr der erste ICE auch durch Mannheim und machte am Hauptbahnhof halt. Berichte aus dem "Mannheimer Morgen" von 1991 können Sie hier abrufen.

Gerstensaft

Testen Sie Ihr Wissen über Bier!

Wie viel Bier trinkt der Deutsche pro Jahr im Durchschnitt? Was ist ein "Radler sauer"? Und wie kam die Eichbaum Brauerei zu ihrem Namen? Stellen Sie sich unserem Wissenstest zum Thema Bier! [mehr]

Kontakt zur Redaktion Vermischtes

Telefon 0621/392-1313
Fax 0621/392-1373

Schreiben Sie uns eine E-Mail!

Milchstraße

Forscher entdecken «dunkle Milchstraße»

New Haven/Evanston (dpa) - Ein internationales Team von Astronomen hat eine Art dunklen Cousin der Milchstraße entdeckt. Die Galaxie namens Dragonfly 44 (Libelle 44) im Sternbild Haar der Berenike enthält fast keine Sterne und besteht zu 99,99 Prozent aus der mysteriösen Dunklen Materie. [mehr]

70 Jahre NRW

NRW-Tag begann mit Musik-Zeitreise

«Vielfältig wie unser Land» - so soll die Geburtstagsparty für Nordrhein-Westfalen werden. Am Freitagabend ging es in Düsseldorf los. Mit Musik von Schumann, Grönemeyer und Campino. [mehr]

Mannheim-Friedrichsfeld

Notruf von Seniorin geht ins Leere

Mannheim. Was Leser ärgert: Die 89-jährige Renate Schweizer aus Friedrichsfeld benötigt dringende Hilfe, aber das Festnetz ist gestört – länger als drei Wochen [mehr]

 

DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR