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Jubiläum: Die Rolling Stones standen heute vor 50 Jahren zum ersten Mal auf der Bühne / Die Karriere der Band, die fast 250 Millionen Tonträger verkauft hat, ist hochdramatisch verlaufen

Wilde Odyssee zwischen Sex, Rock, Drogen und Rebellion

Von unserem Redaktionsmitglied Georg Spindler

© (c) Universal Music 2009

Homer hätte sich wohl gefreut über die Rolling Stones. Denn ihr dramatischer Werdegang gäbe den Stoff ab für eine Heldensage. Sex, Gewalt, Intrigen, triumphale Erfolge, große Liebesaffären, tragische Todesfälle, Rebellion und Drogenexzesse - all dies zieht sich durch die Biografie dieser legendären Band.

Allein ihre Entstehung klingt wie eine Legende. An einem Bahnhof, dem magischen Ort so vieler Bluesgesänge, in Dartfort bei London kam es am 17. Oktober 1961 zu einer schicksalhaften Begegnung. Der Kunstschüler Keith Richards, frech, aufmüpfig, schlampig gekleidet, traf zufällig den artigen, aufstrebenden Wirtschaftsstudenten Mick (damals noch Mike) Jagger. Der hielt ein paar damals rare Blues- und Rock-'n'-Roll-LPs unterm Am - genau die Musik, der sich Richards als Gitarrist verschrieben hatte. Fortan waren die beiden unzertrennlich und bilden bis heute das Zentrum der Band.

Der Kopf der Gruppe war aber zunächst ein anderer: Brian Jones, Slide-Gitarrenhexer und Sex-Maniac (mit 20 hatte er bereits drei uneheliche Kinder). Er benannte die Band nach dem Muddy-Waters-Blues "Rollin' Stone" und bestimmte anfangs die musikalische Richtung. Am 12. Juli 1962 gab die Truppe mit aufgemotzten Blues- und Rock-'n'-Roll-Stücken im Londoner Marquee-Club ihr Debüt. Noch ohne Bill Wyman (Bass) und Charlie Watts (Schlagzeug), die erst ein paar Monate später hinzukamen. Die explosiven Gitarren-Riffs des schwarzen Blues nutzte die Band als Ausdrucksmedium, um Wut, Lust und Frust einer jungen, weißen, selbstbewussten Generation zu artikulieren. In einer versifften WG, in der sie 1962/63 mit Jagger hausten, entwickelten Richards und Jones den Stil der Band: ein Geflecht zweier peitschender, hämmernder Rhythmusgitarren, bei dem Richards' schroffe Attacken den Ton angeben. Jagger profilierte sich mit frenetisch-aggressivem Gesang und sexuell aufgeladener Show als charismatischer Frontmann.

Die bösen Rivalen der Beatles

Geschickt vermarktete ihr Manager Andrew Loog Oldham die Stones als rüpelhafte Beatles-Antipoden. Ihre Musik, weniger ausgefeilt und melodisch als die der Beatles, aber stärker rhythmusorientiert, rührte tatsächlich an dunklen Trieben: Jede Tournee, die die Band (bis auf Watts) zu sexuellen Ausschweifungen nutzte, entfesselte in den 60er Jahren eine Woge von Gewalt und Polizeieinsätzen. Als Jagger und Richards begannen, eigene Songs zu schreiben und mit "The Last Time", "(I Can't Get No) Satisfaction" und "Get Off Of My Cloud" 1965 drei Nummer-1-Hits landeten, wurde Brian Jones, auch durch bandinternes Mobbing, ins Abseits gedrängt. Den Drogen verfallen, verwandelte er sich in ein Psycho-Wrack. Sein Genie blitzte nochmals auf, als er den Sound der Stones 1966/67 durch Klangfarben auf Sitar, Flöte oder Mellotron veredelte. Im Juni 1969 trennte sich die Gruppe von ihm, er ertrank kurz danach unter ungeklärten Umständen.

Lusthymnen und Schlachtgesänge

Da hatte sich die Band bereits als Sprachrohr einer rebellischen Generation einen Namen gemacht. Sie zeigte keinen Respekt vor Autoritäten und legte sich 1967 sogar bei einem viel beachteten Drogenprozess mit Richtern und Polizisten an. Ihre Lust-Hymnen wie "My Obsession" oder "Let's Spend The Night Together" thematisierten sexuelle Besessenheit mit bis dato unbekannter Deutlichkeit. Die vor Aggressivität sprühenden '68er-Singles "Jumpin' Jack Flash" und "Street Fighting Man" wurden zum Soundtrack der Studentenrevolte. Als am 6. Dezember 1969 in Altamont bei einem Konzert der Rolling Stones ein Fan vor der Bühne von Hell's Angels ermordet wurde - kurz zuvor war ihr düsteres Album "Let It Bleed" erschienen - , wirkte dies wie ein Menetekel: Die Hippie-Träume der 60er Jahre waren ausgeträumt, das Jahrzehnt des Terrorismus stand bevor. Und Jagger & Co. trafen genau den Nerv dieser Zeit.

Bei den Stones standen die 70er im Zeichen von Richards' Heroinsucht. Er versank tief im Drogensumpf und musste 1978 beinahe eine mehrjährige Haftstrafe verbüßen, wenn nicht - das Schicksal lässt grüßen - ein blindes Mädchen, dem er im Konzertgedränge geholfen hatte, zu seinen Gunsten ausgesagt hätte. Mick Jagger stieg währenddessen in die glamouröse Welt des Jetset auf und übernahm die Geschäfte der Band. Die musizierte mit ihrem neuen virtuosen Gitarristen Mick Taylor zunächst auf dem Zenit ihrer Kreativität, öffnete sich neuen Einflüssen (Funk, Country, Reggae) gegenüber, erlahmte aber ab 1973 zusehends. Gleichwohl erzielte sie dank der Geschäftstüchtigkeit des Pfennigfuchsers Jagger bei ihren Tourneen immer neue Einnahmerekorde. 1975 verließ Taylor frustriert die Gruppe, Ron Wood folgte nach und sorgte für einen Energieschub. Das Album "Some Girls" (1978) geriet so zu einer zornigen Replik auf den Punk, "Tatoo You" (1981) wurde zum letzten Meisterwerk der Truppe.

Danach kam das, was Keith Richards als "Dritten Weltkrieg" titulierte: ein bis zum Ende der Dekade währender Konflikt zwischen ihm und Jagger, der sich von den Stones löste und seine Solokarriere startete. Die 80er Jahre markierten den Tiefpunkt der Gruppe, mit deren Auflösung damals fest gerechnet wurde. Bei einem Showdown der beiden im Januar 1989 auf Barbados - noch so eine schicksalhafte Begegnung - schlug plötzlich der kreative Funke wieder über. Mit "Steel Wheels" (1989) begann die Renaissance der Rolling Stones, die sich seither in einer Art Klassizismus selbst zitieren und ihren Riff-Stil mit gelegentlichen Anklängen an neue Trends beharrlich weiterführen. Heute ist die Band, die Wyman 1993 verließ, ein Klassiker - so zeitlos wie die alten Blues-Heroen, an die der Bandname erinnert.

© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 12.07.2012
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