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Hilfsorganisation: Vor 150 Jahren, am 17. Februar 1863, wurde das „Internationale Komitee vom Roten Kreuz“ gegründet / 187 Organisationen helfen heute weltweit

„Wir sind alle Brüder“ – ein Traum von mehr Menschlichkeit

Von unserem Redaktionsmitglied Yasmin Akbal

Eigentlich war es pures Eigeninteresse, das Henry Dunant im Jahr 1859 in die Lombardei trieb. Der Schweizer Geschäftsmann hoffte, den in Italien gegen Österreich kriegführenden Napoleon III. als Fürsprecher zu gewinnen. Mit der kaiserlichen Erlaubnis wollte Dunant in Französisch-Algerien Land erwerben. Doch es kam anders. Im Juni 1859 gerät der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns in Italien zufällig auf das Schlachtfeld von Solferino. Was er dort sieht, schockiert ihn: "Die Pferde zertreten mit ihren beschlagenen Hufen Tote und Verwundete. Einem armen Blessierten wird die Kinnlade fortgerissen", schreibt er später, "einem anderen der Kopf eingeschlagen, einem Dritten, den man hätte retten können, die Brust eingedrückt."

Aufgerüttelt vom Leid Zehntausender Verwundeter und Sterbender bewegt der Zivilist mit dem Aufruf "Tutti Fratelli" ("Wir sind alle Brüder") spontan die Anwohner umliegender Dörfer zur Hilfe für Angehörige jeder Nationalität. Dunant lässt Karren mit Zugtieren bespannen und auf ihnen die Verwundeten in die Kirchen, Klöster und öffentlichen Gebäude der Umgebung bringen. Dabei kommt ihm der Gedanke, "Hilfsorganisationen zu gründen, deren Ziel es sein müsste, Verwundete in Kriegszeiten zu pflegen". Seine Erlebnisse verarbeitet er fast drei Jahre später in seinem Buch "Un Souvenir de Solferino" - und erntet aus aller Welt große Zustimmung.

Internationale Bewegung

Mit dem Genfer Advokaten Gustave Moynier, den Ärzten Louis Appia und Théodore Maunoir sowie dem General Guillaume-Henri Dufour gründet Dunant 1863 ein Komitee, aus dem am 17. Februar das "Internationale Komitee vom Roten Kreuz" (IKRK) entsteht. Dunant übernimmt die Rolle des Schriftführers und reisenden Propagandisten. Schon bald entwickelt sich die kleine Gesellschaft zu einer internationalen Bewegung.

Im Oktober 1863 nehmen Regierungsvertreter, Vertreter anderer Organisationen und Privatleute an der ersten Genfer Konferenz teil. Sie entwerfen mit der Ersten Genfer Konvention Regeln für den Krieg und das Humanitäre Völkerrecht. Und sie wählen ein rotes Kreuz auf weißem Grund zum Schutzsymbol für Helfer. Das Zeichen soll vor allem für Neutralität bürgen - denn schließlich handelt es sich um die Umkehrung der Nationalfarben der Schweiz, eines Landes, das sich ebenfalls besonders der Neutralität verschrieben hat. 1864 wird im deutsch-dänischen Krieg erstmals die Rotkreuz-Armbinde getragen. Weil die Funktion des Schutzzeichens so wichtig ist, droht das Rote Kreuz noch heute bei jedem Missbrauch mit juristischen Schritten.

Doch die Früchte seiner Arbeit kann Dunant nicht lange genießen: Er und die anderen Mitglieder des Komitees zerstreiten sich über das weitere Vorgehen und die Verbreitung des Rotkreuz-Gedankens in Europa. Dazu kommt, dass der Schweizer in seinem Einsatz für die Menschlichkeit zwar erfolgreich ist, als Geschäftsmann aber versagt. Über sein Engagement vernachlässigt er seine Geschäfte, seine Spekulationen missglücken. Das Genfer Zivilgericht überführt ihn des betrügerischen Bankrotts. Dunant ist wirtschaftlich und moralisch am Ende. Aus dem IKRK wird er ausgeschlossen. Seine Heimatstadt Genf muss er verlassen.

Verarmt und Verstoßen

Verarmt und verstoßen irrt er  jahrelang durch Europa, ist teilweise obdachlos und lebt unter anderem in Frankreich, Österreich, England und in Griechenland - angewiesen auf die Hilfe seiner wenigen Freunde - und besessen vom Gedanken, als Gründer des Roten Kreuzes anerkannt zu werden. Bei einer Rede im englischen Plymouth bricht er 1872 gar vor Hunger zusammen.

Bald wird er für tot gehalten. Doch dann entdeckt ein Dorfschullehrer Dunant in einem Appenzeller Dorf. "Der Gründer des Roten Kreuzes lebt", schreiben die Zeitungen. Und Dunant erlebt seine Rehabilitation. Monarchen und Berühmtheiten schreiben ihm, eine Schweizer Stiftung zahlt ihm eine Rente, die Zarenwitwe setzt ihm eine Ehrenpension aus und auch die deutsche Kaiserin schickt ihm eine Spende. Nach mehreren Auszeichnungen wird ihm 1901 die größte Ehre zuteil: Dunant erhält als erster Mensch den Friedensnobelpreis. Neun Jahre später, 1910, stirbt er. Seine Gedanken aber leben fort. Die nationalen Gesellschaften sind seit 1919 in der "Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften" zusammengeschlossen. In 187 Ländern gibt es die Organisationen heute. Sie verbindet der Anspruch, Bedürftigen ohne Rücksicht auf Nationalität, Rasse, Religion oder politische Zugehörigkeit zu helfen.

Nobelpreis für Organisation

Vom ursprünglichen Gedanken ausgehend - der Hilfe im Krieg - hat sich das IKRK weiterentwickelt. Nicht nur bei bewaffneten Konflikten, auch bei Verkehrsunfällen, Erdbeben oder in Gefängnissen sind Millionen ehrenamtlicher Helfer inzwischen im Einsatz. Die Einhaltung der Menschenrechte bezeichnet die Organisation als eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Dafür wurde dem Komitee nach Dunants Tod noch dreimal der Friedensnobelpreis verliehen: 1917, 1944 und 1963.

Dunant ist auch beim Roten Kreuz inzwischen völlig rehabilitiert. Die anderen Mitbegründer hat er fast völlig verdrängt. Der sogenannte Weltrotkreuz- und Rothalbmondtag wird an seinem Geburtstag, am 8. Mai, gefeiert.

© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 14.02.2013
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