» Startseite > Nachrichten > Wetter > Rückblick > 2008 > Artikelseite
Von unserem Redaktionsmitglied Christine Maisch-Straub
Nein, auch wenn uns der Sommer 2008 im Rückblick ziemlich verregnet vorkommt: Die Daten der "Wettermänner" von der Beobachtungsstation auf der Vogelstang belegen, dass der Juni, Juli und August mit 210,7 Litern pro Quadratmeter in puncto Niederschlag gerade mal 99 Prozent ihres Solls erreichten. Auch die Sonne schien 606 Stunden. Das entspricht immerhin 91 Prozent des langjährigen Mittels. Doch der letzte Sommermonat muss nicht immer so unspektakulär verlaufen wie der 2008er. Vor 50 Jahren, genaugenommen am 11. August 1958, entlud sich über unserer Stadt der heftigste Wolkenbruch seit 60 Jahren.
Innerhalb weniger Minuten überschwemmten an jenem Montagabend vor fünf Jahrzehnten die Sturzbäche des Unwetters Keller, Lagerräume und zahlreiche Mannheimer Straßen. "Lebenswichtige Trafo-Stationen wurden überflutet, Autos kurvten bis zu den Achsen im Wasser, die öffentlichen Verkehrsmittel standen bis kurz nach 22 Uhr still", war im "MM" zu lesen. Das Telefonnetz sowie Licht- und Stromleitungen waren teilweise durch Kurzschlüsse lahm gelegt. Die Feuerwehr verzeichnete 200 Notrufe, die Polizei 120. "Der Schaden ist immer noch nicht abzuschätzen", heißt es weiter.
Besonders hart traf es die Innenstadt, Neckarstadt, Neckarau und Sandhofen. Über diesen Stadtteilen tobte das Zentrum des Gewitters. Als der Regen endlich aufhörte, waren die Temperaturen von 30,7 auf 17,6 Grad abgesunken - ein Temperatursturz von 13 Grad in gerade mal eineinhalb Stunden.
Im Keller des Theresienkrankenhauses kämpften Schwestern in wasserdurchtränkten Kleidern gegen das schmutzige Druckwasser des Neckars. Medikamentenkeller, Heizräume und Vorratslager waren einen Meter hoch überschwemmt. In der Schwetzinger Vorstadt versuchte die Familie des Flüchtlings Erich Klimpke ihre wenigen Habseligkeiten zu retten. Seit fast sieben Jahren hauste sie in einer Kellerwohnung, musste mit ansehen, wie Betten, Schränke, Stühle und Tisch stundenlang einen halben Meter hoch im dreckigen Wasser standen.
Einzelne Vororte meldeten Stromausfall, beim "MM" stand die Transformatorenstation unter Wasser. Doch trotz allen Mitgefühls mit den Betroffenen klingt die Mitteilung der Wetterwarte Mannheim damals eher relativierend und nüchtern: "Die Rekordniederschlagshöhe von 72 Millimetern, die am 20. Juli 1955 fiel, wurde mit 63 Millimetern nicht erreicht."
Ganz zu schweigen von den vergleichsweise harmlosen August-Werten von diesem Jahr. Ihre Spitze liegt am 19. bei 14,3 Liter pro Quadratmeter. Doch Hans Henkes, der mit seinem Kollegen Bernd Fischer im Auftrag des Deutschen Wetterdienstes die Mannheimer Werte aufzeichnet, kann auch auf Unwetter getrost verzichten: "Angesicht solcher dramatischen Erinnerungen sind wir doch lieber froh, dass es keine Extreme gibt."
Und wie geht's weiter? "Wechselhaft und herbstlich", kündigt Hans Henkes das endgültige Ende der spätsommerlichen Milde an. Anfang kommender Woche müssen wir Tageshöchsttemperaturen von gerade mal 16 bis 17 Grad hinnehmen: "Aber vielleicht schafft es die Quecksilbersäule am Samstag und Sonntag nochmal auf 20 Grad." Das wäre ein schönes Geschenk zum Herbstbeginn.
Mannheimer Morgen
04. September 2008
Adresse der Seite: http://www.morgenweb.de/nachrichten/wetter/rueckblick/2008/20080904_srv0000003077838.html