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Interview: Clemens Fuest, Präsident des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, zieht vor seinem Wechsel nach München Bilanz

„Ökonomen schauen auf Fakten, nicht auf Emotionen“

Archiv-Artikel vom Freitag, den 15.01.2016

Von unseren Redaktionsmitgliedern Melanie Ahlemeier und Michael Roth

Clemens Fuest will kein abgehobener Akademiker sein. Wirtschaftswissenschaftler müssen mit der Öffentlichkeit sprechen, findet er - etwa über die Flüchtlingsfrage.

Clemens Fuest (Mitte) im Gespräch mit unseren Redaktionsmitgliedern Melanie Ahlemeier und Michael Roth.

©  rinderspacher

"Ich habe in Mannheim viele Freunde gewonnen": Clemens Fuest verlässt die Quadratestadt Ende März.

©  rinderspacher

Herr Professor Fuest, Sie gehen von Mannheim aus ein zweites Mal nach München - ist das ein bisschen wie nach Hause kommen? Und was nehmen Sie aus Mannheim mit?

Clemens Fuest: Es ist in der Tat ein bisschen wie nach Hause kommen. Ich habe in München habilitiert und dort viele persönliche Verbindungen. Aus Mannheim nehme ich tolle Erfahrungen aus drei sehr spannenden Jahren mit. Wir haben eine hervorragende Mannschaft am ZEW, mit der ich gerne gearbeitet habe.

Reichen drei Jahre, um einer Institution wie dem ZEW einen Stempel aufzudrücken?

Clemens Fuest

  • Clemens Fuest wurde 1968 in Münster geboren. Er studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Bochum und Mannheim.
  • Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Wirtschafts-, Finanz- sowie Arbeitsmarktpolitik.
  • Seit 2013 ist Prof. Dr. Fuest wissenschaftlicher Direktor und Präsident des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Ab April wird er das Münchener ifo-Institut leiten.

Fuest: Drei Jahre sind nicht viel, aber das ZEW hat sich in dieser Zeit verändert. Wir haben gemeinsam neue Akzente gesetzt, unter anderem haben wir die europäische Ausrichtung des Instituts und die Forschung in den Bereichen Steuern und Einkommensverteilung ausgebaut.

Noch-ifo-Chef Hans-Werner Sinn ist ein Lautsprecher, der bewusst provoziert. Werden Sie auch Dauergast in Talkshows?

Fuest: Ich werde mich nicht anders verhalten als heute. Mir ist es wichtig, mit der Öffentlichkeit und mit der Politik zu sprechen. Ich habe da meinen eigenen Stil, der sich von dem von Hans-Werner Sinn sicherlich unterscheidet.

Wie fällt Ihre Kosten-Nutzen-Analyse in der Flüchtlingsfrage aus?

Fuest: In einer Welt ohne Sozialstaat ist Zuwanderung immer nützlich, weil die Leute dorthin wandern, wo sie mehr Einkommen erzielen, und sie werden eingestellt, weil sich Unternehmer davon einen Nutzen versprechen. Verkompliziert wird die Sache dadurch, dass wir einen ausgebauten Sozialstaat haben. Wenn Zuwanderer mehr staatliche Leistungen erhalten als sie an Steuern und Abgaben beitragen, belasten sie die vorhandene Bevölkerung, die den Fehlbetrag bezahlen muss.

Was heißt das für die Bilanz?

Fuest: Die hängt sehr stark von der Qualifikation der Flüchtlinge ab. Zuwanderung nützt Deutschland auch dann nicht notwendigerweise, wenn die Migranten arbeiten, sondern nur dann, wenn sie so viel verdienen, dass sie mehr Steuern und Abgaben zahlen, als sie an öffentlichen Leistungen erhalten.

Die Euphorie, dass Flüchtlinge Probleme des Arbeitsmarktes und der Rentenkassen lösen, ist eine Illusion?

Fuest: Die Euphorie, die viele am Anfang verbreitet haben - die Idee, Flüchtlinge würden diese Probleme lösen -, ist eine sympathische Haltung, aber eine, die mit den Fakten wenig zu tun hat. Hochqualifizierte Einwanderer sind nützlich für die, die schon da sind. Bei niedrig qualifizierter Einwanderung, über die wir hier reden, zahlt man drauf.

Wie viele Emotionen verträgt die Ökonomie in solchen Fragen?

Fuest: Emotionen sind ein Faktum des Lebens. Aber es ist nun mal die Rolle der Ökonomen, auf die Fakten zu schauen. Emotionen gehen oft in zwei Richtungen, erst kommt die Euphorie, dann die Enttäuschung.

Brauchen wir Mindestlohn-Ausnahmen, um Flüchtlinge rascher in Arbeit zu bringen?

Fuest: Der Mindestlohn ist ein Hindernis, aber Ausnahmen allein für Flüchtlinge würden zu einer Verdrängung heimischer Arbeitskräfte führen. Die Politik hat in letzter Zeit viel getan, um den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erschweren. Das Vorgehen gegen Leiharbeit und Werkverträge passt nicht zusammen mit der Integration der Flüchtlinge. Deshalb wäre die Abschaffung des Mindestlohns der richtige Weg. Das wird die Politik wohl nicht tun. Zumindest sollte der Mindestlohn 2016 nicht erhöht werden - die Entscheidung steht nämlich an.

Das bedeutet im Klartext?

Fuest: Wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder wir halten den Mindestlohn möglichst niedrig und ermöglichen damit mehr Jobs im Niedriglohnsektor - oder die Zuwanderer werden sehr lange arbeitslos bleiben.

In der Flüchtlingsfrage werden Obergrenzen und Kontingente diskutiert. Ökonomisch gesehen ist der Anreiz, als Flüchtling nach Deutschland zu kommen, höher als in einem türkischen Zeltlager zu leben. Zieht Integration nicht immer mehr Flüchtlinge an?

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