Stellenabbau:
Beim Duden-Verlag in Mannheim stehen für viele Beschäftigte die Zeichen auf Abschied – zurück bleiben oft Enttäuschung und Wut
„Das tut einfach unheimlich weh“
Von unserem Redaktionsmitglied Tatjana Schneider
Der Duden-Verlag will zwar in Mannheim weiter Flagge zeigen - allerdings nur noch mit einer kleinen Einheit mit 22 Mitarbeitern. Zuletzt arbeiteten an dem Standort noch etwa 190 Menschen.
© Rinderspacher
Mannheim.
Monika S. ist in vielen Büros und Wohnungen präsent, und darauf ist sie auch ein kleines bisschen stolz. Das Werk, an dem die 55-Jährige mitgearbeitet hat und in dem sogar ihr Name steht, steht tausendfach auf Schreibtischen, in Bücherregalen oder Schränken. Es ist der gelbe Rechtschreib-Duden.
Seit 35 Jahren ist Monika S. beim Mannheimer Verlag Bibliographisches Institut (BI) beschäftigt, der das bekannte Nachschlagewerk herausgibt. "Ich habe an vielen Duden-Auflagen mitgearbeitet", sagt sie, und in dem Satz schwingt Wehmut mit. Denn ob die Herstellerin noch einmal an einer Neuauflage beteiligt sein wird, ist offen.
Verträge teils bis Mitte 2013
Spätestens seit der Betriebsrat des Unternehmens vergangene Woche erneut mit einem Versuch vor dem Arbeitsgericht Mannheim gescheitert ist, die Pläne des Verlags zu stoppen, scheinen die drastische Verkleinerung des Mannheimer Standorts und der Umzug des gedruckten Duden nach Berlin unabwendbar.
Die Zeichen in der Dudenstraße stehen deshalb für viele Beschäftigte auf Abschied - selbst wenn ihre Verträge teils noch bis Mitte 2013 laufen. So wie bei Katja S. Im Oktober hat die Redakteurin im Bereich Kinder- und Jugendbuch die Kündigung bekommen, wie rund 130 weitere Beschäftigte auch.
Verlag sieht keine Alternative
Zwar haben viele, darunter auch Katja S. und Monika S., das Angebot erhalten, nach Berlin zu wechseln. Doch für Katja S. kommt das nicht infrage. "Dafür glaube ich, ehrlich gesagt, zu wenig an die neue Struktur in Berlin. Außerdem habe ich zwei Kinder, die möchte ich hier nicht einfach aus allem herausreißen." Ihre Kollegin Monika S. hat das Angebot in Berlin unter Vorbehalt zugesagt. Aber die Vorstellung, in Mannheim alles aufzugeben, fällt auch der 55-Jährigen schwer. "Man hat sich ja hier ein ganzes Leben mit Familie aufgebaut."
Besonders groß ist die Unsicherheit bei den Mitarbeitern in der Kinder- und Jugendbuchsparte: Sie soll verkauft werden. An wen, ist offen. Ebenso die Frage, ob ein neuer Eigentümer bereit wäre, Mitarbeiter aus Mannheim zu übernehmen.
Katja S., die seit 15 Jahren beim BI beschäftigt ist, weiß ohnehin nicht, ob sie noch einmal für einen Verlag arbeiten möchte. "Ich hatte hier meinen Traumjob. Ich habe eine innige Beziehung zu den Büchern, die ich entwickelt habe, zu der Marke und zu den Kollegen, die Bücher lieben. Zuschauen zu müssen, wie das aus meiner Sicht alles sinnlos zerschlagen wird, tut einfach unheimlich weh", sagt sie. "Wir haben uns alle sehr mit den Büchern identifiziert. Jetzt wird einem vermittelt, es ist egal, ob man selbst oder ein anderer die Arbeit macht. Das frustriert natürlich sehr", ergänzt ihre Kollegin Nina S.
So hart die Einschnitte für die Mitarbeiter sind, so alternativlos sind sie aus Sicht des Verlags. Die Veränderungen seien der "einzige Weg, um das BI dauerhaft zu erhalten", hatte Alexander Bob, Chef des Berliner Mutterkonzerns Cornelsen und früher selbst Vorstandssprecher beim BI in Mannheim, zuletzt erklärt und auf "jährliche Verluste im siebenstelligen Bereich" bei der Mannheimer Tochter verwiesen. Hinzu komme ein schwieriges Marktumfeld mit sinkenden Flächen im Buchhandel. Hier macht sich die Konkurrenz durch das Internet bemerkbar, die auch das BI in der Vergangenheit schmerzhaft zu spüren bekam - bei der Lexikasparte. Der Verlag trennte sich nach sinkenden Absätzen von dem Geschäft, Mannheim verlor mit dem Brockhaus schon damals eine renommierte Marke. Jetzt verspricht sich Cornelsen von der Verlagerung des gedruckten Duden und anderer Produkte nach Berlin Synergien. Darüber hinaus soll das Programm schrumpfen. Die Berliner Gruppe will sich künftig auf die Bereiche Schule und Bildung konzentrieren und das digitale Geschäft ausbauen.
Viele haben Zweifel
Ob die drastischen Einschnitte in Mannheim, wo nur die Sprachtechnologie mit 22 Mitarbeitern bleiben soll, wirklich die einzige Lösung sind, wird vom Betriebsrat heftig infrage gestellt - und auch in der Belegschaft bleiben Zweifel. "Wenn man wirklich gewollt hätte, hätte man sicher auch in Mannheim eine Lösung gefunden - wenn auch vielleicht mit weniger Mitarbeitern", glaubt Monika S. "Aber ich hatte das Gefühl, das war gar nicht gewollt."
Die Enttäuschung darüber ist groß, auch bei anderen, die schon einige Krisen in der Dudenstraße miterlebt haben. "Der Verlag hatte auch früher schon schwierige Zeiten, aber da wurde immer gemeinsam mit dem Betriebsrat eine Lösung gefunden. Aber dieses Mal wird der Plan kompromisslos durchgezogen. Hier hätte es Möglichkeiten gegeben, die meiner Meinung nach für alle Seiten sinnvoller gewesen wären und mehr Respekt gegenüber den Mitarbeitern gezeigt hätten", sagt Nina S.
Wie tief der Frust sitzt, zeigt sich auch daran, wie viele Mitarbeiter gegen ihre Entlassung vorgehen: Von rund 130 Beschäftigten, die im Oktober gekündigt wurden, hat mehr als die Hälfte beim Arbeitsgericht Mannheim geklagt.