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Die Geburt der Schokolade

In Pirmasens unterhält der Süßwarenhersteller Wawi eine gläserne Produktion. Momentan werden dort Weihnachtsmänner gefertigt. VON JASPER ROTHFELS

Das Leben eines Weihnachtsmanns beginnt mit acht Loopings und einer Körpertemperatur von etwa 28 Grad. Das gilt zumindest dann, wenn der Weihnachtsmann aus Schokolade ist und in der "Gläsernen Fabrik" in Pirmasens entsteht. Dort werden vor den Augen der Besucher Schokoladenfiguren hergestellt - hinter großen Glasscheiben und bei einer Raumtemperatur von 18 Grad.

Im Sommer sind Weihnachtsmänner dran, auch wenn das Thermometer 30 Grad zeigt. "Die Leute kommen von weit her, um das zu sehen", sagt Firmenchef Walter Müller. Etwa 100 000 Besucher zählt die Fabrik pro Jahr. Nun steht ein Jubiläum an: Im Oktober wird die Einrichtung des Schokoladenherstellers Wawi fünf Jahre alt. Dann eröffnet das Unternehmen eine zweite "Gläserne Fabrik" - in seinem Werk in Kempen am Niederrhein.

Das Jubiläum fällt in eine turbulente Zeit, denn wie andere Firmen der Branche spürt Wawi die Wirtschaftskrise. Das Unternehmen, das weltweit mehrere Fabriken betreibt, produziert nicht nur Markenware ("Wawi", "Nappo", "Moritz"), sondern vermahlt auch Kakaobohnen und stellt daraus Kakaomasse und flüssige Schokolade für die Süßwarenindustrie her. In den ersten Monaten dieses Jahres sank der deutsche Süßwarenumsatz im Inland und im Export nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) um 8,4 Prozent, Schokolade und Zuckerwaren waren mit einem Minus von 9,8 Prozent überproportional betroffen. Laut Verband litten vor allem die Hersteller von Schokolade darunter, dass Exporte nach Osteuropa, Russland und in die USA wegbrachen. Die hohe Exportquote von mehr als 44 Prozent bei Fertig- und 55 Prozent bei Halberzeugnissen werde nun zum Bumerang, so der Verband im März. Beim Inlandsumsatz kam die deutsche Süßwarenindustrie aber in den ersten drei Monaten insgesamt noch auf ein Plus von 1,8 Prozent.

Müller zeigt sich trotz der Lage optimistisch. "Die Leute werden auch in der Wirtschaftskrise die gleiche Menge Süßigkeiten verzehren, aber billigere Produkte", sagt er. Die Gewinner sieht er im mittleren Preissegment. Super-Premium-Produkte - etwa eine 100-Gramm-Tafel Schokolade zu 2 Euro - litten derzeit am meisten. "Da sagt der Verbraucher: Das kann ich günstiger kriegen." Müller geht davon aus, dass Wawi in diesem Geschäftsjahr beim Markengeschäft wie schon 2008 im zweistelligen Prozentbereich zulegt - ohne Preiserhöhung, denn die würde der Handel nicht akzeptieren.

Für das gesamte Geschäftsjahr 2009/10 (30. April) erwartet er jedoch "keine große Steigerung". 2008/09 hatte der Umsatz 130 Millionen Euro betragen. Insgesamt wurden 2008 in Deutschland mit Schokoladenprodukten 4,87 Milliarden Euro umgesetzt.

In der gläsernen Fabrik entstehen pro Jahr etwa 200 Tonnen der Gesamtproduktion, die 2008/09 bei 44 000 Tonnen lag. Während andere Wawi-Werke automatisiert sind, geht es hier um Handarbeit. Im Schnitt arbeiten dort 30 Beschäftigte.

Zwei Arbeiterinnen mit Haarnetz und weißem Kittel legen die vorgepressten und aus Vorder- und Rückseite bestehenden Stanniolhüllen der Figuren hintereinander in Halterungen auf ein Band. Aus einer Düse fließt 28 Grad warme flüssige Schokolade in das Vorderteil. Die Maschine klappt Hinterteil auf Vorderteil, so dass eine komplette Figurenhülle entsteht: ein kindlich dreinblickender Weihnachtsmann mit lila Handschuhen. Er rotiert achtmal um eine dicke Achse, damit die Schokolade die Innenseiten der Form überzieht und so in der Verpackung die Schokoladenfigur entsteht.

Nach der Fahrt durch den Kühlkanal kommt ein Aufkleber drauf, der über den Inhalt informiert. "Die gehen nach Russland", sagt Müller. "Das sehe ich am Etikett."

Dass es die Gläserne Fabrik gibt, ist nicht selbstverständlich. "Diese Produktion ist eigentlich nicht wettbewerbsfähig", sagt Müller. Hier wurden lange Zeit Schokoladenfiguren hergestellt, doch als das Unternehmen eine neue Fabrik baute, wurde daran gedacht, den Standort zu schließen. Doch stattdessen öffnete das Unternehmen die Türen für Besucher und baute ein Schokoladenmuseum dazu. "Ein Gesamtkunstwerk", schwärmt Müller, das sich auch rechne. Von Oktober an können Interessierte in Kempen verfolgen, wie Schoko-Weihnachtsmänner entstehen. Bis zu 200 000 Besucher pro Jahr werden erwartet.

Wirtschaftsmorgen
26. August 2009

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