» Startseite > Nachrichten > Wirtschaft > Wirtschaftsmorgen > Wirtschaftsmorgen - Mittelstand > Artikelseite
Früher gehörte ihr das Karstadt-Quelle-Imperium. Heute muss die Unternehmerin Kraut im Garten anbauen und bei Aldi in der Schlange anstehen. Eine Mitleidsbekundung. Von Rebecca Botsch
Ganz plötzlich und für uns alle unerwartet ist der Fixstern unserer aller Leben vom Himmel gefallen und brutal in einem Gartenbeet gelandet. Unsere auf ehemals drei Milliarden Euro wertgeschätzte Unternehmerin Madeleine Schickedanz, der Karstadt, Quelle, Thomas Cook und der Nobel-Konsumtempel KaDeWe gehört, hat nur für kurze Zeit nicht aufgepasst - unternehmerischer Sekundenschlaf, wie wir Ökonomen zu sagen pflegen - und schon ist Arcandor insolvent. Wollen wir einen Moment lang nicht an uns denken, sondern an ein schweres "Schick-sal".
Vor kurzem hat die menschenscheue Unternehmerin der Öffentlichkeit die Türe ihres bescheidenen Heimes in Franken geöffnet und uns alle mit ihrem schockierenden Armutsbericht zu Tränen gerührt.
Jetzt wissen wir auch, dass sie sich nur noch von Selbstaufzucht von Kräutern und Discounter-Pizzen ernähren kann und ihren Enkelkindern aus dem Katalog bestellen muss. Erinnern wir uns, was wir dieser Frau, ihrer Familie, zu verdanken haben: Ihr Vater Gustav und ihre Mutter Grete haben nach dem Zweiten Weltkrieg das Quelle-Imperium erschaffen und groß gemacht. Pioniere, die uns nach den dunklen NS-Jahren zeigten, dass doch nicht alles verloren ist. Sie brachten uns mehr, als "nur" die Ware aus dem Katalog, sie bescherten uns Kapitalismus Made in Franken. Man denke doch nur: Ein Privileg nach dem anderen für uns finanziell Minderbemittelte, günstig, en masse und direkt ins Haus geliefert. Eine Quelle der Freude!
Was ist davon geblieben? Was hat diese Frau verloren? Nachdem ihre Aktienpakete von rund drei Milliarden Euro auf nur 27 Milliönchen gesackt sind, ist sie der Altersarmut in bedrohlichen Dimensionen näher gerückt. Da kann doch weit und breit niemand ernsthaft behaupten, es ergehe ihm noch schlechter. Das ist rein rechnerisch schon gar nicht möglich.
Andere können sich unbeschwert auf den Weg zur Arbeitsagentur machen, ohne sich auch nur ansatzweise Sorgen darüber zu machen, welch vorwurfsvolle Blicke sie auf der Straße ernten werden. Sie können schließlich nichts dafür. Die arme Frau Schickedanz hingegen, was braut sich hinter ihrem Rücken zusammen, welch Unwetter der schneidenden Blicke. Sie traut sich ja nicht mal mehr zu den Bayreuther Festspielen!
Wer in Krisenzeiten seinen Arbeitsplatz verliert, kann sich wenigstens um das kümmern, was sonst zu kurz kommt. Wie gut werden es Kinder haben, deren Eltern jetzt wieder richtig Zeit für sie haben. Sie leiden nicht erfolgs- und leistungsorientierte Eltern - eben so, wie Madeleine Schickedanz unter Gustav und Grete gelitten hat. Das nämlich ist die harte, brutale Realität. Die Kinder müssen die Aufmerksamkeit ihrer Eltern nicht mehr mit einem Job teilen. Verantwortungsbewusste Eltern können jetzt dafür sorgen, dass aus ihnen mehr wird als unaufmerksame Nachlassverwalter.
Das wird ihnen auch ganz einfach fallen: Sie werden nichts zum Verwalten haben. Denn das, was den Eltern zusteht, reicht im Alter mal gerade für sie selbst. Ihr Einkommen reicht aus, sich halbwegs abzusichern. Im Gegensatz zu Frau Schickedanz hatten sie nie so viel Geld, dass sie auch nur einen Gedanken daran hätten verschwenden können, es in Aktienpakete zu stecken. Spätestens heute wissen die Menschen: Schätze Dich glücklich!
Mit sich ist Frau Schickedanz weniger freimütig umgegangen. Sie wird noch nicht einmal eine Rente beziehen, muss jetzt schon von 600 Euro im Monat leben. Wo viele sich bisweilen noch den Wochenmarkt leisten können, lebt sie von Obst, Gemüse und Kräutern aus ihrer bescheidenen Gartenparzelle. Solange sie sie noch besitzt. Denn schon unken die Neider besserer Zeiten, sie könne alles verlieren. Erspartes, Haus, Garten und Feriendatsche in St. Moritz.
Menschen, Bürger, Brüder und Schwestern. Seid bitte nicht nachtragend, bedenkt, ihr alle steht immer noch besser da als Frau Schickedanz. Wir haben mit Arcandor nichts zu schaffen. Es kann auch keiner kommen, die Hand aufhalten und unser bescheidenes Schonvermögen einfordern. Da können wir ja wohl Mitleid spenden. Wenn das kein Privileg ist.
Wirtschaftsmorgen
26. August 2009
Adresse der Seite: http://www.morgenweb.de/nachrichten/wirtschaft/wirtschaftsmorgen/Mittelstand/20090826_srv0000004642815.html