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Ein historischer Irrtum

Archiv-Artikel vom Samstag, den 24.10.2015

Von Jost Pietsch

Zur Frühgeschichte des Fahrrads, zur Laufmaschine von Karl von Drais, gibt es diverse Theorien. Ein Vulkanausbruch aber war bestimmt nicht der Anlass zu dessen Erfindung.

Freiherr von Drais auf seinem Laufrad, gemalt von Joseph Paul Karg. Drais´ erste Fahrt führte mit 13 Stundenkilometern aus den Mannheimer Quadraten hinaus in den heutigen Stadtteil Rheinau.

© archiv

Erfinder von Drais empfahl seine Laufmaschine als Ersatz für das Pferd - vor allem bei sommerlichen Ausflügen.

© Courtesy of Roger Street

Was für eine wunderbare Geschichte. Sie besagt, dass der Vorgänger des Fahrrads - die Laufmaschine von Karl von Drais -1817 erfunden wurde, um die Folgen einer Klimakrise zu überwinden. Diese Zweirad-Genesis klingt wie die Legende von der Arche Noah, als einst ein neuartiges Schiff gebaut wurde, um einer Unwetterkatastrophe zu trotzen, die man gemeinhin als Sintflut kennt. Doch ist diese Zweirad-Hypothese auch wahr? Richtig ist, dass zwei Jahre zuvor, 1815, der indonesische Vulkan Tambora ausgebrochen war und mit seinen Aschewolken auf der nördlichen Hemisphäre eine monatelange Wettermisere und damit zum Teil große Ernteschäden verursacht hatte.

Unglücklicherweise gibt es aber keine Beweise für die Tambora-Fahrrad-Hypothese. Nichtsdestotrotz behauptet ihr Verfechter Hans-Erhard Lessing, ein Professor aus Koblenz, seit 15 Jahren unbeirrt, die nahe zeitliche Koinzidenz von Vulkaneruption und Rad-Erfindung könne kein Zufall sein. Und er spekuliert, dass wegen der Ernteausfälle die meisten Pferde geschlachtet wurden, um die Menschen zu ernähren. Während andere Pferde einfach verhungert seien.

Mangel an Pferdestärke

Karl Freiherr von Drais

Karl Freiherr von Drais wurde 1785 in Karlsruhe geboren und starb dort 1851.

In Heidelberg studierte er Baukunst, Landwirtschaft und Physik. Er lebte später in den Mannheimer Quadraten.

Aus dieser Zeit stammt die Erfindung seiner Laufmaschine. Die erste dokumentierte Fahrt fand am 12. Juni 1817 statt.

Das Laufrad war seine berühmteste, aber nicht seine einzige Erfindung. Er entwickelte weiterhin z.B. einen Klavierrekorder und eine Tastenschreibmaschine.

Der Mangel an Pferden soll schließlich den Forstmeister Karl von Drais dazu inspiriert haben, die Laufmaschine zu erfinden. Doch sitzt Lessing einem Denkfehler auf, wenn er den Verlust von Zugpferden beklagt und annimmt, deren Aufgaben für den Transport hätten von der vergleichsweise zierlichen Laufmaschine übernommen werden können. Das hinderte diverse Autoren jedoch nicht daran, die Tambora-Hypothese ungeprüft zu übernehmen. In mehreren Artikeln zu Tambora findet sich deshalb die Ergänzung um das vermeintliche Zweiradwunder. Das zeitlich zufällige Zusammentreffen allein beweist jedoch überhaupt noch nichts.

Es gibt viele Selbstzeugnisse des Mannheimer Erfinders von Drais, der unermüdlich für seine Zweirad-Idee warb. Diese war genial einfach: Der Fahrer sitzt auf einem Holm mit Reitsitz zwischen Vorder- und Hinterrad und stößt sich mit den Füßen direkt vom Boden ab. Über einen Mangel an Pferden hat Karl von Drais nie geklagt. Er hat sie lediglich in Verbindung mit ihrer Schnelligkeit erwähnt: Die Laufmaschine ist "auf der Ebene" so schnell "wie ein Pferd im Galopp . . . Berg ab, schneller als ein Pferd in Carrière (im vollen Lauf)." Und von Drais empfahl die drei- und vierrädrigen Varianten seiner neuen Muskelkraftmaschine zur Mitnahme von Damen: "Diese haben dabei von keinem Pferd vor sich her und von keinem durch solches erregten Staub zu leiden."

Die Laufmaschine war laut von Drais' Empfehlung für individuelle Ausflüge gedacht und sollte Pferde besonders im Sommer ersetzen, wenn sie "auf dem Felde gebraucht werden, und die Reiselust am größten ist". Der Maschinenbau-Ingenieur im Königreich Bayern, Georg von Reichenbach, befand in einem Gutachten dazu: "Die Erfindung wird das Reiten auf Pferden, ja auf Eseln, schwerlich aus dem Gebrauche bringen."

Viel Regen, wenig Sonne

Die Tambora-Hypothese über die frühe Fahrradgeschichte nimmt Bezug auf einen Artikel von Henry und Elizabeth Stommel unter dem Titel "1816: Das Jahr ohne Sommer", der zeigt, dass der Vulkanausbruch in den Neu-Englandstaaten der USA zu Klimakapriolen führte; zu gelegentlichem Frost etwa zwischen Juni und August.

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