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„Ein Wahnsinnsglück“

Archiv-Artikel vom Samstag, den 08.03.2014

Von Jörn Perske

Das früheste Frühchen Europas, wenn nicht gar der Welt, saust putzmunter durch den Alltag. Es kam nach nur 21 Wochen und fünf Tagen Schwangerschaft zur Welt.

Die kleine Frieda scherzt bei ihrem Besuch im Klinikum Fulda mit ihrer Mutter Yvonne.

© dpa

Als sie geboren wurde, war die kleine Frieda kaum lebensfähig. Sie kam viel zu früh zur Welt, bereits nach 21 Wochen und fünf Tagen. Eine normale Schwangerschaft dauert 40 Wochen.

Am 7. November 2010 wurde sie im Klinikum Fulda mit nur 26 Zentimetern und 460 Gramm entbunden. Damit war sie Europas frühestes Frühchen. Bis heute habe in Europa kein Baby überlebt, das früher entbunden wurde, sagen Experten. Doch auch damals war ungewiss, wie Friedas Entwicklung verlaufen würde.

Wie es ihr geht, kann das Mädchen mittlerweile selbst beantworten. "Gut", sagt die Kleine mit zartem Stimmchen. Sie ist mittlerweile drei Jahre und drei Monate alt - und hat sich angesichts ihrer Vorgeschichte prächtig gemacht. Die Eltern sind glücklich und erleichtert. Professor Reinald Repp, Direktor der Kinderklinik im Klinikum Fulda, sagt: "Frieda ist ein Phänomen. Sie hat sich super entwickelt, sogar überdurchschnittlich gut. Sie ist sogar fitter als die meisten Kinder."

Frühchen

Von einer Frühgeburt spricht man, wenn ein Baby vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt. Das betrifft nahezu jedes zehnte Kind in Deutschland.

Spätfolgen sind häufig Entwicklungsverzögerungen, Atemwegserkrankungen, motorische Störungen und Aufmerksamkeitsstörungen.

Von 200 Frühchen, die zwischen 1993 und 1998 mit einem Gewicht unter 1000 Gramm in Hannover im Kinderkrankenhaus Auf der Bult geboren wurden, überlebten 173.

Fast die Hälfte davon entwickelte sich normal. Ein gutes Drittel hat Entwicklungsdefizite, 16 Prozent sind heute schwerbehindert.

Grazile Gestalt

Frieda ist ein temperamentvoller Wirbelwind. Beim Besuch im Klinikum Fulda spielt sie angeregt mit ihren Eltern oder dem braunen Teddy oder sie sitzt am Tisch und malt, feinmotorisch recht geschickt. Im Vergleich zu anderen dreijährigen Kindern ist Frieda etwas graziler. Bei einer Körpergröße von 86 Zentimetern wiegt Frieda nur neuneinhalb Kilogramm. Normal seien wenigstens zehneinhalb Kilo und 88 Zentimeter, sagt Repp.

"Mit dem Essen ist Frieda halt sehr wählerisch", erklärt Friedas Mutter Yvonne M. (36). Das sei nicht ungewöhnlich bei Frühchen, relativiert Repp. Friedas Favoriten haben sich aber bereits herauskristallisiert: Pommes, Hähnchen-Nuggets und Schokolade, wie die Mutter mit einem Schmunzeln sagt.

Prognosen schwierig

Nach einer Zeit bei einer Tagesmutter besucht Frieda seit November vergangenen Jahres eine Kinderkrippe in Fulda. Die gute Gesundheit ist für extreme Frühchen nicht selbstverständlich. Nicht selten tragen sehr unreife Kinder dauerhafte Schäden davon - falls sie überhaupt überleben. Lunge, Darm, aber auch Gehör und Netzhaut können geschädigt sein. Es können ebenfalls Hirnblutungen und bleibende Behinderungen drohen.

Frieda aber hat es geschafft. Ob das auch eine Sicherheit für die nächsten Jahre ist, kann allerdings niemand sagen. Denn auch auf spätere Lebensphasen kann sich eine frühe Geburt auswirken. Beobachtet werden als häufigste Langzeitprobleme etwa Essstörungen. Frühchen können auch in späteren Lebensjahren emotional labil sein, sagt Repp. In der Schule kann es zu Aufmerksamkeits- und Konzentrationsproblemen kommen. "Aber man kann die Entwicklung über viele Jahre oft nicht prognostizieren und keine verlässlichen Aussagen treffen, etwa über die Rahmenbedingungen für die Schullaufbahn", sagt Professor Wolfgang Göpel aus Lübeck, Mitglied der Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin.

Die Frühchen-Medizin hat sich in den vergangenen Jahren verbessert. Immer häufiger gelingt es, extremen Frühgeburten das Überleben zu sichern. In Nürnberg kam im Sommer 2008 Lea nach 23 Wochen und zwei Tagen zur Welt. Sie lag zwar 150 Tage im Brutkasten und wurde viermal operiert - aber sie schaffte es. Der Chef der Kinderklinik im Nürnberger Südklinikum, Jan-Holger Schiffmann, sagte damals: "Vor der 23. Schwangerschaftswoche gibt es so gut wie keine Überlebenschancen."

Immer bessere Chancen

Die Chancen, zu überleben, haben sich kontinuierlich verbessert. So haben 2012 in Deutschland schon 44 Kinder überlebt, die vor der 23. Schwangerschaftswoche geboren wurden. Dies geht aus einem Qualitätsreport des Aqua-Instituts in Göttingen hervor.

Die kleine Paulina Emily wurde 2011 in Greifswald in der 23. Schwangerschaftswoche mit 490 Gramm und 27 Zentimetern geboren. In Rostock kam im selben Jahr ein Frühchen in der 23. Schwangerschaftswoche mit 33 Zentimeter und 650 Gramm zur Welt. In Dortmund überlebte ein Frühchen mit einem Geburtsgewicht von lediglich 280 Gramm, etwas schwerer als ein Päckchen Butter.

Der kleine Kilian aber überlebte nicht. Er erblickte zwar zusammen mit Frieda als Zwillingsbruder in Fulda das Licht der Welt. Doch er starb sechs Wochen später an Herz- und Darmproblemen.

Dass zumindest Frieda überlebte, ordneten Repp und weitere Mediziner als "Sensation" und "Wunder" ein. Sie sei zusammen mit einem Jungen, der 1987 ebenfalls nach 21 Wochen und fünf Tagen im kanadischen Ottawa zur Welt kam, eines der jüngsten Frühchen der Welt. "Wir hatten ein Wahnsinnsglück", sagt Friedas Mutter Yvonne.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 08.03.2014
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