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Lernziel Mitmenschlichkeit

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Die Grundwerte der abendländischen Zivilisation unterliegen einer unentwegten Neuinterpretation. Das gilt auch für die unverändert aktuellen sieben Todsünden. Ein Essay. Von Manfred Loimeier

Die Werte, nach denen wir Menschen unser Zusammenleben regeln, unterliegen einem unentwegten Wandel. Mal sind zum Beispiel gutes Aussehen und Reichtum ganz wichtig, mal genügt bereits ein fester Job oder ein ersehnter erholsamer Urlaub. Neben diesen konkreten, physisch-materiell sichtbaren und erlebbaren Wert-Vorstellungen erleben seit einigen Jahren aber auch die immateriellen Werte eine neue Hochkonjunktur. Freundschaft, Zuverlässigkeit, Zusammenhalt lauten die Begriffe eines Wertekanons, die gerade in Zeiten des gesellschaftlichen globalen Umbruchs immer mehr geschätzt und zunehmend als besonders wertvoll erachtet werden.

Natürlich dürfte ein Mensch in Asien aus dem Wort "Freundschaft" etwas anderes ableiten als ein Europäer, und selbstverständlich wird ein US-Amerikaner unter "Zusammenhalt" wohl etwas anderes verstehen als etwa ein Pazifik-Insulaner. Auch dies zeigt, dass Werte - vor allem als Handlungsanleitung - unterschiedlich interpretierbar sind, selbst wenn sie in ihrem Kern weitgehend ähnlich formuliert sein mögen. Je nach Zeit, Bedürfnissen - und natürlich auch Interessen - haben sie daher stets neu durchdacht und entsprechend anders definiert zu werden. Gerade zu Weihnachten, der Zeit der Besinnung, drängt sich eine solche Auseinandersetzung mit den grundlegenden Fragen des Zusammenlebens auf.

Sünden erwachsen der klassischen Theologie zufolge aus sieben schlechten Charaktereigenschaften.

Acedia: Faulheit (Feigheit, Ignoranz, Trägheit des Herzens).

Avaritia: Geiz (Habgier).

Gula: Völlerei (Gefräßigkeit, Maßlosigkeit, Selbstsucht).

Invidia: Neid (Eifersucht, Missgunst).

Ira: Zorn (Wut, Rachsucht).

Luxuria: Wollust (Ausschweifung, Genusssucht, Begehren).

Superbia: Hochmut (Eitelkeit, Stolz, Übermut).

Ihnen gegenübergestellt sind die vier Haupt- oder Kardinaltugenden:

Fortitudo (magnitudo animi): Tapferkeit.

Iustitia: Gerechtigkeit.

Sapientia (prudentia): Weisheit oder Klugheit.

Temperantia: Mäßigung.

Westliches Glaubensbekenntnis

Das moralische Glaubensbekenntnis der westlichen Welt gründet dabei in der abendländisch-jüdisch-christlichen Vorstellung von den zehn Geboten, aus denen ergänzend vier kardinale Tugenden und die sieben tödlichen Sünden abgeleitet werden. Diese Gebote und Richtlinien stellen quasi das unveränderliche Gerüst an Werten dar, deren weitere Bedeutung dem genannten Interpretationswandel unterliegt.

Für derlei interpretatorische Variationen bieten allein die Ausdrücke in ihrer Übersetzung mehr als ausreichend Spielraum. Betrachtet man nur die vier Haupttugenden Tapferkeit, Freiheit, Güte und Gerechtigkeit, dann stellt sich sofort die Frage, was denn zum Beispiel Tapferkeit meint. Heldentod oder Duldsamkeit könnten gemeint sein, mithin unter Umständen ebenso deckungsgleiche (Märtyrertod) wie gegensätzliche Begriffe (aktive Gegenwehr versus passiv ertragenes Leid).

Beweglicher Leitfaden

Im Lateinischen wird Tapferkeit mit "fortitudo" beschrieben und mit "magnitudo animi" präzisiert. Es könnte also "Stärke" gemeint sein - nur worin? - und insbesondere "Seelengröße". Nun ist Seelengröße anders gelagert als eine kämpferisch klingende Tapferkeit, obzwar beides eine innere Stärke voraussetzt. Und auch die um "prudentia" ergänzte "sapientia" eröffnet dem Nachdenken weite Felder; Weisheit und Klugheit gelten als deutschsprachige Pendants, aber meint "prudentia" nicht vielmehr ganz konkret auch "Vorsicht, Vorausschau"?

So zeigt bereits dieser erste Blick auf die moralischen Grundwerte, wie sehr sie der zeitgenössischen Auslegung bedürfen, offenbar aber auch eben dahingehend ausgelegt sind - als zentraler Leitfaden, der aufgrund seiner Beweglichkeit mal mehr, mal weniger in die eine oder auch in die andere Richtung hin ausgedehnt werden kann. Gleiches gilt daher auch für die absoluten "No Gos", die sieben Todsünden Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit. Jahrhundertelang haben sie die Fantasie auch von Künstlern angeregt, zu zahlreichen Bühnenwerken, Gemälden und Kirchenfenstermotiven geführt und zu einer permanenten Auseinandersetzung mit ihnen herausgefordert.

Faulheit

Das lateinische "acedia" lässt sich auch mit Feigheit, Ignoranz oder Trägheit sowie Bitterkeit des Herzens wiedergeben. So ist mit dem Begriff Faulheit also möglicherweise gar nicht mal die physische Faulheit, der Müßiggang, gemeint, sondern vor allem ein Seelenzustand im Sinne des Ausbleibens einer inneren Gemütsregung. Faul ist demnach, wem die Welt und die Menschen um sich herum gleichgültig sind, wer nicht dazu beiträgt, den Alltag zu prägen, sondern ihn widerspruchslos hinnimmt. Die daraus als gegensätzliches Postulat abgeleitete Forderung "Empört euch!" offenbart, wie heute sich das Nachdenken über die sieben Todsünden darstellen kann.

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