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Über die politische Brisanz von Schul-Atlanten

Archiv-Artikel vom Samstag, den 17.05.2014

Geografie: Mit den politischen Veränderungen auf dem Globus stürzen auch Kartenmacher in Krisen. Wann müssen Landesgrenzen anders eingezeichnet werden – und mit welchem Verlauf? Von Christina Sticht

Eine Lupe auf der Russland-Karte in einem Diercke-Atlas.

© dpa

Ganz gleich ob Sudan, Kaschmir oder Ukraine - die Konflikte der Welt reichen bis nach Braunschweig in die Redaktion des Diercke-Atlas. Kartographen und Redakteure tüfteln dort an Computern und brüten über Karten. Sie machen sich Gedanken, wie Staaten, Grenzverläufe und Ozeane für den Unterricht am besten darzustellen sind. Seit mehr als 130 Jahren lernen Schüler mit Hilfe des Atlaswerks, die Erde zu verstehen. Jedes Jahr gibt es einen Neudruck, etwa alle fünf Jahre werden die fast 50 Atlanten der Verlagsgruppe Westermann überarbeitet.

Mitten in der Ukraine-Krise geht es darum, wie die von Russland annektierte Halbinsel Krim künftig auf der Landkarte aussehen könnte. "Da haben wir eine Lösung, die wir zücken können", sagt Redakteur Reinhold Schlimm. Voraussichtlich werde man die Grenze durch eine gestrichelte Linie kennzeichnen, jedoch bleibe die Krim auf der Karte weiterhin gelb wie die Ukraine und nicht grün wie Russland. Der textliche Hinweis könne "von Russland verwaltet" lauten, sagt Schlimm. "Das ist am neutralsten."

Abbilder der Politik

Die Kartenmacher stehen in ständigem Kontakt zu rund 200 Experten und Institutionen - von Geografie-Professoren über den Deutschen Wetterdienst bis zu den Vereinten Nationen. Bei politisch strittigen Fragen haben die Kultusministerkonferenz und das Außenministerium das letzte Wort. So ist beispielsweise der Kosovo als Staat eingezeichnet, weil Deutschland ihn - anders als andere UN-Mitgliedsstaaten - als unabhängig anerkannt hat.

"Karten sind keine unpolitischen Darstellungen der Realität", betont Georg Stöber vom Georg-Eckert-Institut in Braunschweig, dem Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung. "Politik spielt in die Schule, spielt in die Erziehung hinein." Der Einfluss der Politik sei in anderen Ländern aber größer als heutzutage in Deutschland.

Das spüren auch die Atlas-Autoren. Sie bekommen nicht nur Briefe von Lehrern, Schülern und an Erdkunde interessierten Bürgern. Manchmal stehen Diplomaten leibhaftig in der Redaktion und bringen Beschwerden vor. "Der Streit zwischen Japan und Südkorea fällt immer auf uns zurück", berichtet Schlimm. "Die Südkoreaner ärgern sich darüber, dass ihr Ostmeer bei uns seit über 130 Jahren Japanisches Meer heißt. Und die Japaner passen auf, dass es beim Japanischen Meer bleibt." Als diplomatische Lösung steht jetzt seit kurzem in Klammern Ostmeer hinter dem Japanischen Meer. Häufig hat der Streit um Seegrenzen mit Ansprüchen auf Bodenschätze oder Fischereizonen zu tun.

Vorzug für Originalnamen

Knifflig sind darüber hinaus Ortsnamen. Laut Kultusministerkonferenz von 1991 sind ausländische Städte und Orte mit den deutschen Namen zu benennen. In Klammern soll dazu der Name in der Landessprache stehen, etwa Gdansk für Danzig.

Doch Kritiker halten es für altbacken, deutsche Namen hervorzukramen, die möglicherweise nicht mehr gebräuchlich sind. Der Ständige Ausschuss für geografische Namen berät die Bundesregierung in diesen Fragen. Geschäftsführer Bernd Beinstein sagt: "Wir empfehlen wie die Vereinten Nationen, möglichst die Originalform zu nehmen, also Warszawa statt Warschau."

© Mannheimer Morgen, Samstag, 17.05.2014
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