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Vom Vergehen der Lust

Archiv-Artikel vom Samstag, den 16.05.2015

Von Frank Luerweg

Eine Studie aus Mannheim belegt, was viele Paare wissen: Mit der Zeit vergeht der sexuelle Appetit aufeinander. Ganz unausweichlich muss das aber nicht sein, meinen Experten.

Ein junges Liebespaar küsst sich - das geht gut, solange nicht der schnöde Alltag mit der Routine aus Arbeit, Alltag und Haushalt Einzug in die Partnerschaft hält.

© dpa

Sechs Monate, vielleicht ein Jahr: Länger dauert es nicht, bis sich die Leidenschaft aus Beziehungen herauszustehlen beginnt. Das zeigt eine Studie des Leibniz Instituts für Sozialwissenschaften in Mannheim sowie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Demnach haben deutsche Paare schon im zweiten Jahr ihrer Partnerschaft deutlich seltener Lust aufeinander als in den ersten Monaten. Die Talsohle des Begehrens wird nach sechs bis acht gemeinsamen Jahren erreicht. Danach stabilisiert sich die Lage in Deutschlands Betten oder erholt sich sogar leicht wieder - allerdings auf niedrigem Niveau.

Die Wissenschaft kennt dieses Phänomen als "Honeymoon Effect" - zu deutsch: Flitterwochen-Effekt. Der Begriff wurde 1981 vom britischen Wissenschaftler William H. James geprägt. Er hatte im "Journal of Sex Research" einen Artikel veröffentlicht, in dem er die sexuelle Aktivität von 21 frisch verheirateten Paaren analysierte. Sein wichtigster Befund: Ein Jahr nach der Hochzeit schliefen die Eheleute im Schnitt nur noch halb so häufig miteinander wie im ersten Monat ihrer Ehe.

Die Daten, die James in seiner Arbeit ausgewertet hatte, waren zu einem großen Teil bereits in den 1950er Jahren erhoben worden - also zu einer Zeit, zu der vorehelicher Geschlechtsverkehr eher selten war. In seinem Artikel spekulierte der Psychologe jedoch schon damals, dass der "Flitterwochen-Effekt" bereits mit Beginn der sexuellen Beziehung einsetze.

Die Regeln des Körpers

Studie: 2008 wurden 12 400 Männer und Frauen in Deutschland zu ihren familiären Bindungen oder Partnerschaften befragt. Diese Umfrage wird seitdem jährlich wiederholt - mit denselben Teilnehmern. Die Langzeitstudie mit dem Namen "pairfam" soll zeigen, wie sich das Beziehungsgeflecht mit der Zeit entwickelt. Die breite Datenbasis von pairfam erlaubt erstmals eine zuverlässige Antwort auf die Frage, inwiefern sich das Sexualleben von Paaren in Deutschland im Laufe einer Beziehung verändert.

Erwartungen: Frauen und Männer messen der Erotik in ihrer Partnerschaft große Bedeutung bei. In einer Untersuchung der Partnervermittlung ElitePartner gaben fast 70 Prozent der Befragten an, von einer Beziehung guten Sex zu erwarten.

Lustbremse: Paare mit jungen Kindern haben deutlich seltener Sex. Das betrifft vor allem die ersten drei Monate nach der Geburt - aus hormonellen Gründen haben viele Mütter in dieser Zeit nur geringes sexuelles Interesse. Erst wenn das jüngste Kind älter als sechs Jahre ist, lässt sich dieser hormonelle Effekt nicht mehr nachweisen.

Was tun? Miteinander Reden, Gelegenheiten im Alltag schaffen, in die Sexualität hineinpassen könnte. Einander Freiräume lassen oder eine Sexualberatung aufsuchen.

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Allein die Dauer zählt

Diese These wird nun in der Studie bestätigt. "Unsere Resultate zeigen, dass im heutigen Deutschland die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs von der Dauer der Partnerschaft abhängt, nicht von Zusammenleben oder Heirat", schreiben die Autorinnen Jette Schröder und Claudia Schmiedeberg. Die Wissenschaftlerinnen können sich dabei im Gegensatz zu James auf eine breite Datenbasis stützen: Sie haben Angaben von mehr als 2800 repräsentativ ausgewählten Männern und Frauen ausgewertet, die seit 2009 mehrmals zu Details ihrer Partnerschaft Auskunft gegeben hatten.

Der Begriff "Honeymoon-Effect" ist also irreführend; mit Hochzeit oder Flitterwochen hat die zunehmende sexuelle Unlust gar nichts zu tun. Übrigens auch nicht unbedingt damit, dass sich die Partner voneinander entfremden: Die Studie zeigt, dass sich unter der Gürtellinie auch dann immer weniger abspielt, wenn die beidseitige Zufriedenheit mit der Beziehung konstant bleibt. Sex ist also kein Gradmesser für eine glückliche Partnerschaft.

Sex kein Maßstab für Glück

Der Paartherapeut Michael Sztenc bestätigt das: "Ich kenne Partner, bei denen sich auf der erotischen Ebene kaum noch etwas tut, die aber ansonsten sehr liebevoll miteinander umgehen", sagt er. "Andere streiten permanent und schlafen trotzdem noch regelmäßig miteinander."

Bis zu einem gewissen Grad sei es ganz normal, dass sich die Leidenschaft in einer Beziehung abkühlt. "Das ist ein Naturgesetz, fast wie die Schwerkraft, wenn man nichts dagegen tut", sagt Sztenc, der in Saarbrücken die Praxis "LiebesLeben" betreibt. Die ersten Monate der Verliebtheit seien eben ein absoluter sexueller Ausnahmezustand.

Wenn die Erotik zu sehr an Bedeutung verliert, kann das jedoch zu einem Problem werden: 18 Prozent der Frauen und sogar 37 Prozent der Männer stellen ihre Partnerschaft wegen sexueller Unlust infrage. Das ergab eine Umfrage der Hamburger Partnervermittlung ElitePartner. "Lustlosigkeit ist das häufigste Thema, weswegen sich Paare bei uns anmelden", bestätigt auch Elke Wischmann, Sexualberaterin bei pro familia in Düsseldorf. Bernd Niemann von pro familia Bonn ergänzt: "Es ist unausweichlich, dass sich die Lust aufeinander nach der ersten Verliebtheitsphase verändert. Es ist aber nicht unausweichlich, dass die Sexualität einschläft."

Gründe für die erotische Flaute gibt es viele: Krankheiten; Langeweile; die Unfähigkeit, die sexuellen Bedürfnisse in Worte zu fassen; Beziehungsprobleme. Aber auch eine zu große Nähe zueinander: Leidenschaft lebt auch von Fremdheit, von Überraschung. Wenn Paare alles gemeinsam machen, tötet das die Lust.

Irritierende Vergleiche

Oft fehlt es aber zwischen Kinderbetreuung, Hausbau und Karriere schlicht und einfach an Zeit füreinander. Sztenc rät Paaren, Erotik als eine Art Hobby zu betrachten, für das man sich verabrede wie fürs gemeinsame Joggen. "Also etwa: Den Mittwochabend halten wir uns immer frei. Wir gehen romantisch essen oder gemeinsam in die Sauna. Und dann schauen wir, ob vielleicht noch etwas passiert." Die Vorstellung, Sex müsse immer spontan und ungeplant sein, hält Sztenc für romantischen Humbug: "Es ist selten, dass zwei vielbeschäftigte Menschen gleichzeitig Lust haben und auch die Zeit, diese auszuleben."

Wie viel Sex Paare für ausreichend halten, ist individuell völlig unterschiedlich. Wischmann von pro familia warnt denn auch davor, das eigene Liebesleben irgendwelchen Normen zu unterwerfen. "Ich habe Paare, die schlafen dreimal im Jahr miteinander, sind aber eigentlich zufrieden damit. Im Hinterkopf spukt ihnen jedoch die Idee herum: Wir müssten doch eigentlich öfter. Schließlich hört und liest man überall etwas von zweimal pro Woche."

Diese Möglichkeit, sich mit anderen zu vergleichen, sei eine der Kehrseiten der sexuellen Revolution, meint Wischmann. Denn mit dieser Möglichkeit stieg die Angst, im Bett keine angemessene Leistung zu bringen. "Heute werden wir an allen Ecken mit Sexualität konfrontiert, bis wir schließlich denken: Mensch, wir sind nicht normal, weil wir nicht mehr so häufig miteinander schlafen wie in den ersten drei Jahren."

© Mannheimer Morgen, Samstag, 16.05.2015
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