Kehl, Baden-Baden und Straßburg - diese drei Städte sollen den Staatsgästen beim NATO-Gipfel am Freitag und Samstag die Kulisse für schöne Bilder bieten. Das Spektakel kostet rund 50 Millionen Euro - die Sicherheitsmaßnahmen fordern aber nicht nur ihren finanziellen Tribut.
Walter Serif
Rien ne va plus - im Baden-Badener Casino rollt seit Sonntag keine Roulette-Kugel mehr. Zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg schließt die Spielbank gleich eine ganze Woche am Stück. Der Grund: Das Casino stellt seine Säle für den NATO-Gipfel zur Verfügung.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy teilen sich beim Jubiläumsgipfel die Gastgeberrolle und buhlen um US-Präsident Barack Obama, der sich am Freitag mit den beiden getrennt treffen wird - auch das ist eine zusätzliche Herausforderung, weil die Amerikaner bei solchen Terminen besonders hohe Anforderungen an die Sicherheit stellen. Die Angst vor Terroranschlägen ist groß. Schon seit zwei Wochen gibt es wieder die alten Grenzkontrollen.
Baden-Badens OB Wolfgang Gerstner verspricht zwar treuherzig, die Stadt wolle ein "guter Gastgeber sein und sich nicht verbarrikadieren", aber die Wirklichkeit sieht anders aus: Die Bürger in Baden-Baden, Straßburg und Kehl müssen sich auf massive Einschränkungen gefasst machen. Einige werden sogar beim Einkaufen auf Schritt und Tritt von der Polizei begleitet. Freuen können sich dagegen die Schüler in Baden-Baden: Am Freitag fällt die Schule aus (außer für die Abiturprüfung). Wegen des Gipfels werden der Rhein, die A 5, mehrere Bundesstraßen und auch der Luftraum zeitweise gesperrt. Awacs-Flugzeuge werden über dem Rheingraben kreisen und den Luftraum überwachen. Tornados und Miragekampfjets sind in Alarmbereitschaft.
Schon seit Monaten durchsuchen Polizeibeamte jeden Winkel der Gipfelstädte. Die Kommandozentrale ist auf dem Gelände der Polizeiakademie Freiburg untergebracht. Von dort aus wird der bisher größte Einsatz für Baden-Württembergs Polizei geplant. Sie will mit einem Konzept aus Sperrzonen, strikten Polizeikontrollen, Parkverboten und Straßensperrungen für Sicherheit sorgen. Kurz vor dem Großereignis werden Gullys verschweißt und Briefkästen abgehängt, weil sie als Versteck für Bomben missbraucht werden könnten. In den drei Städten arbeitet die Polizei mit einem Konzept von abgestuften Sperrzonen. In Baden-Baden werden das Kurhaus und ein benachbartes Luxushotel (Sperrzone 1 und 2) Dreh- und Angelpunkt des Gipfels werden. In Zone 4 leben 240 Bürger sowie 100 Händler, Ärzte oder Unternehmer, die ihre Häuser nur in Polizeibegleitung verlassen dürfen.
Gigantischer Verkehrszirkus
Der NATO-Gipfel sprengt schon geografisch alle Grenzen: Erstmals wird das Treffen der Allianz in zwei Ländern und drei Städten abgehalten. Die Konsequenz: ein gigantischer Verkehrszirkus in der Luft und auf der Straße zwischen Offenburg, Straßburg und Karlsruhe. 3500 Gäste aus 26 Mitgliedstaaten des mächtigsten Militärbündnisses feiern an den zwei Tagen den 60. Geburtstag der Allianz.
Offiziell beginnt der Gipfel am Freitag mit der Ankunft der ersten Delegationen gegen Mittag auf den Flugplätzen von Baden-Baden, Lahr und Straßburg. Wenn das Wetter mitspielt, fliegen die Gäste per Hubschrauber zum Bankett nach Baden-Baden, wenn nicht, nehmen sie die Autobahn. Dann wird die A 5 schon am Freitag weiträumig umgeleitet. Sogar König Fußball muss sich dem NATO-Gipfel unterordnen: Wegen des Abzugs der Polizeikräfte werden Bundesliga-Spiele verlegt.
Für die Sicherheitskräfte sind vor allem die großen Entfernungen ein Alptraum. Kleines Beispiel: Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi wollte mit seiner Delegation ursprünglich im Luxushotel Bühlerhöhe übernachten. Das Bundeskriminalamt (BKA) hatte von Anfang an Bauchschmerzen - der Zugang zur Schwarzwaldhochstraße hätte kaum abgesichert werden können. Berlusconi musste schließlich ein anderes Domizil nehmen - und das Luxushotel hatte zum Ärger seines Direktors Heinz Imhof ("Ich bin fast umgefallen") plötzlich wieder Zimmer frei. Der Hotelmanager wurde eiskalt von den Sorgen der Sicherheitsleute überrascht. Für den Rest der Hotelbranche ist der Gipfel ansonsten ein Segen. Er soll allein auf deutscher Seite mehr als 100 000 Übernachtungen bringen.
Fast 15 000 Polizisten und 600 Bundeswehrsoldaten werden bei dem Politspektakel im Elsass und im Schwarzwald zum Einsatz kommen. Die Sicherheitskräfte erwarten Großdemonstrationen, vor allem in Straßburg. Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) rechnet mit bis zu 25 000 Demonstranten, 3000 davon sind seiner Einschätzung nach gewaltbereit.
Bad in der Menge
Baden-Baden ist am Freitag auch der Schauplatz des ersten Treffens zwischen Kanzlerin Merkel und Barack Obama. Das Gespräch soll rund zwei Stunden dauern, Obama wird sich im Rathaus außerdem ins Goldene Buch eintragen und ein Bad in der Menge nehmen. Auch das dürfte schöne Motive für die Nachwelt abgeben. Trotzdem hat es Baden-Baden nicht auf das offizielle NATO-Gipfel-Logo geschafft, sondern Kehl. Dort soll das symbolische Bild für die Nachwelt aufgenommen werden: In der Mitte der Passerelle, der Fußgängerbrücke zwischen Deutschland und Frankreich, werden sich die Gipfel-Helden zum offiziellen Geburtstagsfoto einfinden. Von rechts der Rheinseite soll Merkel mit den Staats- und Regierungschefs losmarschieren - Nicolas Sarkozy kommt ihnen entgegen und begleitet sie zur französischen Seite. Die Idee dafür soll von Sarkozy stammen. Er will Frankreichs Rückkehr in die Militärstruktur der NATO mit der Rheinüberquerung symbolisieren. Bei schlechtem Wetter soll der Spaziergang allerdings ausfallen.
Am Schluss werden dann auch die Kosten abgerechnet: Die Ausgaben für das Mega-Event dürften rund 50 Millionen Euro betragen. Kleiner Trost: Franzosen und Deutsche wollen sich die Kosten brüderlich teilen.
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