Als eine "Streitschrift" hat Melanie Mühl ihr Buch "Die Patchwork-Lüge" verfasst. Und wirklich wirken ihre Ausführungen zugespitzt, bisweilen geradezu radikal. Die Autorin, Redakteurin im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", schreibt vor allem gegen eine zunehmende Idealisierung und Verharmlosung von patchworkartigen Lebensformen.
Die wachsende Bereitschaft von Eheleuten, sich zu trennen und scheiden zu lassen, führt nach Mühls Auffassung das klassische Familienmodell ad absurdum. Dabei sei eine verlässliche und dauerhafte Elternbeziehung für das Aufwachsen von Kindern unverzichtbar. Gleichwohl werde die Patchworkfamilie in der modernen Gesellschaft dem traditionellen Zusammenleben von Kindern und Erwachsenen immer mehr vorgezogen. Die "heile Patchworkwelt" suggeriere gar Fortschritte, die den heranwachsenden Kindern zugute kämen.
Die Autorin des Buches weist diese Ansicht energisch zurück. Sie schildert die Probleme, die Kinder nach dem Bruch der Ursprungsfamilie und mit der Gründung einer neuen familiären Konstellation erlitten, als drastisch. Am Ende der Lektüre dürfte das Abenteuer, Eltern zu werden und zu sein, einmal mehr als Risiko mit ungewissem Ausgang erscheinen. urs