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Familie: Vor allem Mütter leiden beim Auszug unter Verlustgefühlen / Wissenschaftler sprechen vom „Leeren Nest Syndrom“

Große Kinder, traurige Eltern

Von unserer Mitarbeiterin Karoline Kallweit

Wenn das große Kind auszieht, ist das für Eltern nicht immer leicht. Die Trennung bietet aber auch Chancen.

Wenn das große Kind auszieht, ist das für Eltern nicht immer leicht. Die Trennung bietet aber auch Chancen.

© AllesAlltag

Berlin. Noch einige Monate, dann ist es wieder so weit: Hunderttausende junge Frauen und Männer verlassen nicht nur die Schule, sondern ihre Heimat. Wechseln an die Wunsch-Uni, beginnen eine Ausbildung in einer anderen Stadt oder reisen für längere Zeit ins Ausland. Endlich hinaus in die Welt. Endlich etwas erleben, heißt es für sie. Doch während die Kinder aufgeregt in die Zukunft blicken, reift in den Eltern die Erkenntnis, dass ihre Küken nun flügge geworden sind und das Nest verlassen.

Neben den offensichtlichen, sorgenvollen Fragen wie "Wer kocht jetzt für meinen Sohn? Wer wäscht jetzt für meine Tochter? Kommen sie überhaupt alleine klar?" bleibt bei vielen Müttern und Vätern ein Gefühlschaos zurück, von dem ihre Kinder nichts ahnen. Denn nicht selten wird der Auszug des Kindes zu einem Verlusterlebnis. Die Folgen sind teils so dramatisch, dass Wissenschaftler den Begriff "Empty Nest Syndrome" oder zu Deutsch "Leeres Nest Syndrom" geprägt haben. Obwohl man sie nur in wenigen medizinischen Fachbüchern findet, wird die Bezeichnung immer populärer, wenn es darum geht, elterliche Verlustgefühle zu beschreiben.

Das Empty Nest Syndrome meint die Krisensituation, die eintritt, wenn Kinder den elterlichen Bereich verlassen. Das leere Nest bringt eine Reihe von Veränderungen mit sich - nicht nur strukturell, sondern auch sozial, emotional und psychisch. Obwohl es bei beiden Geschlechtern auftritt, sind vor allem Mütter vom Empty Nest Syndrome betroffen. Jahrelang haben sie ihre eigene Erwerbstätigkeit zurückgestellt, um sich Familie und Kindererziehung zu widmen. Sobald der jüngste Sprössling das Haus verlassen hat, wird es merklich ruhiger. Routinen fallen weg.

Mit dem Verlust der Mutterrolle gehen nicht selten Selbstzweifel und Zukunftsängste einher. Schlafstörungen und Unruhe sind die Folge. Insbesondere Hausfrauen treffen die Umwälzungen hart. Beinahe vom einen auf den anderen Tag müssen sie eine neue Perspektive entwickeln, eine neue Identität finden. Oft ist diese Phase für Frauen mit dem beruflichen Wieder- beziehungsweise Neueinstieg verbunden. Eine US-amerikanische Studie unter 1000 Frauen ergab, dass für etwa zehn Prozent der US-Mütter das Empty Nest Syndrome zu einem langwierigen Problem wird. Der Blues begleitet sie bis zu zwei Jahre.

Traurigkeit beim Auszug des Kindes ist normal - wohl alle Eltern haben mit ihr zu kämpfen. Doch es gibt auch besorgniserregende Reaktionen. Manche Eltern überkommt das Gefühl, dass das Leben nutzlos oder gar zu Ende sei. Sie gehen nicht mehr zur Arbeit und treffen keine Freunde. Sie kämpfen mit depressiven Stimmungen. Einige Psychologen glauben deshalb, dass das Empty Nest Syndrome eine Projektion der innerlichen auf die häusliche Leere ist.

Zusätzlich verändert der Auszug der Kinder die Familienstruktur. Manch unterschwelliger Konflikt brodelt hoch. Oder den Eltern fehlt plötzlich die gemeinsame Basis - nachdem sich jahrelang alles um die Kinder drehte. Nicht selten wankt die Partnerschaft daher, wenn Sohn und Tochter flügge werden. Wie eine Studie der Universität Heidelberg zeigt, steigt das Scheidungsrisiko in der Empty-Nest-Phase deutlich. Denn viele Eltern schieben ihre Trennung auf. Sobald die Kinder ausziehen, gibt es keinen Grund mehr, zusammenzubleiben.

Neuer Freiraum

Ehepaare dürfen sich deswegen nicht nur als Versorger definieren. Sie brauchen gemeinsame Interessen oder Projekte. Außerdem sollten sich Eltern mit Beginn der Empty-Nest-Phase neue Aktivitäten suchen, um die freie Zeit zu füllen.

Doch nicht immer sind die Reaktionen auf den Auszug der Kinder ausschließlich negativ. So wird das leere Nest von der Mehrzahl der Eltern nach anfänglicher Trauer als Entlastung empfunden. Zahlreiche Stressfaktoren fallen weg. Die gewonnenen Freiräume geben dem Leben sogar neue Möglichkeiten.

Für viele Wissenschaftler bleibt das Empty Nest Syndrome daher ein Mythos, eine Art "Modekrankheit", um das elterliche Gefühlschaos zu beschreiben. Interessant für die Forscher sind heute auch gegenteilige Erscheinungen. So beobachten sie, dass Kinder nach der Ausbildung vermehrt zurück zu den Eltern ziehen oder gar nicht erst das familiäre Nest verlassen. Die Wissenschaftler sprechen von "Boomerang Kids" und dem "Full House Syndrome".

Für Eltern, die vom Empty Nest Syndrome betroffen sind, ist es wichtig zu verstehen, dass sie ihre Kinder nicht verloren, sondern sie vielmehr Freiraum gewonnen haben. Wichtig ist: Je offener und entspannter Erziehungsberechtigte mit dem Auszug umgehen, desto intensiver wird der Kontakt zu den Kindern bleiben. "Glucken" ist ein weit verbreitetes Problem. Doch es ist grundverkehrt, den Zöglingen ständig hinterher zu telefonieren, sie unangekündigt zu besuchen sowie sie konstant zu belehren oder ihnen gar Schuldgefühle einzureden.

Dennoch sollten Kinder, um ihren Eltern die Empty-Nest-Phase zu erleichtern, den Kontakt nie ganz abreißen lassen. Allerdings sind klare Grenzen wichtig. Letztendlich bedeutet der Auszug keine familiäre, sondern nur eine räumliche Trennung. Eltern bleiben weiterhin viele Möglichkeiten, ihre Kinder zu unterstützen.

© Mannheimer Morgen, Dienstag, 24.01.2012
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