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Pädagogik: Experten halten spezielle Lernspiele, die angeblich Intelligenz und Geschicklichkeit fördern, für unnötig

Spielen soll Spaß machen

© dpa

GieSSen. Ob Albert Einstein wohl regelmäßig mit seinem Fuß gekreist hat? Oder wie ein Hase gehüpft ist? Solche Übungen sollen Kinder ab vier Jahren bei dem Spiel "Einstein Exercises" des kanadischen Herstellers Roylco ausführen. Vom kindlichen Stress sollen diese Bewegungen befreien, gleichzeitig die Leistung in der Schule verbessern helfen und die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn um 20 Prozent steigern, heißt es auf der Spieleverpackung.

Und apropos Gehirn: Bei den "Brain Molds" glibbert ein aus Gelatine geformtes Gehirn vor sich hin. Kinder ab fünf Jahren können die Form mit verschiedenen Farben füllen, um etwas über die einzelnen Gehirnareale zu lernen. In der Kategorie Lernspiele erscheinen jedes Jahr neue Produkte auf dem Markt. Die Spielwarenmesse in Nürnberg widmete dem Segment in diesem Jahr sogar zwei Hallen. Und viele Eltern fragen sich angesichts der Masse an Produkten: Welches Lernspiel fördert mein Kind tatsächlich? Braucht es überhaupt industriell hergestellte Spiele, um zu lernen?

Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist Spielen für Kinder der Hauptzugang zur Welt. Dabei lernen sie automatisch etwas, zum Beispiel mit anderen zu interagieren oder Regeln einzuhalten. "Die Trennung von Spielen und Lernen ist von Erwachsenen gemacht", sagt Gudrun Schwarzer, Leiterin der Abteilung für Entwicklungspsychologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Durch Spielen können Kinder außerdem Erlebtes verarbeiten.

Spiel mit Alltagsdingen

Eine spezielle Form oder Idee muss das Spielzeug nicht besitzen: "Kinder finden per se alles interessant, auch Alltagsdinge, die Eltern in der Hand haben", sagt Schwarzer. Dem schließt sich Donata Elschenbroich an: "In den Alltagsgegenständen steckt so viel Wissen. Spielzeug ist oft viel zu eindimensional, es ist schon fertig, und das Spiel im Voraus definiert", erklärt die Kulturwissenschaftlerin. "Gutes Spielzeug sollte nur zu zehn Prozent Spielzeug sein und zu 90 Prozent Kind."

Viele Produkte auf dem Markt gaukeln allerdings vor, dass es anders geht: Leseförderung durch Buchstabenspiele, Schulung der Feinmotorik durch Bausets. "Eltern sind besonders empfänglich dafür, ihre Kinder schon im Vorschulalter zu fördern", sagt der Entwicklungspsychologe Professor Axel Schölmerich. Diese Einschätzung teilt Katja Nikisch, Pressesprecherin beim Spielehersteller Haba. Dort machen Lernspiele etwa 40 Prozent der Produktpalette aus: "Seit der Pisa-Studie achten die Eltern verstärkt darauf, dass ihre Kinder beim Spielen etwas lernen. Für uns ist das ein stetig wachsendes Segment."

Professor Schölmerich von der Ruhr-Uni Bochum sieht die gut gemeinte Förderung kritisch: "Für Eltern ist es schwierig, eine Balance zu finden. Doch neben einer intellektuellen Unterversorgung gibt es auch eine Überstimulierung." Seiner Meinung nach sollten Spiele in erster Linie Spaß machen - und nicht zum Lenken kindlicher Interessen eingesetzt werden. Kinder hätten ohnehin einen ganz guten Schutzmechanismus, um sich gegen ungeliebte Dinge zu wehren: "Kindern ein Rechenspiel hinzustellen und zu sagen ,Jetzt spielt mal schön' funktioniert einfach nicht, wenn sie sich für Bücher und Sprache interessieren."

Grundsätzlich fehlt eine Definition darüber, was genau ein Lernspiel ist. "Warum ist ein Haustier zum Beispiel keines?", fragt Schölmerich. Schließlich lernten Kinder dabei eine Menge, etwa Verantwortung zu übernehmen oder - bei größeren Tieren - ihre Angst zu überwinden. Zum zweiten fehlen bei den als Lernspielen beworbenen Produkten wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, ob sie einen messbaren Effekt erzielen - also ob das Kind danach besser lesen, rechnen oder greifen kann.

Spiele sind vor allem bei kleinen Kindern keine Selbstläufer. Experten sind sich einig, dass die Kommunikation darüber und die Einbettung in einen sozialen Kontext wichtig sind. "Kinder lernen durch Beobachten und Nachahmen. Eltern sollten deshalb beim Spielen mitmachen", rät Schölmerich.

Um das richtige Spiel für ihre Kinder zu finden, sollten Eltern sich hauptsächlich an deren Interessen orientieren. Dabei könne es aber nicht schaden, komplementär zu denken und Alternativen anzubieten. Schölmerich beschreibt das als "Blumenstrauß-Modell": Interessiert sich das Kind zum Beispiel für Dinosaurier, kommt vielleicht auch ein Buch zur Geschichte der Evolution gut an.

Eine Garantie dafür, dass Eltern damit richtig liegen, gibt es aber nicht: "Damit müssen die Erwachsenen dann leben, wenn ihr Angebot nicht akzeptiert wird", sagt Schölmerich. Letztlich gehe es genau darum, findet auch Entwicklungspsychologin Schwarzer: "Lernspiele sollten ein Angebot sein. Werden Kinder mit einem Thema über die Grenzen getriezt, kann das noch als Erwachsener wie ein rotes Tuch sein." dpa

© Mannheimer Morgen, Dienstag, 29.11.2011
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