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Erziehung: Babyzeichenkurse sind der neueste Trend und versprechen eine bessere Kommunikation zwischen Eltern und Kindern

Zwergensprache für die Kleinsten

Von unserer Mitarbeiterin Cornelia Mönster

Münster. Es gibt eine Zeit, da bedeutet "Babba" alles, zum Beispiel "Papa" oder "Banane". Vielleicht aber auch "Ball", "Baum" oder "baden". Oft können die Eltern nur erahnen, was ihr Nachwuchs gerade zu äußern versucht. Denn obwohl Kinder erst mit etwa eineinhalb Jahren anfangen zu sprechen, besitzen sie bereits lange vorher einen recht großen passiven Wortschatz, können also einiges von dem verstehen, was da in der großen Welt passiert. Wenn es aber darum geht, sich selbst mitzuteilen, hapert es. Außer Fuchteln und "Babba" hilft dann nur noch Schreien und Quengeln - und zwar so lange, bis Mama oder Papa auf den Trichter kommen.

"Und das kann für beide Seiten enorm frustrierend sein", sagt Tina Klöss. Die 26-Jährige muss es wissen, denn sie hat einen zehn Monate alten Sohn namens Paul, der noch nicht sprechen kann, aber einiges zu sagen hat. Jetzt gerade teilt er mit, dass er die Lampe an der Decke entdeckt hat. Sein Blick hängt an der weißen Deckenleuchte im Kursraum eines Gesundheits-Centers in Münster. Paul streckt seinen Arm nach oben, öffnet seine Faust und spreizt die Finger: das Zeichen für "Lampe". Klöss strahlt. "Richtig, das ist eine Lampe, Laaampe", sagt sie.

Etwa 20 Zeichen

Es ist Donnerstagnachmittag. Zeit für den Babyzeichenkurs, den Klöss hier seit ein paar Monaten wöchentlich anbietet. Weiche Decken liegen auf dem Holzboden, darauf ein paar Spielzeuge. Gleich werden die kleinen Schülerinnen und Schüler samt Muttis eintreffen. Paul beherrscht mit seinen zehn Monaten etwa 20 Zeichen der "Zwergensprache", einer vereinfachten Form der deutschen Gebärdensprache. "Ziel ist die Verständigung auf beiden Seiten", sagt Klöss. "Oft ist die Kommunikation ziemlich einseitig, weil die jungen Mütter ihre Babys nicht verstehen." Wenn beide Seiten ein bestimmtes Repertoire an Grundbegriffen haben, mit dem sie sich ausdrücken können, dann klappt es mit der Kommunikation - so die "Zwergensprache"-Philosophie.

Idee aus Großbritannien

Ihr Handwerk hat die Sozialpädagogin Klöss bei Vivian König erlernt, einer Deutschen, deren Kinder in Großbritannien geboren wurden, wo Babyzeichenkurse schon lange zum Standardprogramm für Eltern-Kind-Kurse gehören. König begeisterte sich für das Angebot, importierte die Idee unter dem Namen "Zwergensprache" nach Deutschland und hat hier inzwischen mehr als 40 Kursleiterinnen in die Geheimnisse der Babyzeichen eingeweiht.

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Die Babyzeichensprache wurde aus den USA und Großbritannien nach Deutschland importiert. Sie gehört im englischsprachigen Raum bereits seit den 1980er Jahren zum Standardprogramm unter den Eltern-Kind-Kursen.
Hierzulande werden Babyzeichenkurse, die auf einer vereinfachten Form der deutschen Gebärdensprache beruhen, seit 2004 angeboten. Inzwischen laufen Workshops in mehr als 100 Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Zielgruppe sind Babys und Kleinkinder im Alter von sechs bis 24 Monaten. Die Anfängerkurse umfassen ein Kontingent von rund 75 Zeichen, etwa für "Milch", "Hunger", "Durst" oder "müde". Die Kurse kosten fünf bis sieben Euro pro Stunde.

Diese Geheimnisse zu ergründen, fällt nicht sehr schwer. Paul macht es seinen kleinen Mitstreitern vor. Sechs Babys und Kleinkinder im Alter von acht bis 19 Monaten sitzen oder liegen im Schoß ihrer Mütter, gucken großäugig in die Runde und lauschen der Musik, die Klöss vom CD-Player abspielt. "Heute lernen wir den Begriff -€štanzen'", sagt sie. "Herr Pinz und Herr Panz, die gingen mal zum Tanz", dudelt es in kindgerechtem Reimgesang aus dem Gerät. Paul schwingt die Hände wie ein Dirigent: das Babyzeichen für "tanzen". Henri, der neben ihm sitzt, ahmt das Zeichen nach und wackelt dazu mit den Beinen. Die anderen Babys staunen. Paul und Henri sind die Stars. Dabei ist das Zeichen kinderleicht, weil es den täglichen Gesten nachempfunden ist.

Auf diesem Prinzip beruhen die Babyzeichenkurse. Klöss erklärt: "Menschen gestikulieren beim Sprechen ständig, meist unwillkürlich. Die Kurse sollen helfen, die Zeichen als Kommunikationsmittel einzusetzen." Gleichsam als Zeichenklassiker, die Kinder auch ohne Babyzeichenkurs schnell beherrschen, gelten dabei zum Beispiel das Aneinanderpochen der Hände für "Bitte bitte" oder das Schlenkern der Hand für "tschüs". Schon symbolischer, aber doch gut verständlich: das gestische Nachzeichnen eines Zwirbelbarts für "Opa" oder das Auf- und Zuklappen der Hand für "Vogel". Klöss schärft ihren Kursteilnehmerinnen dabei ein, nicht stumm zu gestikulieren, sondern stets das richtige Wort, den richtigen Satz dazu zu sprechen. Die Zeichen, betont Klöss, sollen der erste Schritt zum Sprechen sein.

Den meisten Kritikern können Klöss und ihre Kolleginnen mit diesem Argument den Wind aus den Segeln nehmen. Solange in den Kursen sowohl Gebärden als auch gesprochene Worte eingeübt werden, würde die normale sprachliche Entwicklung der Kinder nicht verzögert, sagt etwa der Magdeburger Lernforscher Henning Scheich. "In diesem Fall ist nichts dagegen einzuwenden."

Der Mainzer Sprachheilpädagoge Gerhard Zupp allerdings sorgt sich angesichts der zunehmenden Beliebtheit der Kurse um die "Kommerzialisierung eines normalen Umgangs zwischen Eltern und Kind". Sprich: Warum sollten Eltern Geld für Übungen bezahlen, die sie intuitiv schon beherrschen? Und: "Wenn sich Eltern bei der Förderung ihrer Kinder allein auf solche Angebote verlassen, wird das dem Bedarf nicht gerecht", gibt Zupp zu bedenken.

Mannheimer Morgen
02. September 2008

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