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Interview: Der Arzt und Autor Michael Prang klärt über die häufigsten populären Gesundheitsirrtümer auf

Kirschen und Wasser vertragen sich

Von unserem Redaktionsmitglied Madeleine Bierlein

Mannheim. "Kirschen gegessen - Wasser getrunken - Bauchweh bekommen - tot". Wer kennt ihn nicht, den Abzählvers. Und doch ist an dem Spiel aus Kinderzeiten nicht (mehr) viel dran, wie Michael Prang, Medizinjournalist und Autor, im Interview mit unserer Zeitung erklärt.

Herr Prang, Sie haben ein Buch über die größten Gesundheitsirrtümer geschrieben. Was ist für sie der erstaunlichste Irrtum?

Michael Prang: Am erstaunlichsten fand ich, dass man ruhig Kirschen essen und danach Wasser trinken darf. Auch mir hat das meine Großmutter in den 1960er Jahren verboten, und damals war das auch verständlich. Denn das Wasser, das wir getrunken haben, stammte noch aus dem Brunnen. Das Trinkwasser enthielt aber oft Keime, die das Obst im Magen zum Gären bringen konnten. Heute ist das aber nicht mehr so. Auch sehr erstaunlich fand ich, dass Vegetarier nicht länger leben, weil sie kein Fleisch essen.

Sondern?

Prang: Sie leben in der Tat länger, aber eben nicht aufgrund des Verzichts auf Fleisch, sondern weil sie insgesamt einen gesundheitsfördernden Lebensstil haben. Sie rauchen seltener, trinken weniger Alkohol, treiben häufiger Sport.

Warum halten sich die vermeintlichen Weisheiten so hartnäckig?

Prang: Ich glaube, sie sind so etwas wie kleine Fixpunkte in unserem Leben. An ihnen können wir uns orientieren. Wir haben sie von unseren Eltern und Großeltern übernommen, und meist haben wir auch das Gefühl, das passt schon. Außerdem sorgen sie dafür, dass wir uns nicht mit allem beschäftigen müssen - weil wir die Antworten angeblich schon wissen.

Zum Beispiel?

Prang: Es heißt immer, gegen Tinnitus könne man nichts machen - also muss man auch nichts unternehmen. Aber das stimmt nicht. Es ist zwar sehr aufwendig, aber man kann Tinnitus sehr wohl abtrainieren.

Sind Sie selbst schon einmal einem Gesundheitsirrtum aufgesessen?

Prang: Natürlich. Die Aussage "Warmes Essen am Abend macht dick" stimmt zum Beispiel nicht. Aber ehrlich gesagt, hatte ich den Verdacht, es könnte zutreffen.

Tut es aber nicht?

Prang: Nein. Das Körpergewicht hängt von der Menge der aufgenommenen und verbrauchten Kalorien ab und nicht davon, wann wir sie zu uns nehmen.

Gibt es auch zutreffendes Volkswissen?

Prang: Ja, das gibt es auch. Zum Beispiel, dass man nach dem Essen nicht schwimmen soll. Wenn ein gesunder Jugendlicher oder auch ein trainierter 65-Jähriger Bratwurst, Kartoffelsalat und Pommes isst, dazu noch eine Cola trinkt, wird ihm wahrscheinlich nichts passieren, wenn er anschließend über den See schwimmt. Aber ein Untrainierter, der das Gleiche tut, kann tatsächlich wegen Kreislaufbeschwerden ertrinken.

Was ist Ihr liebster Irrtum?

Prang: Am liebsten ärgere ich Bodybuilder damit, dass ich ihnen sage, dass das ganze Eiweiß-Geesse gar nichts bringt, dass ihr Körper es nicht braucht. Oder nein, mein liebster Irrtum ist, dass Fasten entschlackt.

Wieso?

Prang: Das ist einfach glatter Unsinn. Schlacken entstehen in der Metallverarbeitung, aber nicht im menschlichen Körper. Was soll das sein? Schmutzwasserpfützen? So etwas gibt es in uns nicht. Auch wenn mir die Anhänger des Fastens wegen dieser Aussage schon manche böse E-Mail geschickt haben. Fakt ist, für den Körper bedeutet Fasten großen Stress.

Nutzen manche Firmen die von ihnen genannten Irrtümer gezielt?

Prang: Ja. Über viele Irrtümer muss ich schmunzeln, aber manche machen mich auch sehr ärgerlich. Zum Beispiel, wenn es heißt, dass Cremes gegen Cellulitis helfen. Mit Cremes bekommt man die Orangenhaut aber nicht weg, das ist eine platte Lüge, um damit viel Geld zu verdienen.

Mannheimer Morgen
13. Juli 2010

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