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Motorik: Mädchen und Jungen werden heute nicht mehr gezielt umerzogen / Zahlreiche Hindernisse im Alltag

Linkshänder haben es oft schwer

Von unserem Redaktionsmitglied Madeleine Bierlein

Mannheim. In früheren Zeiten wurden Linkshänder geächtet, dann bis Ende der 70er Jahre teils brutal umerzogen. Und auch heute noch haben sie es in einer Welt, die auf Rechtshändigkeit gepolt ist, nicht immer einfach.

Dabei ist Linkshändigkeit gar nicht so selten, wie viele meinen. Derzeit geht die Wissenschaft davon aus, dass bei zehn bis fünfzehn Prozent aller Menschen die linke Hand dominiert. Da sich viele Kinder aber auch selbst "umerziehen", indem sie rechtshändige Vorbilder oder Spielkameraden kopieren, könnte deren Anteil noch viel höher sein.

Die Linkshändigkeit wird heute mit einer Dominanz der rechten Hirnhälfte erklärt, während bei Rechtshändern die linke Hälfte aktiver ist. Viel spricht dafür, dass es eine genetische Ursache gibt, allerdings unterscheiden sich eineiige Zwillinge - die genetisch identisch sind - häufig in der Händigkeit. Auch wenn die Ursachen noch nicht abschließen geklärt sind, steht doch fest, dass die Bevorzugung einer Seite angeboren ist. Und dass sie nicht verändert werden soll.

Denn die Umschulungen, noch bis vor 35 Jahren üblich, hatten teilweise schwerwiegende Folgen. So haben noch heute viele verhinderte Linkshänder mit psychischen Problemen zu kämpfen, sie leiden überdurchschnittlich häufig unter Sprachstörungen wie Stottern und bekamen in Schule und Ausbildung tendenziell schlechtere Noten. Auch Legasthenie wird zum Teil auf eine solche Umerziehung zurückgeführt.

Obwohl Schreiben mit links hierzulande mittlerweile akzeptiert ist, werden viele Kinder weiterhin dazu angehalten, Messer und Gabel wie Rechtshänder zu halten oder die rechte Hand zum Begrüßen zu reichen. Vorurteile hielten sich hartnäckig, berichtet die Mannheimer Ergotherapeutin Gabriele Weiland. Sätze wie "Ich bin schon froh, dass mein Kind Rechtshänder ist" hört sie immer wieder.

In einigen Ländern sind die Vorbehalte besonders groß. Im arabischen Kulturkreis etwa gilt die linke Hand als unrein - was darauf zurückzuführen ist, dass die Reinigung nach dem Stuhlgang mit der linken Hand und Wasser erfolgt. Zum Essen und Begrüßen ist sie folglich tabu. Auch in der deutschen Sprache hat die Geringschätzung der linken Seite deutliche Spuren hinterlassen: linkisch, mit dem linken Bein aufstehen, links liegen lassen, zwei linke Hände haben, linker Typ... Andererseits gelten Linkshänder als besonders kreativ oder intelligent.

Problematisch für Linkshänder bleibt, dass unsere Gesellschaft sehr stark auf Rechtshändigkeit ausgerichtet ist. Das fängt schon im Kindesalter an. In Klassenzimmern etwa ist das Fenster meist auf der linken Seite - damit Rechtshänder nicht durch einen Schatten gestört werden. Beim Schreiben mit dem Füller verwischen Linkshänder mit der nachfolgenden Hand oft die Tinte. Auch bei optimaler Schreibhaltung und wenn schnell trocknende Tinte verwendet wird, bleibt das Problem, dass sie die Füllerspitze schieben und nicht ziehen, dadurch spießt sie sich leicht ins Papier ein.

Küchenmesser sind überwiegend einseitig angeschliffen, schneiden also nur in der rechten Hand gut. Asymmetrische Werkzeuge wie Scheren und Dosenöffner widersprechen in der Handhabung dem natürlichen Bewegungsablauf von Linkshändern. Bohrmaschinen können sogar richtig gefährlich werden. Fotoapparate und Fahrräder sind ebenfalls für Rechtshänder beziehungsweise -füßer konzipiert. Genau wie die allermeisten Musikinstrumente - allerdings gibt es in diesem Bereich zunehmend spezielle, gespiegelte Modelle.

Susanne Schmidt vom heilpädagogischen Fachdienst der evangelischen Kirche in Heidelberg berät Kindergartenpersonal bei der Begleitung von Linkshändern. Ihr ist es ganz wichtig, dass man die Kinder nicht nur als Linkshänder akzeptiert, sondern sie auch aktiv unterstützt, sich in unserer rechtsdominanten Welt zurechtzufinden. "Es sollte selbstverständlich sein, dass alle Kinder die für sie richtigen Bewegungsmuster zum Beispiel beim Schleifebinden gezeigt bekommen und ihnen passenden Materialien zur Verfügung stehen." Das reiche von der Linkshänder-Schere bis zum richtigen Musikinstrument. Ergotherapeutin Gabriele Weiland geht noch weiter: "Wenn das nicht der Fall ist, handelt es sich für mich um absolute Diskriminierung."

Die Opfer dieser "Diskriminierung" finden sich in ihrer Praxis wieder. Kinder, die sich auf die linke Hand setzen, um sie nicht aus Versehen doch zu benutzen, die weinen, weil sie nicht anders sein wollen. Und einst umgeschulte erwachsene Linkshänder, die sich mühsam zurückschulen, weil sie sich "verkehrt" fühlen.

Mannheimer Morgen
10. August 2010

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