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Alkoholismus:

Alkohol gegen Einsamkeit - Sucht im Alter

Von Wenke Böhm, dpa

Der Feind heißt erst Einsamkeit, dann Alkohol: Tausende älterer Menschen im Südwesten greifen zur Flasche, um ihren Kummer zu ertränken. Hilfe tut nach Ansicht von Sucht-Ärzten Not.

Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit bei älteren Menschen werde in den kommenden Jahren deutlich steigen, befürchten die Suchtberatungen in Baden-Württemberg.

© dpa

Stuttgart/Kraichtal. Es ist schon seine zweite Therapie. "Du musst eine Schlusslinie ziehen, sonst kommst Du da nie raus", sagt Hartmut Nowak (Name geändert). Er schaut auf seine Hände, einen Anflug von Verlegenheit in seinem sonst sehr offenen Gesicht. Seit fünf Tagen besucht der 56-Jährige eine Stuttgarter Tagesklinik für Suchtkranke. Diesmal will er dem Alkohol endgültig abschwören. "Ich weiß, dass es das letzte Mal ist", sagt Nowak fast trotzig.

Die Sucht kam schleichend, erzählt er. Als Werkzeugmacher hat er früher gearbeitet, jahrelang seine kranke Frau gepflegt und die drei Kinder versorgt. Doch dann stirbt die Frau, die Kinder werden flügge. "Das ganze Haus ist leer, auf einen Schlag ist kein Mensch mehr da. Da wirst Du nicht fertig g'schwind damit." Er flüchtet in die Kneipe und findet Kumpels, mit denen er trinkt. Obstler, Wein, Bier - immer wieder und immer mehr. Irgendwann reicht es seinem Chef, Nowak fliegt raus. Auch zwei seiner Kinder wenden sich von ihm ab.

Die erste Therapie bringt Hilfe. Warum der Rückschlag? "Ich weiß, das klingt jetzt total blöd": In der Therapie lernte er eine Frau kennen. Ihr Rückfall habe ihn Kraft gekostet, die er für sich selbst gebraucht hätte. Wieder nimmt ihn die Sucht in die Zange. "Andere sind nach zwei Maß betrunken, ich hatte danach gerade mal den ersten Durst gestillt." Der Stuttgarter verachtet sich und fühlt sich "wie ein Tier". Dann macht er eine Grenzerfahrung. Er kollabiert, sein Blutdruck schießt hoch. Im Krankenhaus hört er, wie zwei Ärzte über ihn sprechen: "Wir warten die Nacht ab. Entweder er packt es oder nicht." Schlagartig begreift er: Es muss sich etwas ändern. Sofort.

Was ihn in der zweiten Therapie erwartet, weiß er. Es startet mit der Entgiftung, bei der Medikamente helfen. "Kalter Entzug ist fürchterlich, da kannst Du die Wände hochgehen." Später stehen Gruppensitzungen, Einzelgespräche und Projekte wie künstlerisches Gestalten auf dem Programm. Vor allem aber gibt es Leute, die ihm richtig zuhören. Draußen fühlt er sich abgestempelt. "Die Nachbarn sagen: "Der Schluckspecht kommt wieder"." Er weiß, dass er ganz neu anfangen muss. Er entdeckt das Wandern für sich. "Das schwierigste ist, dass Du Dir einen neuen Freundeskreis aufbauen musst."

Einsamkeit ist häufig ein Grund für Sucht im Alter, sagt der Ärztliche Direktor Harry Geiselhart von der Klinik für Suchtmedizin in Stuttgart. Hochrechnungen zufolge haben rund zwei bis drei Prozent der Männer und ein Prozent der Frauen über 65 Jahre ein schwerwiegendes Alkoholproblem. Im Südwesten entspricht das laut Landesstelle für Suchtfragen rund 23 000 Männern und 11 800 Frauen. Auch der gesundheitsschädigende Gebrauch von Schmerzmitteln und psychoaktiver Medikamente sei recht weit verbreitet.

Geiselhart macht älteren Süchtigen jedoch Mut: "Sie haben sehr gute Chancen bei der Behandlung." Das gelte vor allem für jene Abhängigen, die erst spät süchtig geworden sind. Diese Patienten hätten meist schon mal gelernt, ihr Leben im Griff zu halten und fänden leichter zurück. Von ihren 2200 Patienten jährlich seien rund 15 Prozent älter als 55 Jahre, sprich rund 330. Geiselhart wehrt sich gegen die Denke, ältere Menschen sollten ruhig trinken und die letzten Jahren ihres Lebens genießen. "Das ist gerade falsch, denn der Alkohol zerstört das psychische Wohlbefinden."

Auch Chefarzt Harald Beutel von den Kraichtal-Kliniken sieht eine Kluft zwischen Bedarf und Behandlung älterer Süchtiger. Meist brauche es erst ein einschneidendes Ereignis oder das Gefühl, sich selbst nicht mehr ins Gesicht sehen zu können, bevor Patienten von sich aus Hilfe suchten. Und sonst sei es schwer, sie zu erreichen. "Hier kommt Hausärzten eine Schlüsselrolle zu", sagt Beutel. Doch nur vergleichsweise wenige Mediziner seien überzeugt, dass sich die Therapie bei älteren Menschen lohnt.

Vor allem über Tablettenabhängigkeit von Älteren wisse man wenig, beklagt Geiselhart. "Hier tappen wir völlig im Dunklen." Dass die Landesstiftung im Jahr 2010 mehrere Modellprojekte zu Sucht im Alter angestoßen hat, lobt er. "Sie leistet einen wesentlichen Beitrag dazu, Licht ins Dunkel zu bringen."

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 25.04.2012
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