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Winterdepression: Michael Deuschle, Oberarzt am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim zur saisonalen Depressionen

„Viel Schlafbedarf und Hunger“

Von unserem Redaktionsmitglied Yasmin Akbal

© DPA

Mannheim. Grau und trübe sind die Tage im Winter. Dunkelheit und schlechtes Wetter schlagen vielen aufs Gemüt. Prof. Michael Deuschle, Oberarzt am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (ZI) erklärt, wie Winterdepressionen entstehen und wie man sie verhindern kann.

Herr Deuschle, vielen Menschen fällt es im Winter schwer, morgens aus dem Bett zu kommen oder sie sind schlechter gelaunt als im Sommer. Wie erkenne ich, dass ich an einer sogenannten Winterdepression leide?

Michael Deuschle: Die "Winterdepression" ist ein Spezialfall der Depression. Typisch ist die saisonale Bindung an den Herbst oder Winter. Wer glaubt, daran zu leiden, sollte zunächst mit einem Arzt prüfen, ob eine Depression vorliegt. Das heißt vor allem, ob er mehrere Wochen durchgehend freudlos oder niedergeschlagen ist, ohne dass es einen adäquaten Grund gibt. Erst wenn mehrere Depressionen saisonal gebunden auftreten, spricht man von "Winterdepression".

Prof. Dr. Michael Deuschle wurde 1963 in Esslingen geboren und lebt in Neustadt an der Weinstraße. Er studierte Medizin in Mainz und München.

Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Depression und Diabetes, Schizophrenie, Antipsychotika und Energiestoffwechsel, Schlafmedizin und Psychopharmakologie

Seit 1996 arbeitet Deuschle am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Dort leitet er als Oberarzt die Arbeitsgruppe "Stressbezogene Erkrankungen" und das Schlaflabor.

Gibt es typische Symptome?

Deuschle: Es gibt keine Symptome, die ganz spezifisch für die "Winterdepression" sind. Patienten haben aber überwiegend ein hohes Schlafbedürfnis und verspüren ständig Hunger.

Was sind die Ursachen für eine saisonale Depression?

Deuschle: Das ist nicht eindeutig geklärt. Mutmaßlich sind Biorhythmen, die Lichtzufuhr aber auch Verhaltensaspekte ausschlaggebend. Wenn ich im Sommer gut drauf bin, weil ich draußen mit Freunden Tennis und Fußball spiele, dann kann es sein, dass im Winter ein Verhaltensaspekt fehlt, der vor Depression schützt.

Wie kann man sich vor dieser Erkrankung schützen?

Deuschle: Viele Faktoren im Lebensstil können vor der "Winterdepression" schützen: soziale Kontakte pflegen oder Sport machen. Sicherlich gibt es aber auch Menschen, die im Winter Depressionen bekommen, obwohl sie Sport machen. Dann sind vielleicht Aspekte des Biorhythmus bedeutsam oder sie brauchen mehr Licht. Die nötige Lichtdosis kann man sich auch holen, indem man sich im Morgenlicht bewegt, Fahrrad fährt, walkt oder 30 Minuten joggen geht. Wichtig ist nur, das regelmäßig morgens zu tun, um den Biorhythmus in Schwung zu bekommen. Zur Vorbeugung häufig wiederkehrender Depressionen sind bestimmte Psychotherapieverfahren oder auch Rückfallschutz mit Antidepressiva zu erwägen.

Welche Behandlungsmethoden gibt es gegen die Winterdepressionen?

Deuschle: Allgemein sind die Hauptbehandlungen bei einer Depression Psychotherapie und Antidepressiva. Bei der Winterdepression wird auch Lichttherapie eingesetzt. Dabei müssen Patienten eine halbe Stunde am Tag in eine spezielle Lampe blicken. Ich rate aber dringend ab, eine Lichttherapie auf eigene Faust durchzuführen, dafür gibt es Speziallampen. Zu viel Licht kann den Augen schaden, so dass diese Therapieform unbedingt mit einem Facharzt abgesprochen werden muss.

Sind Vitamine als Vorsorge geeignet?

Deuschle: Das ist etwas kompliziert. Es wird vermutet, dass die Zufuhr von Vitamin D bei bestimmten Depressionen hilft. Es ist aber nicht widerspruchsfrei belegt, ob sie auch vor "Winterdepressionen" schützen.

Gibt es einen Monat, in dem besonders viele Menschen unter Winterdepressionen leiden?

Deuschle: Im Grunde geht es los, wenn die Tage kürzer werden, deshalb spricht man auch eher von "Herbst-Winter-Depressionen". Im November, Dezember erkranken eher mehr Menschen daran als im Frühjahr.

Welche Personengruppen sind besonders gefährdet?

Deuschle: Wer ein unregelmäßiges Leben führt, wie beispielsweise ein Schichtarbeiter, oder wenig Aktivität am Tag hat und nachts nicht durchgehend schläft, der hat auch einen gestörten Biorhythmus und ist gefährdet. Besonders ältere Menschen, die nicht mehr viel aus ihrer Wohnung rauskommen, sind davon betroffen, weil sie dann zu wenig Licht abbekommen. Allgemein nimmt das Phänomen der Winterdepression vom Äquator zu den Polen eindeutig zu. Schon in Italien beispielsweise gibt es das praktisch nicht mehr

Sind auch Kinder und Jugendliche betroffen?

Deuschle: Die jahreszeitliche Bindung von Depression ist bei Jugendlichen und Kindern weniger gut untersucht. Es gibt aber Untersuchungen, die vermuten lassen, dass "Winterdepression" auch für Jugendliche ein Thema ist.

Werden Patienten im Krankenhaus, z. B. im ZI behandelt?

Deuschle: Die typische "Winterdepression" ist meist eine vergleichsweise milde und relativ kurze Depression. Patienten gehen eher zum Hausarzt oder in eine psychiatrische Praxis. Meistens geht es den Patienten bereits besser, wenn das Frühjahr kommt. Stationäre Behandlung benötigen eher Patienten mit schwerer Depression oder fehlendem Ansprechen auf Behandlung als Patienten mit "Winterdepression".

© Mannheimer Morgen, Dienstag, 15.01.2013
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