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Wohlbefinden: Fußballer und Leistungssportler entdeckten zuerst das therapeutische Tapen

Kinesio-Band und die Kunst des Klebens

Von unserem Redaktionsmitglied Waltraud Kirsch-Mayer

Ariane Isiksal, Physiotherapeutin im Mannheimer Uniklinikum, demonstriert die Kinesio-Tape-Methode - beispielsweise bei Nackenverspannungen.

© Prosswitz

Fußballfans dürften sich daran erinnern, wie Glamourkicker David Beckham vor einigen Jahren nach einem Spiel das Trikot über den Kopf zog und nicht etwa mit seinem opulenten Rücken-Tattoo, sondern mit einer mysteriösen Anordnung pinkfarbener Streifen verblüffte. Heute würde sich darüber niemand mehr wundern - schließlich hat die Kunst des Klebens mit dem Kinesio-Band inzwischen die physiotherapeutischen Praxen erobert. Längst sind es nicht mehr nur Leistungssportler, die sich der Tape-Methode bedienen. Die Erfindung eines japanischen Chiropraktikers vor etwa 30 Jahren hat sich zu einem Tausendsassa mit vielfältigen Einsatzmöglichkeiten ohne Nebenwirkungen entwickelt.

Spezielle Zugtechnik

Tapen gehört auch in der Physiotherapie des Orthopädisch-Unfallchirurgischen Zentrums der Mannheimer Universitätsmedizin zur Angebotspalette. Bewährt habe sich eine solche Behandlung, erzählt Ariane Isiksal, bei verspannten "Schreibtischtätern" - will heißen: bei Menschen, die viel am Computer sitzen und an einem Hals-Wirbel-Syndrom leiden. Die erfahrene Physiotherapeutin, die 1993 zum Klinikum kam, demonstriert an einem Kollegen, wie in einem solchen Fall das hochelastische Baumwollband mit dem thermoaktiven Kleber in der Form eines "Y" angelegt würde. Die seitlichen Züge sollen Spannung aus dem für vielerlei Schulterbewegungen zuständigen Trapezius -Muskel nehmen. "Außerdem ist das Tape so etwas wie eine Gedächtnisstütze", erläutert die Fachfrau. Denn sobald der Kopf beim Starren auf den Computer oder beim Eingeben von Texten eine typische Fehlhaltung, den nach vorn gestreckten Schildkrötenkopf, einnimmt, entwickelt das Band Zug und erinnert auf diese Weise daran: Bitte den Nacken lang strecken! Ist Tapen so etwas wie eine Wundertherapie? Ariane Isiksal schüttelt den Kopf. Sie hat aber die Erfahrung gemacht, dass sich das Verfahren wunderbar als Ergänzung anbietet - beispielsweise bei manuell behandelten Kopfschmerzpatienten in der Zeit zwischen Therapieterminen. Außerdem schätzt sie die Technik als vorbeugendes Mittel - so als Gelenkstütze. "Damit beispielsweise ein Sprunggelenk bei sportlichen Aktivitäten nicht so leicht umknickt." Und anders als das herkömmliche starre Pflaster passt sich das Tape den Bewegungen an. Eine Dehnungsfähigkeit des atmungsaktiven und übrigens auch wasserfesten Materials von um die 130 Prozent - was in etwa der Elastizität der Haut entspricht - macht dies möglich.

Kinesio-Klebebänder gibt es in so ziemlich allen Farben im Sanitätsgeschäft zu kaufen. Häufig wird behauptet, diese könnten selbst geklebt werden. "Das ist bei einigen wenigen Anlagen möglich - wie vorn am Bein", erklärt die Physiotherapeutin, schränkt aber sofort ein: Wenn an der Beinrückseite, am Rumpf, an Händen oder Armen getapt werden soll, dann werde eine zweite Person nicht nur zum Hantieren gebraucht. Wichtig sei, dass derjenige auch weiß, wo bestimmte Muskeln und Lymphbahnen verlaufen, wo, wie und aus welchen Gründen mit Zug gearbeitet wird.

Anlage je nach Befund

"Die Wirkung beruht allein auf der Anlagetechnik", betont Ariane Isiksal. Anders ausgedrückt: Es nutzt wenig, die bunten Bänder einfach aufzukleben. Allerdings kann beim falschen Tapen auch nicht viel passieren - es sei denn, ein Band wird rundherum so eng angelegt, dass es die Blutzirkulation behindert. Und nach welchen Kriterien werden die Elastikstreifen geklebt? "Je nach Befund!" Die Physiotherapeutin erläutert, dass es beim berühmt-berüchtigten Tennisarm genauso wie beim verspannten Nacken darum geht, die Muskelspannung zu reduzieren, während die Tape-Anlage bei instabilen Gelenken oder Muskelungleichgewicht tonussteigernd wirken soll. Und weil das elastische Klebeband bei jeder Bewegung die Haut sanft liftet und massiert, kommt es zu einer Druckentlastung, werden Blut-und Lymphzirkulation angeregt. Außerdem erfolgt - ausgelöst von den mechanischen Verschiebungen - eine Reizung der Mechanorezeptoren in der Haut, was wiederum Schmerzreize dämpfen kann.

Bei allen Vorzügen gilt jedoch: Auch effektvoll angelegte Kinesio-Tapes bringen auf Dauer wenig, wenn Schon- und Fehlhaltungen nicht korrigiert werden.

Freitag, 09.03.2012
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