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Entspannungstechnik: In der Körpererfahrungsmethode Eutonie wirkt das Wissen deutscher Tanzpioniere und Tanzpädagogen fort

"Wohlspannung" kann ganz schön entspannend sein

Von unserem Redaktionsmitglied Ralf-Carl Langhals

Wir lieben es, uns zu entspannen, und wissen, dass wir es oft auch bitter nötig haben, wenn wir verspannt, zu lange angespannt oder zu stark eingespannt sind. Wer vermeldet nicht gerne, "Ich bin total entspannt", wenn Massage, Sauna oder Wohlfühlbad erfolgreich waren?

Dabei ist eine absolute Entspannung gar nicht sonderlich wünschenswert. Viel wichtiger ist es, den richtigen Spannungsgrad vor allem der Muskulatur, aber auch des Bindegewebes, der Haut, der Gefäße und Organe zu erreichen. Ein Verfahren, diesem Zustand nahezukommen, bezeichnet der Begriff Eutonie, der sich aus den griechischen Worten "eu" (gut, wohl, angemessen) und "tonos" (Spannung, Stimmung) zusammensetzt. Es geht also um Tonusregulierung oder Spannungsausgleich, um "Wohlspannung", auch wenn Fachleute diesen Begriff nicht schätzen.

"Im Eutonieunterricht wird auf vielfältige Weise dazu angeleitet, den eigenen Körper zu spüren, seine Möglichkeiten und Grenzen zu erforschen und seinen organischen Gesetzen zu gehorchen", heißt es in einer Broschüre des Deutschen Berufsverbandes für Eutonie Gerda Alexander e.V. (DEBEGA). Das klingt rätselhafter und anstrengender als es ist. Denn Eutonie ist sicher die sanfteste und minimalistischste aller "Entspannungstechniken", auch wenn der Begriff in diesem Zusammenhang eher kontraproduktiv ist.

Wie funktioniert das?

Gymnastik? Massage? Ganzheitlicher Mummenschanz? Glaubenssache? Diese Fragen sind Skeptikern anfangs nicht fremd, denn von Yoga, Pilates oder autogenem Training hat man schon gehört, aber von Eutonie? Und selbst wer seine erste Stunde antritt, kann zunächst nicht recht einschätzen, was auf ihn zukommt. Ein Blick in den ruhigen Arbeitsraum zeigt zumindest eines: Sportliches ist nicht zu erwarten.

Die Grundsituation ist die, dass man mit einer Gruppe auf einer Wolldecke Platz nimmt, neben die eine Kursleiterin Materialien gelegt hat, die wenig aussagekräftig scheinen: ein Stück Bambusholz, ein paar Kastanien, ein Stoffball, ein Kirschkernsäckchen, ein Stück Hanfseil, ein Holzscheit. Willkommen im Walldorfkindergarten denken da Hartgesottene... Spätestens, wenn man erfährt, dass ein großer Teil der gemeinsamen Arbeit Liegen und Berühren von Dingen ist, scheint das Urteil festzustehen: Die spinnen!

Doch das stimmt keineswegs. "Kontakt" nannte Gerda Alexander (1908-1994) diese Säule der von ihr entwickelten Übungsweisen, der "Berührung", "Innenraum" und "Transport" zur Seite stehen. Wie viele ihrer Zeitgenossinnen stand die Reformpädagogin dem deutschen modernen Ausdruckstanz und der Körperarbeit nahe, die sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zwischen Rhythmik, Gymnastik, Pädagogik und Kunst bewegte, und deren bekanntesten wie auch höchst unterschiedlichen Vertreter Rudolf von Laban, Kurt Joos, Gret Palucca oder Mary Wigman sind. Aus Erfahrungen, Kontakten oder vermittelter Auseinandersetzung mit den Arbeitsweisen von Émile Jaques-Dalcroze, Peter Petersen oder auch Moshé Feldenkrais' entwickelte sie jene Körpererfahrungsmethode, die heute als "Eutonie Gerda Alexander" bezeichnet wird.

Vereinfacht wird dabei mit Naturmaterialien der Tastsinn verfeinert, die Haut sensibilisiert. Stimulierung darunter liegender Schichten lässt Strukturen spürbar werden, stärkt das Körpergefühl und baut Verspannungen ab. Anders als bei suggestiven Verfahren, wird dem Teilnehmer nicht eingeredet, er fühle sich "gaaanz schwer", sondern er wird durch mündliche Anleitung aufgefordert, selbst festzustellen, wie er selbst den Körper am Boden wahrnimmt. Wie fühlt sich der Kontakt an welcher Körperstelle an? Was passiert, wenn an dieser Stelle etwas untergelegt und wieder weggenommen wird? Wie sich die Spannung durch ein Stück Seil, durch das sanfte Abstreichen der Stelle mit einem Holz auf den Tonus auswirken kann, ist bei allem unaufgeregtem Minimalismus erstaunlich erfahrbar, und das schon ab der dritten Stunde.

Ob der Bewegungsapparat klemmt oder Stresssymptome überhandnehmen: Ersatz für Sport und Bewegung ist Eutonie nicht, aber eine wohltuende Ergänzung zur Vermeidung von Fehlspannungen - und vor allem Anleitung zur Selbsthilfe. Eutonie ist Lernen mit und für Leib und Seele.

Mannheimer Morgen
19. Februar 2010

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