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Wandsichtssache

Von Simone Andrea Mayer

Für die Enkel ist es plötzlich schick, wie die Oma zu dekorieren: Porzellan (es darf ruhig schön kitschig sein) findet seinen Weg zurück an die Wände deutscher Wohnungen.

Die bunten Vasen "Fioretto" vom Hersteller Thomas werden durch ein Loch an der Rückseite mit Nägeln an der Wand befestigt.

© Thomas

Geschirr (hier der Marke By Mutti) hängt wieder an der Wand.

© dpa

Die Teller (hier von Rice) sollten nicht in Reih' und Glied hängen.

© dpa

Vor wenigen Jahren war es noch ein Kunstwerk: Auf der Mailänder Möbelmesse hingen Hunderte bunt bemalte Teller an einer Wand. Die Kreativen der Branche waren begeistert - und machten das zunehmend nach. Nun hängt auch in ganz normalen Wohnzimmern wieder Porzellan.

Oma war einst ganz heiß darauf: Zum Dorfgeburtstag, zum Feuerwehrjubiläum oder zu Weihnachten gab es einen Motivteller für die Wand. Ganz Eifrige sammelten sogar Teile einer Herstellerserie, die sie stolz in die gute Stube hängten. Während die Eltern dann alles, aber nur keine Teller an ihren Wänden haben wollten, gehen die Kinder wieder auf die Suche: In Omas alten Kisten oder im Souvenirshop im Urlaubsort graben sie aufwendig gestaltete Teller aus - und hängen sie auf.

"Kaum zu glauben, aber das ist ein sehr auffälliger Trend", sagt Nicolette Naumann, Bereichsleiterin der Messe Frankfurt für die Konsumgütermesse Ambiente. "Das darf nicht mit dem Aufhängen von Sammeltellern von einst verwechselt werden. Die gibt es auch noch, aber dieser Markt wächst aktuell nicht. Was gerade junge Leute an die Wand hängen, sind persönliche Sammlungen." Die Teller haben dort den gleichen Zweck wie Bilder im Rahmen: Es wird gezeigt, wer man ist und was man getan hat. "Den Teller habe ich von einer Reise mitgebracht, oder er ist ein Erbstück", nennt Naumann Beispiele.

Kontrast zu modernen Möbeln

Warum es für die Enkel plötzlich schick ist, wie die Oma zu dekorieren, versucht Trendanalystin Gabriela Kaiser aus Weißdorf (Bayern) so zu erklären: Kinder distanzieren sich gerne von ihren Eltern. "Daher haben Spießereltern Punkkinder oder Punks Spießerkinder." Die wollen sich auch ganz anders einrichten.

Von Omas Einrichtung waren die Kinder in der Regel aber nur bei Besuchen umgeben, darin leben mussten sie nicht. Und daher empfinden sie dafür anders: "Ich merke das an mir selbst: Sehe ich einen Wandteller, bewegt das etwas in mir. Ich assoziiere ihn mit meiner Großmutter und denke: Oh, wie schön. Die reich verzierten Teller wirken dann auch gar nicht spießig auf mich."

Die Fundstücke dürften sogar richtig kitschig sein und im Kontrast zur modernen Einrichtung stehen. Besonders dekorativ sind für Gabriela Kaiser Stücke aus den 60er und 70er Jahren mit Retromotiven. "Unsymmetrisch auf einer einfach weißen Wand in einer hochmodernen Küche oder über einem modernen Sideboard aufgehängt, ist das ein toller Kontrast."

Teller mit Blümchen und Vögeln machten sich auf pastellfarbenen Wänden gut, auf Sideboards darunter könnten kleine Vasen, ebenfalls Erbstücke, stehen, nennt sie Dekorationsideen. "Puristen packen nur die Teller an die Wand, ansonsten lassen sie es bei reduzierten Accessoires." Nicht als Kontrast, sondern als Ergänzung einer modernen Einrichtung wirkten schwarz-weiße Teller.

Auch einzelne Unternehmen für Wohnaccessoires bieten bereits Wandteller an: Rice hat beispielsweise eine Auswahl an Tellern mit traditionellen Motiven wie einem tanzenden Paar in Tracht oder Blütenranken sowie Exemplare mit Fotografien und Retromustern. Nicht Teller, aber Küchenzubehör nutzen andere Hersteller: Der Anbieter Diamantini & Domeniconi hat aus Küchenschüsseln kurzerhand die Uhren "Catino" gebastelt, die kleinen Vasen von Thomas können wahlweise auf dem Tisch stehen oder mit Halterungslöchern an die Wand genagelt werden.

Haushaltswarenhändler haben aber selten Porzellan mit Aufhängungen im Programm, berichtet Hermann Hutter vom Bundesverband für den gedeckten Tisch, Hausrat und Wohnkultur (GPK). Doch es gibt genug aufwendig gestaltete Sets, die sich dafür eignen: Teller im romantischen Landhausstil mit Blümchenmustern und Tierbildern liegen im Trend, sagt Hutter.

Auf der Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt wurde die Dekoration in einer Beispielwohnszene auch mit normalen Speisetellern und Kaffeegeschirr gezeigt. Die dekorative Wirkung der vier nebeneinanderhängenden Salatteller der Serie "Flutter" von Loveramics fiel dort erst richtig auf: Kolibris schwirren von einem Teller zum nächsten.

Fund auf dem Flohmarkt

Auch die aufwendigen Seemannsmuster des Herstellers By Mutti sind sonst von der Speise verdeckt. Deren Designerin Eva Garnandt war begeistert: "Da die Teller sehr ornamental sind, liegt die Idee, sie so zu nutzen, eigentlich auf der Hand. Mir gefällt das."

Weniger persönlich als eine mit dem Familienerbe bestückte Sammlung sei eine mit neuwertigen Stücken auch nicht, findet Naumann. "Es müssen nicht immer echte Erinnerungsstücke sein: Ich kaufe mir auch einzelne Teile von den Herstellern zusammen, die mir eben gefallen. Das zeigt dann einfach meinen Stil." Wer alte Stücke sucht, muss nicht gleich die Oma ausrauben: Auf Flohmärkten wird oft kistenweise Porzellan angeboten.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 01.09.2012
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