DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR

 

Donnerstag, 24.04.2014

Suchformular
 

Lieber Leser, bitte aktivieren sie Cookies, um in den vollen Genuss unseres Angebotes zu kommen.

  • via Facebook teilen
  • Drucken
  • Senden

Rückblick: Nach 23 Jahren erscheint heute letztmals die Kolumne „Durch meine Brille“ – die wöchentlichen Betrachtungen einer Journalistin über Gott und die Welt

Vom Plumpsklo bis zum Laptop

Von Ingeborg Schiele

"Wo haben Sie bloß immer Ihre Themen her?" Die Frage ist mir häufig zu meiner Kolumne "Durch meine Brille" gestellt worden. Heute wird mein letzter Beitrag in dieser Rubrik veröffentlicht. Ich möchte es so. Aber auch nach 1190 "Brillen" würde mir der Stoff nicht ausgehen.

Von 1963 bis 1997 leitete ich die Sozialredaktion des "Mannheimer Morgen". Seit 1990 schreibe ich die Betrachtungen "Durch meine Brille". In all den Jahren war ich mit Sorgen und Nöten von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten vertraut. Den Wertewandel in unserer Gesellschaft habe ich aus erster Hand erfahren. Eine 70-Jährige hat mir kürzlich gesagt, sie habe nun alles erlebt, vom Plumpsklo bis zum Laptop. Der Satz kam mir in den Sinn, als ich die Jahre meiner Tätigkeit Revue passieren ließ.

Als ich meine Arbeit anfing, waren die Kriegsfolgen noch deutlich spürbar. Es gab schlimme Wohnungsnot. Viele Kinder und Jugendliche wuchsen vaterlos als sogenannte Schlüsselkinder auf. Ihre Mütter plagten die Sorgen um das tägliche Brot, Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder. Eine Solidargemeinschaft, die mit Steuergeldern für den Lebensunterhalt sorgte, gab es nicht. Dafür versuchten Verwandte, Nachbarn oder Freunde nach besten Kräften zu helfen. Diese Kinder kannten keine Ferienfreizeiten. Ihre Ferien verbrachten sie zu Hause. Wenige Jugendliche verwahrlosten in dieser Zeit.

Wandel der Gesellschaft

Die Aufbaugeneration zwischen 1945 und 1965 hatte den eisernen Willen, eine lebenswerte Gegenwart zu schaffen, für ihre Kinder wollte sie eine bessere Zukunft. Das heute vielbesungene Wirtschaftswunder war ihr Werk. Die Bewältigung der Vergangenheit hatte hinter den täglichen Herausforderungen zurückzustehen. Das machten später vor allem die 68er zum Vorwurf. Zwar profitierten sie von den Leistungen der Altvorderen, ihr "bürgerliches" Wertesystem aber war ihnen suspekt, sie rebellierten gegen das Bildungswesen, gegen gesellschaftliche Normen, gegen jede Tradition, gegen Kirche und Staat und manche von ihnen tun es heute noch. Die Gesellschaft begann, sich grundlegend zu wandeln.

Gott hat schlechte Karten

Ich habe diesen Wandel etwa in Ehe und Familie erlebt. Ich habe beobachtet, wie Eltern ihre Autorität verloren und Kinder eigene, nicht immer gute Wege gingen. Ich habe Mütter trösten müssen, die vom eigenen Sohn verprügelt worden waren. Verzweifelte Väter konnten nicht verstehen, dass sie noch für Kinder im 30. Semester Unterhalt zahlen sollten.

Ein neues Scheidungsrecht, das nicht mehr auf dem Verschuldensprinzip basierte, sollte nach dem Willen des Gesetzgebers Scheidungen erleichtern. Die Scheidungsraten stiegen und steigen. Viele Paare wollen sich nicht mehr zusammenraufen, den Kompromiss suchen.

Inzwischen ist Ehebruch gesellschaftsfähig, Ehen ohne Trauschein sind üblich. "Patchwork" gilt als schick, steht für Offenheit und Moderne. Die Bedeutung der Ehe als Keimzelle einer Familie schwindet, die durch Beziehungsprobleme der Eltern ausgelösten Nöte und Ängste ihrer Kinder werden kaum mehr wahrgenommen. Wie sollten sie auch in einer Gesellschaft, in der Selbstverwirklichung ganz oben steht?

Durch Transferzahlungen, Betreuungs- und Erziehungsangebote greift der Staat immer stärker in das Familiengeschehen ein. Angeblich gibt es inzwischen 152 Gesetze und Verordnungen zur Familienförderung. Familien geraten in Abhängigkeit, Elternrechte werden ausgehöhlt, der Staat mischt sich stärker in die Erziehung ein. Eine Entwicklung, die mich mit Sorge erfüllt. Hatten wir das nicht bis 1989 direkt vor der Haustür?

In einer egozentrischen Gesellschaft, in der jeder den Erfolg auf die eigene Fahne schreibt, hat auch Gott schlechte Karten. In der Öffentlichkeit wird Kirche mehr und mehr als Sachwalter karitativer und diakonischer Aufgaben wahrgenommen, weniger als Verkünder der christlichen Botschaft. Kirchenleitungen sind in ihren Entscheidungen oft ebenso wirklichkeitsfern wie Politiker. Organisationsfragen scheinen wichtiger als missionarisches Handeln, Seelsorge und Lebenshilfe.

Weisheit des Franz von Assisi

Die wahrscheinlich einschneidendste Veränderung im Zusammenleben verdanken wir wohl der modernen Kommunikationstechnik. Sie durchdringt unaufhaltsam das private, berufliche und gesellschaftliche Leben aller. Die Sprache verändert sich, Scham geht verloren - das Wort ist ohnehin kaum noch in Gebrauch - auch Intimes wird öffentlich. Und schon gibt es, wie etwa für Alkoholkranke, Beratungsstellen für Internetsüchtige. Wird die Gesellschaft die Grenzen des Machbaren und Verantwortbaren herausfinden und Herr der Maschinen bleiben oder wird sie letztlich zu ihrem Sklaven werden?

Ich habe in meinen "Brillen" oft über unsere Lebensführung nachgedacht. Nun zum Ende meiner wöchentlichen Betrachtungen über Gott und die Welt möchte ich Ihnen, meinen Leserinnen und Lesern, eine Weisheit des Franz von Assisi weitergeben:

"Herr gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen und die Weisheit zwischen diesen beiden Dingen die rechte Unterscheidung zu treffen."

Wenn wir das recht bedenken, so verhilft es uns gewiss zu einer gelasseneren Lebensführung, bewahrt uns vor Größenwahn und Hochmut und macht uns vielleicht wieder ein wenig bescheidener und demütiger.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 29.12.2012
  • via Facebook teilen
  • Drucken
  • Senden
 

Gesundheit & Wellness

Wohlfühlwochen 2013

Alles rund um Sport, Fitness, Ernährung, Wohlfühlen und Wellness. [mehr]

Erdbeeren & Rhabarber

Süß-saures Duett

Es gibt Gerüche und Geschmacksnoten, die sind so unverkennbar, dass man sie nie mehr vergisst. Das mild-süße Aroma einer Erdbeere zum Beispiel. Oder die prickelnd-säuerliche Note des Rhabarbers. Zusammen sind sie ein perfektes Team. "Rhabarber ist sauer, Erdbeeren sind süß, das ergänzt sich bestens… [mehr]

 

DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR