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Prägende Jahre in Bensheim

Archiv-Artikel vom Freitag, den 25.09.2015

Der Theologe und Erziehungswissenschaftler Klaus Ahlheim berichtet in seinem autobiografischen Band „Kriegsgeburt“ auch über seine Zeit an der Bergstraße / „Onkel Geo“ von der NSDAP /

Rückblickend erscheinen ihm die Jahre angstvoll und bedrohlich. Meilenweit entfernt von der gern und oft beschwörten Erinnerungspolitur namens "glückliche Kindheit". Es ist nicht nur die entbehrungsreiche und historisch allzu vergessliche Nachkriegszeit, die Klaus Ahlheim für sein Leben prägt. Auch die privaten Probleme in seiner Familie sind für ihn Ausdruck der traumatischen und dramatischen Erfahrungen, die eine ganze Generation zur ewigen Belastung wurden.

Der Vater stammt aus Langwaden

Der Theologe und Erziehungswissenschaftler ist in Bensheim aufgewachsen. Sein Vater Ludwig Ahlheim wurde vor hundert Jahren in Langwaden geboren. Die Mutter stirbt im Kindbett. Noch während der Schwangerschaft erscheint die Todesanzeige des Ehemanns. Die Ostfront des Ersten Weltkriegs hatte ihn verschluckt. "Im Kampf für das Vaterland", stand es schwarz auf weiß geschrieben. Der Vollwaise lebt zeitweise in Zwingenberg - und landet bei der Wehrmacht.

1942 in Saarbrücken geboren

Es war schon wieder Krieg, als Klaus Ahlheim im März 1942 in Saarbrücken geboren wird. Der Vater Unteroffizier, die Mutter Verkäuferin. Ahlheims Bruder stirbt 1944 bei einem Fliegerangriff im Kinderwagen. Im Mai 1945 kehrt der Vater aus Kriegsgefangenschaft heim. Doch das kurze Glück zerbricht an dem Erbe der jüngeren Vergangenheit, mit dem die Familie nicht fertig wird.

In seinem neu erschienenen Buch "Kriegsgeburt" sammelt Ahlheim Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend. Sie handeln von Krieg und Nachkriegsschmerzen, vom Verdrängen und Verschweigen der NS-Verbrechen, von pädagogischer Hilflosigkeit - und von der Unfähigkeit einer ganzen Gesellschaft, die Erlebnisse im Nationalsozialismus zu benennen und zu verarbeiten.

Auf 110 Seiten erläutert der Autor das prägendste Kapitel seiner Biografie auch als entscheidende Weichenstellung für seinen beruflichen Weg als Theologe und Erziehungswissenschaftler.

In einer Republik, die nach den Schrecken des Krieges schon relativ früh "wiederbewaffnet" hat, wurde aus Ahlheim ein überzeugter Pazifist und kritischer Linker, der sich später - auch publizistisch - intensiv mit Extremismus und Fremdenfeindlichkeit auseinandergesetzt hat. Mit dem autobiografischen Werk stöbert Ahlheim in Erinnerungen, die er nicht alle herauslässt (vieles sei zu intim), aber in ungeschönten Sätzen literarisch nüchtern wiederbelebt.

Das Kapitel über die Nachkriegsjahre in Bensheim ist für Bergsträßer Leser durchaus interessant. Darin berichtet er, wie die Familie 1945 auf dem Weg Richtung Saarbrücken steckengeblieben war, weil das Saarland aus dem Zuständigkeitsbereich des Alliierten Kontrollrates herausgelöst wurde.

Auf der Strecke von Frankfurt nach Stuttgart war die Reise just am Bensheimer Bahnhof vorbei: Ahlheims Vater stürzte aus dem Zug und erklärte kurzerhand, seinen hier arbeitenden Bruder Peter besuchen zu wollen und nach der Verwandtschaft in Langwaden zu sehen. Der Zug rollte weiter nach Stuttgart.

Später kamen Klaus Ahlheim und seine Mutter an die Bergstraße nach. Die versprengte Familie kam in einem kleinen, aber schmucken Jugendstilhaus an der Wilhelmstraße unter.

In einer Zeit, in der die Ehe der Eltern langsam aber sicher zerbrach, sah man sich den typischen Problemen der Nachkriegszeit ausgesetzt: "Vieles musste ,organisiert' werden", schreibt Ahlheim, der die bisweilen dramatischen Beziehungsprobleme von Vater und Mutter auch als unbewältigtes Kriegserbe begreift.

Ein entfernter Verwandter Ahlheims war der Bensheimer Bürgermeister Johann Georg Brückmann - ein Nationalsozialist der ersten Stunde, der schon 1926 in die NSDAP eingetreten war. Bis 1933 saß er als Abgeordneter im Landtag des Volksstaates Hessen, danach wurde der Kreisleiter. Bis 1937 war "Onkel Geo", wie ihn Ahlheim nannte, dann der erste Mann im Rathaus. "Ich sah ihn zum ersten Mal aus dem Knastfenster winkend." Nach 1945 saß Brückmann im Gefängnis am Amtsgericht an der Wilhelmstraße, wenige Schritte vom Wohnhaus der Familie entfernt.

Ab 1951 in Auerbach gelebt

In den 60er Jahren habe er dann von der NPD geschwärmt, wie Klaus Ahlheim betont. Ab 1951 lebt er in einer kleinen Wohnung in Auerbach. Er besucht die Schlossbergschule. Am Alten Kurfürstlichen Gymnasium erlebt er den autoritären Drill der Lehrer ("eine Leidenszeit") - eines von vielen Mosaiksteinchen, die ihn in seiner Entwicklung bestärkt haben.

Dann Wiederaufrüstung und Bundeswehr: "Nur elf Jahre nach dem Ende des deutschen Faschismus zog Oberfeldwebel Ludwig Ahlheim wieder in eine Kaserne ein." Der Sohn bricht mit dem anerzogenen Weltbild des Vaters und wendet sich ab von jeglichem Militarismus, wird Kriegsdienstgegner und Ostermarschierer. Er bohrt in der totgeschwiegenen Nazi-Vergangenheit, liest Adorno und linke Theologen. "Mut zur Erkenntnis" heißt eine seiner Publikationen zum Thema politische Erwachsenenbildung. 1972 wird er Studentenpfarrer in Frankfurt, später folgt er dem Ruf als Professor an die Marburger Universität. Nach Stationen und Essen und Duisburg lebt er seit seiner Emeritierung 2007 in Berlin.

Ahlheims Lebensgeschichte ist die reflektierte Skizze eines Lernprozesses. Der Autor wird vom geistigen Mitläufer zu einem humanistischen Rebellen, der die Untrennbarkeit von Christsein und Pazifismus als Essenz eines wahrhaftigen, menschlichen Lebens betont. Eine "Kriegsgeburt" mit früh einsetzender geistiger Pubertät.

© Bergsträßer Anzeiger, Freitag, 25.09.2015

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