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Asyl: Einheimische und Flüchtlinge schrauben zusammen in der Fahrradwerkstatt

Garage als internationales Zentrum

Archiv-Artikel vom Mittwoch, den 27.07.2016

Von unserer Mitarbeiterin Monika Hälker

Die Garage am Katholischen Pfarrzentrum in Einhausen wurde kürzlich für drei Stunden zur Fahrradwerkstatt.

© Funck

Einhausen. Noch immer verliert sein Fahrradschlauch Luft. Ein bisschen ärgert sich der 15-jährige Flüchtling schon darüber, dass er das letzte kleine Loch nicht gefunden hat. Zumal er sich gern auf seinem schnittigen, sportlichen Mountainbike bewegt. Kürzlich suchte er die "Fahrradwerkstatt" auf, ein Provisorium, das das Flüchtlingsnetzwerk für die begrenzte Zeit von drei Stunden eröffnet hatte.

Gespendete Drahtesel

Erklärtes Ziel der Initiative war es, die Drahtesel, die nach einem Aufruf die Einhäuser Bürger gespendet hatten, gemeinsam mit den neuen Besitzern auf Vordermann zu bringen. Die Garage im Hinterhof vom Pfarrzentrum St. Michael wurde am Samstag zu einem internationalen Treffpunkt, auf dem gemeinsam geschraubt und geputzt wurde. Zumeist in Zweierteams zwischen Flüchtlingen und Deutschen. Die Kommunikation klappte - großteils auf nonverbaler Ebene.

Zwar lag das Augenmerk auf Reparatur und verkehrstaugliche Ausstattung der 13 gespendeten Räder. Der Hof entwickelte sich aber zügig zu einem Treffen. Viele schauten vorbei: die Frau, die aus Somalia geflüchtet war und vor einer Woche ihren Nachwuchs entbunden hatte, der Syrer der zusammen mit seinem Sohn schraubte und etliche junge Leute, die einfach nur den fachkundigen Tipp brauchten und das Werkzeug benutzen konnten.

Als Dreh- und Angelpunkt fungierte Ulrich Rother. Er hatte im Vorfeld einen Blick auf die Räder geworfen und die nötigen Ersatzteile besorgt. Gerade schraubte er eifrig an der Lichtanlage und hatte im neuen Eigentümer eine helfende Hand. Dass der zukünftige Pedalritter stets einen sorgsamen Blick auf sein Rad legen wird, zeichnete sich bereits ab. Er wienerte und schrubbte sein neues Gefährt und ging gar mit einer Zahnbürste in die letzten Winkel, um Staubreste zu entfernen.

Einige Zweiräder ließen sich nicht vor Ort in einen fahrtauglichen Zustand versetzen. Um die "Acht" im Vorderrad zu beseitigen, ist Spezialwerkzeug nötig. Dafür stellte sich Ulrich in seiner Heimwerkstatt zur Verfügung. Einen Termin hatte er mit dem Besitzer bereits vereinbart. Und gleich darauf folgt der nächste mit einem Flüchtling, bei dem die Räder des Zweirads nicht rund laufen. In dieser Hinsicht ist er die wichtige Adresse für Flüchtlinge.

Beate Kallenbach-Herbert, Schaltstelle im Flüchtlingsnetzwerk, hatte nicht nur die Fäden für die Aktion geknüpft. Sie schraubte mit. Hier brachte sie die Lampe an und dort blickte sie kritisch auf die nicht mehr ganz taugliche Bremsanlage.

Bürgermeister packte mit an

Bürgermeister Helmut Glanzer schaute nicht nur unverbindlich vorbei. Er hatte seinen Werkzeugkoffer mitgebracht und mischte sich unter die Reparaturexperten. Fünf Räder gingen auch durch seine Hände. Zu seiner Jugendzeit sei es selbstverständlich gewesen, dass man bei den eigenen Fahrrädern oder dem Mofa Hand anlegt, erinnert er sich. Was er im Privaten nach wie vor selbst erledige, tat er nun auch für die Gruppe der Flüchtlinge. "Der unmittelbare Kontakt zu den Menschen in unserer Gemeinde ist mir wichtig," sagte er.

Der Hof tauchte zwar in eine geschäftige Atmosphäre einer Werkstatt ein. Doch nicht jeder griff zu Schraubenschlüssel, Putztuch oder Ölfässchen. Das kleine dunkelhäutige Mädel beispielsweise war ganz Ohr, als sie an den -zig Fahrrädern die Klingeltöne ausprobierte. Sie erfreute sich an ihrem kleinen Konzert der verschiedenen Klänge.

Einige Frauen aus dem Netzwerk hatten zudem Kuchen gebacken und servierten dazu den Kaffee. Das Flüchtlingsnetzwerk in Einhausen ist breit aufgestellt. Die 50 bis 60 Mitwirkenden teilen sich eine Vielzahl von Arbeitsfeldern. Einige engagieren sich in der Hausaufgabenbetreuung von Schulkindern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Andere bringen sich als Hauspaten ein und sind Ansprechpartner für die Bewohner und Vermittler in bürokratischen Angelegenheiten.

Eine Gruppe übernimmt Fahrdienste oder begleitet zu Arztbesuchen, eine andere Gruppe hilft bei finanziellen Fragen. Das Team der Hausmeister kümmert sich um Internet und Freenet, ein weiteres öffnet regelmäßig die Kleider- und Haushaltskammer.

Einer großen Herausforderung sieht sich das Netzwerk in der Suche nach Wohnungen nach wie vor gegenüber. "Dabei stehen so viele Apartments leer und bei einem Flüchtling als Mieter sind die Einnahmen doch gesichert", wundert man sich.

© Bergsträßer Anzeiger, Mittwoch, 27.07.2016

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