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Weinbau: Bergsträßer Winzer berichten in Geisenheim von ihren Erfahrungen mit der roten Urform

Der Riesling, der aus der Wärme kam

Archiv-Artikel vom Dienstag, den 28.10.2014

Der Rote Riesling gilt als Urform des bekannten Weißen Rieslings. Durch spontanes Abschalten eines Farbgens entstehen immer wieder weiße Beeren.

© rebveredlungsbetrieb antes

Heppenheim/Geisenheim. Der seit Jahrzehnten verschollene Rote Riesling erlebt seit einigen Jahren an der Hessischen Bergstraße eine Renaissance. Die alte Rebsorte war Thema eines Symposiums in Geisenheim, bei dem die Bergsträßer Winzer von ihren Erfahrungen berichteten. Die Bergsträßer fungierten als Pioniere bei der Wiederansiedlung der alten Sorte.

Der Rote Riesling hat in Hessen eine wachsende Fangemeinde. Bei Winzern und Verbrauchern erfreue sich die alte Rebsorte zunehmender Beliebtheit, sagte Professor Ernst Rühl von der Hochschule Geisenheim am Freitag bei der Tagung von Slow Food Rheingau und der Hochschule Geisenheim.

Dabei ging es auch um Möglichkeiten der Vermarktung des Ur-Rieslings. Von einer "Goldgräberstimmung" könne aber noch nicht gesprochen werden.

"Der ,Rückschritt' ins Mittelalter könnte unser Fortschritt und die Antwort auf den Klimawandel sein."

Trotz der rötlichen Schalenfarbe entsteht aus dem Roten Riesling ein Weißwein. Rühl, der das Institut für Rebenzüchtung in Geisenheim leitet, bezifferte die Anbaufläche im Rheingau und an der Bergstraße auf rund 30 Hektar.

Der Wein habe sich bislang als etwas stoffiger und extraktreicher als der des weißen Bruders erwiesen, berichtete Reinhard Antes, Vorsitzender der Bergsträßer Winzer eG, in Geisenheim über seine Erfahrungen. Die fruchtige Säure verleihe ihm Frische, Rasse und Lebendigkeit und Eleganz. Vor allem versprechen sich die Bergsträßer Winzer von der älteren, in einer Warmphase im Mittelalter weit verbreiteten roten Variante einen "Klimariesling", der die Erwärmung besser verkraftet als sein weißer Bruder.

Fäulnis beginnt etwas später

"Nach den bisherigen Beobachtungen beginnt die Fäulnis bei den reifen Trauben beim Roten Riesling etwa eine Woche später als beim Weißen Riesling", sagte Antes. Diese eine Woche Verzögerung könnte in manchen kritischen Jahren, beispielsweise 2006 und in diesem Jahr, die Rettung bedeuten. "Der ,Rückschritt' ins Mittelalter könnte unser Fortschritt und die Antwort auf den Klimawandel sein", betonte Antes.

Auch geschmacklich kommt der Weiße Riesling allmählich an seine Grenzen: Um die typische nuancenreiche Säurestruktur und die spezifischen Aromen zu entwickeln, brauchen diese Reben warme Tage und kühle Nächte. Bei heißen Tagen und warmen Nächten entstehe ein zu hoher Alkoholgehalt und ein untypischer "marmeladiger Geschmack", schreibt Slow Food Rheingau in einem Faktenpapier zum Roten Riesling.

Im Rheingau seien deshalb bereits die ersten Weinberge in warmen Flusstälern oder auf Schiefer auf andere Rebsorten umgestellt worden. Die rote Variante gilt als weniger empfindlich gegenüber Wärme.

Bis ins 19. Jahrhundert standen Roter und Weißer Riesling noch häufig gemeinsam im gemischten Satz. Danach geriet die rote Ursorte allmählich in Vergessenheit - vermutlich auch, weil die Vögel die roten Beeren lieber fraßen als weiße.

Reinhard Antes hatte sein Schlüsselerlebnis vor 38 Jahren im Jahrhundertherbst 1976, wie er schilderte: Als Praktikant am Institut für Rebenzüchtung in Geisenheim kam er bei Professor Becker im alten Rebsortiment "Langer Heinrich" mit historischen Sorten wie Roter Riesling, Weißer Traminer, Blauer Silvaner und Weißer Portugieser in Berührung. Dies habe seinen damals beschränkten Horizont für unbekannte und reizvolle Sorten erweitert. Doch damals sei es noch nicht gewollt gewesen, über neue Rebsorten für die Bergstraße nachzudenken. Erst, als sich das Sortenspektrum an der Bergstraße beispielsweise um Grau-, Spät- und Weißburgunder erweitert hatte, schien die Zeit reif.

Als Antes 1991 hörte, dass in Geisenheim Klone des Roten Rieslings vermehrt wurden, sei es Zeit gewesen, "dass aus einem vagen Studententraum Wirklichkeit werden konnte". Der Rebveredelungsbetrieb Antes war 1995 deshalb vorne mit dabei, als es um den Anbau erster Testreben aus Geisenheim ging. 1996 wurde eine Handvoll Reben im Heppenheimer Stemmler gepflanzt, die Sorte 2005 im größeren Stil vermehrt und 2006 mit anderen historischen Sorten am Erlebnispfad "Wein und Stein" in Heppenheim gepflanzt.

2007 konnten dann die ersten 160 Liter Roter Riesling abgefüllt werden. Ende 2013 standen in der Bergsträßer Winzer eG bereits 7,8 Hektar Roter Riesling, davon 3,5 Hektar bei Antes. In diesem Jahr belegt die Sorte bereits Rang fünf und habe damit Sorten wie Dornfelder, Regent oder Silvaner hinter sich gelassen. Die weltweit größten Flächen der Sorten stünden jetzt in Heppenheim, betont Antes.

Nach einem ersten Symposium über historische Rebsorten 2012 bei Antes in Heppenheim wurden auch viele Pflanzen nach Sachsen, Thüringen, Schweiz, Luxemburg und Polen exportiert.

Anders als Rheinland-Pfalz hat Hessen vor einigen Jahren den Anbau des Roten Rieslings wie auch anderer alter Rebsorten erlaubt. Dies sei für den Erhalt der genetischen Vielfalt im Weinberg beispielhaft, sagte Rühl. dpa/mam

© Bergsträßer Anzeiger, Dienstag, 28.10.2014

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