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Neustart, bitte!

Von Dirk Rosenberger

Es hatte doch alles so harmonisch angefangen, an diesem schmutzigen Donnerstag. Damit sich führende CDU-Politiker nicht um Kopf und Kragen reden, wurde ihnen kurzerhand der Schlips gekürzt. Die Herren Woißyk, Heinz und Weißmüller liefen fortan jahreszeitlich stimmig derangiert durch den Saal.

Zugeknöpfte Rathausspitze

Auch SPD-Stadtrat Norbert Bauer musste Federn lassen. Die Rathausspitze gab sich zugeknöpft und tarnte sich risikoarm mit modischen Schals (Herrmann, Sachwitz) oder leger oben ohne am Hemd (Oyan). Stadtrat Bernhard Wahlig würdigte den Tag durch das Aufsetzen einer roten Pappnase. Da hätte man vielleicht schon ahnen können, wohin die Reise geht.

Kurze Zeit später war nämlich Schluss mit lustig. Die Debatte um den Finanzrahmenplan für den Hessentag brachte inhaltlich keine neuen Erkenntnisse, diente aber so manchem als Steilvorlage. Und wie sie steil gingen, die Herren. Wolfgang Johannsen redet sich gegen Tobias Heinz in Rage, der brüllt zurück, später unterstützt durch Markus Woißyk.

Bürgermeister provozierte

Bürgermeister Herrmann provoziert die FDP, deren Frontmann Holger Steinert revanchiert sich mit der groben Verbalkeule. Die Grünen arbeiten sich an den "Bürgern" von Franz Apfel ab, nachdem dieser die üblichen Sticheleien gegen die Ex-Fraktionskollegen verlesen ließ. Er selbst musste aus gesundheitlichen Gründen passen.

Rund 15 Minuten demonstrierten einige der gewählten Bensheimer Volksvertreter, dass sie die Kunst der niveauarmen Stammtischdiskussion gekonnt beherrschen.

Um eines klarzustellen: In der Politik darf und muss man sich manchmal streiten. Man darf auch mal das feine Florett gegen den groben Vorschlaghammer tauschen - aber die Vorstellung am Donnerstag in Gronau war phasenweise jenseits der Grenze des Zumutbaren und hätte besser in ein Bierzelt beim Münchner Oktoberfest gepasst.

Sachorientiert waren die wenigsten Einlassungen. Vielmehr ging es um zum Teil Befindlichkeiten und die - mit Verlaub - mittlerweile nervige Dauerfehde zwischen Franz Apfel und seinen früheren Weggefährten. Mit den Reibungsverlusten durch solche Auseinandersetzungen könnte man vermutlich alle Festzelte auf dem Hessentag heizen.

Im Grundsatz herrscht mittlerweile eine gewisse Einigkeit: Eine Absage des Hessentags bringt die Stadt nicht weiter. Dafür ist es jetzt zu spät. Fördermittel müssten zurückgezahlt werden, vom Imageverlust ganz zu schweigen. Jetzt muss es darum gehen, den Zuschussbedarf so gering wie möglich zu gestalten.

Die Kostengrenze - von der SPD im Hessentagsbeirat vorgeschlagen, vom Bürgermeister aufgegriffen - ist der richtige Weg. Unter fünf Millionen Euro muss der städtische Beitrag liegen - je weniger Miese Bensheim macht, desto besser.

Kleinkarierter Streit

Das Landesfest soll eine Erfolgsgeschichte werden, Aufbruchstimmung erzeugen, die Menschen enger zusammenrücken lassen. Um dieses hohe Ziel zu erreichen, müssen Opposition und Koalition aber zunächst ihren mitunter kleinkarierten Streit begraben und an einem Strang ziehen.

Es ist nur menschlich, dass einem manchmal berechtigt der Kragen platzt, weil man sich provoziert oder falsch dargestellt fühlt. Es hilft aber für das große Ganze nicht weiter.

Es muss im Interesse aller liegen, beim Hessentag das Beste für die Stadt rauszuholen. Das bedeutet aber: Transparenz in der Kostenfrage, fairer Umgang miteinander, konstruktiver Austausch - und Verzicht auf provokante Sticheleien, öffentlichkeitswirksame Inszenierungen und Alleingänge. Das gilt für die Stadtverordneten ebenso wie für die Rathausspitze.

Ernsthaft Gedanken machen

Zu viel verlangt? Zu naiv gedacht? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Für einen überschaubaren Zeitraum von nicht mehr ganz eineinhalb Jahren sollte das möglich sein - wenn sich alle Beteiligten zusammenreißen.

Für die tägliche Praxis heißt das: Reset-Knopf drücken und das System neu starten. Denn der Diskussionsbedarf auf beiden Seiten dürfte nicht weniger werden. Nur über die Wahl der Mittel sollte man sich ernsthaft Gedanken machen. Sonst wird es schwierig, die Bensheimer davon zu überzeugen, dass das Fest der Hessen auch ein Fest der Bensheimer ist.

© Bergsträßer Anzeiger, Samstag, 09.02.2013

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