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Theater Sapperlot: Vielfalt und Pep bei einem der besten Kultursalons aller Zeiten

Eine umwerfende Mischung

Archiv-Artikel vom Freitag, den 26.02.2016

Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Lukas Aue verwandelte die Lorscher Kleinkunstbühne Sapperlot in ein Varieté.

©  Neu

Lorsch. Mit dem zweiten Kultursalon in diesem Jahr hat das Theater Sapperlot die Messlatte ein ganzes Stück nach oben gekickt: Die Gastgeber servierten ein wunderbar würziges Menü aus Artistik, Musik und Stand-up-Comedy, wie man es in dieser kontrastreichen Vielfalt nur selten erlebt. Dickes Lob an Moderator Daniel Helfrich, der für diese umwerfende Mischung verantwortlich ist. Das Publikum erlebte einen der besten Salons aller Zeiten.

Ein sprechender Donut

Die offene Bühne erwies sich einmal mehr als Umschlagplatz für einige der aussichtsreichsten Talente aus der deutschen Kleinkunst- und Musikszene. Zum Beispiel Alicja Heldt. Die Hamburgerin mit polnischen Wurzeln und einer professionellen Schauspielausbildung im Rücken ist seit gut fünf Jahren auf Deutschlands Bühnen unterwegs. Charmant und derb, frech und erzlustig plaudert sie über Frauensachen, Männerkrempel und Pärchenkram. Alicja Heldt ist ein Mix aus Domina, Lebensberaterin und prolliger Rotzgöre. Sie analysiert das ganz normale Leben und zerkaut es mit norddeutscher Schnoddrigkeit, bevor sie es treffsicher ins Publikum spuckt.

Auf der Bühne lebt die Dame richtig auf. Heldt sezierte den weiblichen Schönheitswahn, steinzeitliche männliche Balzrituale und die Feinheiten kosmetischer Details vor dem Friseurspiegel. Selbstironisch und hochgradig sympathisch peitschte sie ein 20-minütiges Special von der Bühne, das die alte Tabakscheune richtig in Wallung brachte.

Gleich im Anschluss kam mit Tim Becker einer der besten Bauchredner Deutschlands auf die Bühne. Der vielseitige Humorist aus Lübeck brachte unter anderem seinen sprechenden Donut mit. Fettig, süß und kalorienreich piepste sich das Teigstückchen in die Herzen des Publikums. Doch mit zuckersüßer Plauderei war es bald vorbei: Beckers stärkste Puppe ist das böse Zauberkaninchen Karl, das nur aus seinem Zylinder kommt, um die Zuschauer anzuranzen. Das übellaunige Karnickel gehört zu den feinsten Charakteren der nationalen Plüsch-Szene und grenzt sich erfrischend ab von anderen Handpuppen. Nun war der Laden wirklich am Kochen.

Zum Finale brachte Johannes Kirchberg wieder ein wenig Ruhe in das insgesamt kontrastreiche, aber schön ausbalancierte Programm. Die traurigen Pointen und paranoiden Liedern des Leipzigers sind geschliffen, elegant und immer für eine Überraschung gut. "Unpolitisch komisches Kabarett" nennt der Chansonnier und Schauspieler seine geistreiche Kunst. In Lorsch präsentierte Kirchberg Auszüge aus seinem Programm "Wie früher. Nur besser." Ein Abschluss mit Witz, Esprit und jener Prise kantiger Originalität, die auch in der ersten Hälfte zu spüren war. Akrobatik, Pantomime und Tanz sind die Spezialitäten von Lukas Aue. Ein facettenreicher Künstler, der die Kleinkunstbühne in ein Varieté verwandelt hat - und das gleich mit zwei separaten Auftritten. Der biegsame Bühnenartist aus Ansbach ist ein körperbetonter Turner mit schauspielerischen Qualitäten, aus denen er eine Collage aus verschiedenen Darstellungsformen macht. Aue balanciert mit vier Stuhlbeinen auf zwei Weinflaschen und lässt sich dabei von der schnöden Physik nicht die Show kaputt machen. Lauter Applaus für den Akrobaten aus Mittelfranken.

Verblüffende Zaubertricks

Katalyn Bohn macht Kabarett, Comedy und Slapstick. Die ausgebildete Schauspielerin und Pantomimin aus Wiesbaden erzählt vom kleinen Abc der Körpersprache und vom ganz normalen Wahnsinn der zwischenmenschlichen Kommunikation. Das TV- und theaterbekannte Multitalent ist Girlie und Ärztin, Guru und Mutter - und stürzt sich als Nachrichtensprecherin mit dem Kopf mitten in die Tagesschau-Kulisse. Dazwischen zeigt sie verblüffende Zaubertricks und eine saukomische Odyssee durchs deutsche Gesundheitswesen. Joachim Goltz dagegen ist Bariton und Mitglied im Ensemble des Mannheimer Nationaltheaters. Zuhause in der Welt der Oper und Operette scheut der Sänger nicht den gelegentlichen Ausflug ins leichtere Fach.

Gemeinsam mit Daniel Helfrich am Piano wilderte er bei Johann Strauss' "Zigeunerbaron" und bewarf das Publikum beim Stück "Ja, das Schreiben und das Lesen" ("Mein idealer Lebenszweck ist Borstenvieh, ist Schweinespeck") mit abgepackten Knackwürstchen. Und beim "verliebten Bim-Bam-Bulla", einem Schlager aus den 20er Jahren, hielt es das Publikum im Sapperlot kaum noch auf den Sitzen. Gekrönt nur noch von Rossinis Figaro-Arie aus dem "Barbier von Sevilla", bei dem Goltz einem Stammgast überaus taktvoll die Glatze rasiert hat. Außer den Bauchschmerzen als körperliche Konsequenzen dreistündigen Lachens war an diesem Abend nichts zu bemängeln.

© Bergsträßer Anzeiger, Freitag, 26.02.2016

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