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Forschung: Archäologen graben vor der Lorscher Torhalle das Skelett eines Kindes aus / Mauerreste lassen auf bislang unbekanntes Gebäude vermuten

Gruselige Funde klären spannende Frage

Archiv-Artikel vom Mittwoch, den 09.09.2015

Von unserem Redaktionsmitglied Florian Karlein

Unter dem Pflaster des Benediktinerplatzes in Lorsch wurde ein Kinderskelett aus dem Mittelalter gefunden.

© Matern

Lorsch. Eine Sensation ist es nicht, eine Überraschung dann aber doch: Bei Ausgrabungen direkt vor der Lorscher Torhalle wurden Gebeine gefunden - und zwar von Kindern. Die Knochen bestätigen, dass auf dem Klostergelände ein Friedhof angelegt war. Doch eine ganz spannende Frage müssen die Archäologen um Projektleiter Dr. Dieter Lammers jetzt noch beantworten.

Schon bei Grabungen in den 1950er und 1980er Jahren wurden rund um die Torhalle Skelette gefunden. Überreste von Menschen christlichen Glaubens: ohne Grabbeigaben, auf dem Rücken liegend, mit dem Kopf gen Westen. "Das ist spannend", sagt Mittelalter-Fachmann Lammers, denn es handelt sich bei den Funden um Knochen einer ganz normalen Dorfbevölkerung: Frauen, Männer und jetzt Kinder. Kein Mönchsfriedhof, wie man auf dem riesigen Klostergelände eigentlich hätte erwarten können. Jetzt müssen die Forscher die Frage beantworten, was zuerst da war: der Friedhof oder das Kloster.

Höchstens zehn Jahre alt

Archäologe erklärt die Ausgrabungen

Im Rahmen einer spontan organisierten öffentlichen Führung mit dem Archäologen Dr. Dieter Lammers besteht heute um 18.30 Uhr die Möglichkeit, einen Blick in die Ausgrabungsstätte auf dem Lorscher Benediktinerplatz und auf die Funde zu werfen. zg

Dafür müssen zunächst die gefundenen Knochen untersucht werden. Anhand verschiedener Methoden können die Experten beispielsweise bestimmen, wie alt das Kind war, als es begraben wurde. "Es hatte noch nicht alle Zähne", sagt Lammers. "Ich würde es also auf höchstens zehn Jahre schätzen." Auch das Geschlecht des Mittelalter-Kinds kann bestimmt werden. Mit etwas Glück sogar die Todesursache, denn die Knochen verraten einiges: Gewalteinwirkung genauso wie tödliche Krankheiten, die sich manchmal aus den Knochen ablesen lassen. Eines schließt Lammers bereits aus: Es sind keine verschacherten Mordleichen. "Wir reden über einen ganz normalen Friedhof." Ursprünglich lagen die begrabenen Menschen etwa 1,40 Meter unter der Erde.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Untersuchung ist jedoch das Alter der Gebeine. Daraus könnten die Fachleute die Frage beantworten, ob das Lorscher Kloster auf einen alten Friedhof gebaut wurde. Das wäre dann der Fall, wenn die Knochen älter sind als die Torhalle selbst, die vermutliche Mitte des neunten Jahrhunderts erbaut wurde und somit rund 1200 Jahre alt ist. Unwiderlegbar wäre ein anderer Beweis - nämlich dann, wenn das Archäologen-Team Knochen unter der Königshalle findet. "Dann wäre der Friedhof zweifelsfrei älter als das Kloster", erklärt Lammers. Das letzte der sechs Ausgrabungsfelder des Forschungsprojekts kommt der Torhalle besonders nah - darauf setzt er seine Hoffnungen.

Wäre das Kloster allerdings älter als die gefundenen Überreste, würde das bedeuten, dass Menschen aus der Dorfbevölkerung im Kloster beerdigt wurden. Auch das sei ungewöhnlich, erklärt Dr. Lammers. Gerade legen die Experten mit Pinsel und Kelle weitere Gebeine frei. Die stammen entweder von einem kleinen Erwachsenen oder von einem Jugendlichen.

Doch entgegen der landläufigen Meinung arbeiten die Archäologen nicht immer so filigran. Denn erst wird gebaggert, dann wird mit Spaten und Spitzhacke so lange Erdreich abgetragen, bis eine Struktur im Boden zu erkennen ist - so wurden jetzt in Lorsch neben den Knochen auch Mauerreste freigelegt. Die könnten zu einem Gebäude gehören, das bislang noch völlig unbekannt war. Das Alter, die Größe und der genaue Standort sind noch völlig offen. Lammers kann sich vorstellen, dass die Torhalle früher von zwei etwas auf den Benediktinerplatz versetzten Bauten flankiert wurde. "Aber das ist alles pure Vermutung", macht Lammers deutlich.

Schon jetzt lassen die oberflächlichen Grabungen vermuten, dass die Forscher auf eine weitere Mauer oder ein Fundament stoßen könnten. Doch das liegt mitten vor der Torhalle. Lammers glaubt nicht, dass dort ein Gebäude stand. Vielleicht handelt es sich um eine Treppe, vermutet er.

© Bergsträßer Anzeiger, Mittwoch, 09.09.2015

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