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Klosterbibliothek: Hälfte der Bände ist jetzt digitalisiert

Online ins Mittelalter

Archiv-Artikel vom Samstag, den 24.03.2012

Von unserem Redaktionsmitglied Nina Schmelzing

Ein Blick auf eine Seite der neuen Handschriftenpräsentation.

© zg

Lorsch. Mit seiner großen Bibliothek und seinem Skriptorium war das Kloster Lorsch eines der bedeutendsten Wissenszentren im frühen Mittelalter. 330 der uralten Handschriften haben die Jahrhunderte überstanden. Die Bände sind allerdings verstreut in alle Welt. Wer sie alle anschauen wollte, müsste lange quer durch Europa und die USA reisen - und insgesamt 68 Bibliotheken besuchen.

Künftig wird sich der Aufwand für Wissenschaftler reduzieren. Denn derzeit wird der Bestand wieder zusammengeführt, zumindest zu einer virtuellen Bibliothek. Digital zur Verfügung gestellt werden die Werke von der Universität Heidelberg. Das Projekt - in Zusammenarbeit mit der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen - wurde vor zwei Jahren gestartet und läuft bis Ende 2013.

Zur Halbzeit stellten gestern Hessens Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann und ihre baden-württembergische Amtskollegin Theresia Bauer der Öffentlichkeit die Fortschritte vor. 450 000 Euro an Fördermitteln fließen aus Hessen für das Projekt.

Texte aus der Vatikanbibliothek

Mehr als die Hälfte der Texte sind inzwischen online zu sehen, darunter bedeutende Lorscher Schätze, die im Vatikan aufbewahrt werden. 133 Handschriften der ehemaligen Klosterbibliothek, die in Rom gelandet sind, werden jetzt durch die Digitalisierung einem größeren Kreis Interessierter problemlos zugänglich.

Werke des römischen Geschichtsschreibers Livius aus dem fünften Jahrhundert gehören unter anderem dazu, eine Vergilhandschrift, der "Lorscher Rotulus" sowie das berühmte "Lorscher Evangeliar" und der "Bienensegen". Dank moderner Technik lassen sich die kostbaren Dokumente, die Bibliotheken üblicherweise nur unter Auflagen zur Verfügung stellen, daheim so studieren, als säße man im Handschriftensaal vor dem Original. Komfortabler lassen sich die Texte sogar entziffern als dort - etwa wegen der Möglichkeit, die Buchseiten stark vergrößert zu betrachten.

Dr. Hermann Schefers, Leiter der Lorscher Welterbestätte, beurteilt das Projekt "Bibliotheca Laureshamensis digital" als einen "Quantensprung für die Mittelalterforschung und die Lorsch-Forschung". Es ermöglicht eine neue Beschäftigung mit den Texten und dem Weltbild der Karolinger. Die Lorscher sei zudem eine der ersten mittelalterlichen Bibliotheken, bei der bereits ein so großer Bestand auf diese Weise rekonstruiert wurde.

Interesse an Lorsch wird steigen

Die neue Bibliothek werde ebenfalls beitragen, dass das Interesse an Lorsch und einem Besuch vor Ort steigt, ist der Historiker überzeugt. Im Museumszentrum soll es langfristig zudem eine Station geben, an der die Archivalien per Mausklick einsehbar sind und zugleich eine Übersetzung dazu geliefert wird. Eine alte Handschrift ist für einen Laien schließlich zumeist ein Buch mit sieben Siegeln, weiß Schefers.

© Bergsträßer Anzeiger, Samstag, 24.03.2012

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