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Theater Sapperlot: Pigor und Eichhorn brillieren mit stilvollen Chansons und Wutausbrüchen

Texte, die sprachlos machen

Archiv-Artikel vom Mittwoch, den 13.01.2016

Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Thomas Pigor singt, Benedikt Eichhorn muss begleiten - im Lorscher Sapperlot gab's Musikkabarett vom Allerfeinsten.

©  Lotz

Lorsch. Zum Schluss ein ungezogenes Wort zum späten Sonntagabend: "Jetzt sehen die Gläubigen mal, wie es den Ungläubigen in einem Gospelkonzert geht", meint Thomas Pigor zum Chanson "Gott ist tot". Mit einer famosen theologischen Kernspaltung ging das dritte Gastspiel des brillanten Performers im ausverkauften Theater Sapperlot in ein grandioses Finale. Das Publikum war außer sich vor Freude.

"Pigor singt, Benedikt Eichhorn muss begleiten": So lautet seit 20 Jahren die perfekte Arbeitsteilung des unverwechselbaren Duos, das der Welt immer wieder eigenwilliges, kluges und scharfkantiges Musikkabarett vom Allerfeinsten schenkt. Seit zwei Jahren ist die Collage aus Wort-Grooves und Klang-Lyrik mit "Volumen 8" auf dankbaren Bühnen unterwegs. Denn Pigor und Eichhorn, man muss es in aller Deutlichkeit sagen, gehören zum Besten, was man sich abends auswärts antun kann. "Salon Hip Hop" nennen das die Protagonisten, die ihrem Publikum gleich in der ersten Hälfte ein dreiminütiges Power-Napping gönnt. Als präventives Energietanken für die folgenden Exzesse.

Geistreich-giftige Show

Am Ende ist man ohnehin völlig sprachlos von der geistreich-giftigen Show der beiden charmanten Salonlöwen, die Musik und Wort so geschmackvoll kollidieren lassen. Zu gehör kommen geschmeidige Lieder über Schlagbohrmaschinen, unbezahlte Traumarbeiter und männliche Mülleimer: Der Song "Hausschweine" ist eine wunderbare Abrechnung mit den willigen Packeseln, die in unförmigen Jack-Wolfskin-Jacken ("teflonbeschichteter Sondermüll") bei Umzügen immer zuerst angerufen werden und alle Kinderteller leer essen.

Köstlich, wenn sich der Kabarettist, Liedermacher und Autor mit diabolischem Ausdruck in Rage singt und während seiner kathartischen Aufwiegeleien in pointierten Sätzen schwelgt. Meisterhaft beispielhaft offenbart sich die lyrische Virtuosität des Künstlers im Stück "Gastgeber": ein stakkatoartiger Wutausbruch über die lästige Hilfsbereitschaft kulinarisch betreuter Hausgäste, die sich dauernd einmischen. Dahinter, so das Liedchen, verbirgt sich falsch verstandene Küchendemokratie und ein urdeutscher Hilfskomplex. Auf offener Bühne verwandelt sich Pigor zum gespenstischen Berserker, der brüllend sein Revier verteidigt. Köstlich!

Die "Chansons à texte" wildern in fast allen musikalischen Stilrichtungen von Rock, Jazz, Punk und Chanson bis zu Anklängen an Kurt Weill und militaristischer Marschmusik. Seit gut fünf Jahren füttert Pigor die Radioreihe "Chanson des Monats" mit einem monatlichen Leckerli. Im Oktober 2015 war es eine Hommage an den "alten, bösen Kanzler". Darin enthüllt der Komponist die wahren Hintergründe eines deutschen Nationalfeiertags: "Wir feiern am 3. Oktober jahrein und jahraus, eigentlich den Todestag von Franz Josef Strauß." Auch "der virtuelle Mob" war Teil dieser Reihe: Thomas Pigor sitzend im Halbschatten, dämonisch flüsternd über die Netzwerkmobber, Forenquerulanten und Kommentardreckspatzen, während Benedikt Eichhorn sein elegantes Piano streichelt. Und so schön ging es. Eichhorns reaktionäres Rachestück "Enerwé" über eine nach Nordrhein-Westfalen abgehauene Liebschaft und der Titel "Müdigkeit ist der größte Feind der Zärtlichkeit" waren weitere Glanzstücke eines durchweg erleuchteten Abends. Pigor gurrte wie die Dietrich.

Zum Überkochen heiß

Das Sapperlot brodelte nun heiß genug, um es zum Überkochen zu bringen. "The Language of Shakespeare you can smoke in the pipe" ist eine Hommage an das germanische Englisch, das weltweit besser verstanden wird als das britische oder amerikanische Original. Ausflüge in die Welt des Esperanto ergänzen den sprachpraktischen Teil des Programms, bei dem zwischenzeitlich - in einer kleinen Pause - eine Runde Wodka für alle gereicht wird, um die Hemmschwelle des Publikums zu senken. Dennoch findet sich keiner, der das Angebot annimmt, drei Minuten lang auf der Bühne über was auch immer zu reden. Der Abend endet mit mehreren Zugaben und einem gottlosen Betthupferl - einer dezidiert nicht religiösen Haltung als künstlerischen Kontrast zu den Urbi et Orbis und Worten zum Sonntag, die im Fernsehen in der Überzahl sind. "Das Blasphemische an diesem Song ist der Swing", sagt Thomas Pigor in Ausübung völliger Meinungsfreiheit. Menschenrechte sind schon eine feine Erfindung.

© Bergsträßer Anzeiger, Mittwoch, 13.01.2016

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