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Theater Sapperlot: Kultursalon, moderiert von Daniel Helfrich, begeisterte mit literarischem Kabarett / Inka Meyer: „Lebensgefährte kommt von Lebensgefahr“

Weltklasse-Jazz und Poesie über ein üppiges Gesäß

Archiv-Artikel vom Mittwoch, den 28.12.2016

Dierk Murelli war einer der Kultursalon-Künstler im Sapperlot.

© Neu

Lorsch. "Das Falsche wird durch keine Bluttat wahr", dichtete Volker Doberstein im Theater Sapperlot. Das Publikum war von den Plätzen aufgestanden, die Gedanken in Berlin. "Euer Nein ist unser Ja", betonte der Literat und Musikkritiker zum Abschluss seines Auftritts, den er aufgrund der Ereignisse umgebaut hatte.

Das kurze Gastspiel von Doberstein und dem georgischen Pianisten Paata Demurshvili war der Höhepunkt des jüngsten Kultursalons, der nur wenig weihnachtliches Flair verbreitet hat. Was recht erfreulich war in Anbetracht der unzähligen Schlitten- und Rentierereignisse, die einem in diesen Wochen an den Kopf prallen. Zwei klassische Weihnachtsweisen sollten genügen: Gespielt von Moderator Daniel Helfrich am Flügel, der von Techniker Carsten Keil (Ukulele) und Hausherr Hans-Peter Frohnmaier an der Trompete begleitet wurde. "Ihr Kinderlein kommet". Ein bisschen Minimal-Reggae, ein wenig schräg. "Spontane Improvisation" könnte man das nennen, wenn es nicht einen gäbe, der diese hohe Kunst meisterhaft beherrscht und an diesem Abend ebenfalls zugegen war.

Paata Demurshvili gehört zu den besten Jazz-Pianisten Europas. Volker Doberstein rezensiert nicht nur das Werk des 1964 geborenen Ausnahmekünstlers, der heute bei Heidelberg lebt - er hat sich mit ihm auch auf der Bühne zusammengetan. Als Duo "KazZ" präsentieren sie absurde Texte, die irgendwo zwischen literarischem Kabarett und kantigem Jazz kollidieren und in geneigten Köpfen eine hoch durchblutete Kettenreaktion auslösen.

Dobersteins poetische Metamorphosen überraschen mit brutalen Wendungen und assoziativen Tretminen. Die Miniaturen handeln von tröstlichen Erkenntnissen für hässliche Menschen und unterschätzten Alltagsgegenständen - bei Letzterem ging es ganz konkret und durchaus mitleidend um den einzigen Knopf am reichlich vorhandenen Dekolleté der Bundeskanzlerin. Ein anderer Fall beleuchtete einen von üppigem weiblichen Gesäß zerquetschten Hamster, der aber wenige Sekunden vor seinem matschigen Ableben gnädigerweise von entweichenden Darmwinden narkotisiert wurde.

Mit Paata Demurshvilis famoser Version von "Take Five" wurde der Salon brillant eröffnet. Seine Musik öffnet ein Panorama an Impressionen und leuchtend virtuosen Ideen. Die linke Hand pulsiert und swingt in unaufgeregter Lässigkeit, während die andere in Dynamik und überbordender Expressivität schwelgt und sich dabei niemals einem banalen Willen zur Originalität "auf Teufel komm raus" unterwirft. Demurshvilis Spiel ist Lyrik in akustischer Reinform. Triebhaft und spontan, leidenschaftlich und wild veredelt er den Augenblick mit einer ungeheuren Schöpferkraft. Ein Paganini an den Tasten.

Im zweiten Teil des Abends machte er aus dem Standard "Caravan" von Juan Tizol und Duke Ellington ein schillerndes Kunstwerk aus ziselierten Klanggebilden, dem das Publikum ebenso verblüfft zuhörte wie der hypnotischen Ausformulierung von Rachmaninows 2. Klavierkonzert.

Was sollte danach noch kommen? Vieles, das sich aufgrund seiner unvergleichbaren Andersartigkeit zum Glück nicht mit dem Pianisten vergleichen oder gar messen musste. Der Musik-Kabarettist Robert Alan hat im letzten Jahr den Hauptpreis beim Kabarettwettbewerb "Scharfrichterbeil" erhalten. Der gebürtige Würzburger arbeitet sich provokant und gewandt an den Ausdünstungen seiner Generation ab.

Damals wollte er Rapper werden, heute macht er gefährlich gute Lieder über Künstler-Sensibelchen und geistige Turnübungen zur Vermeidung eines sexuell vorzeitigen Fertigwerdens. Robert Alan kann vieles, vor allem aber zaubern: Dem Publikum zauberte er in nur 15 Minuten ein langes Dauergrinsen ins Gesicht.

Ebenfalls magisch betätigt sich Dierk Murelli. Der Entertainer aus der Pfalz unterhielt mit frechen Zuschauernummern und lockerer Conférence. Die Schauspielerin Inka Meyer servierte Ausschnitte aus ihrem aktuellen Bühnenprogramm "Kill Me, Kate!": Ein Frauen-Ding fast ohne die üblichen Klischees abseits der ewigen Feministinnen-Tour. Und wenn doch Rollenbilder, dann werden sie meistens kreativ zerschnitten. Und sogar die Männer kommen einigermaßen gut weg. "Lebensgefährte kommt von Lebensgefahr", so die sarkastisch-selbstironische Kabarettistin in Lorsch, wo sie dem Publikum einen herzhaften Applaus abgetrotzt hat.

Das Finale bestritt der 27-jährige Kabarett-Lyriker Michael Feindler. Der ehemalige Poetry-Slammer entwirft melodiösen Wort-Kaskaden in klassischen Versmaßen und in einer bisweilen sehr flotten Geschwindigkeit. Sein satirisch-gesellschaftskritischer und humanistischer Tonfall lässt darauf schließen, dass Feindler seinen Tucholsky ausgiebig inhaliert hat. Titel eines seiner Programme. "Dumm nickt gut!"

Bewerbung für den "Lorscher Abt"

Der monatliche Kultursalon ist nicht nur ein kontrastreiches Überraschungsbuffet für ein neugieriges Publikum, das den Termin schon früh zu einer kultigen Veranstaltung gemacht hat: Die Reihe, für die Daniel Helfrich regelmäßig und mit Kennerblick die Szene durchforstet, ist auch der Bewerbungsplatz für die Anwärter auf den "Lorscher Abt". Der Kleinkunstpreis wird im nächsten Jahr bereits zum vierten Mal vergeben. Aus den Teilnehmern werden jeweils die vier Finalisten selektiert. tr

© Bergsträßer Anzeiger, Mittwoch, 28.12.2016

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