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„Jazz von 10 bis Zehn“: Das Bergsträßer Jazz-Festival glänzt mit Weltklasse Boogie Woogie, coolen Alphörnern und einem knackigen Blues-Finale

Heißer Sound mitten in der City

Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

©  Funck
© Dietmar Funck, Bergsträßer Anzeiger, 64625 Bensheim
© Dietmar Funck, Bergsträßer Anzeiger, 64625 Bensheim
© Dietmar Funck, Bergsträßer Anzeiger, 64625 Bensheim
© Dietmar Funck, Bergsträßer Anzeiger, 64625 Bensheim

Tolles Wetter, beste Stimmung: Beim Bergsträßer Jazz-Festival war für Groß und Klein etwas dabei. Neben den Boogie Woogie Brothers zu hören waren die Red Hot Hottentots (oben, Mitte), Alpcologne (unten links) sowie B. B. & The Blues Shacks (unten rechts).

© Dietmar Funck, Bergsträßer Anzeiger, 64625 Bensheim
© Dietmar Funck, Bergsträßer Anzeiger, 64625 Bensheim

Bensheim. Das war Weltklasse: Im fünften Jahr des Bergsträßer Jazz-Festivals setzte Axel Zwingenberger am Samstag einen neuen Referenzpunkt. In Bensheim servierte der Pionier der europäischen Boogie-Woogie-Renaissance authentischen Blues und famose Barrelhouse-Pianosounds der Meisterklasse.

Tropische Temperaturen, ein knackiger Musikmix und Hunderte von Zuschauern machten das Tagesfestival "Von 10 bis Zehn" zu einem kontrastreichen Vier-Gang-Menü der Extraklasse. Nicht wenige, die den Marathon als die bislang gelungenste Veranstaltung sehen.

"Eine tolle Balance, man will hier nicht mehr weg", sagte ein ausdauernder Zuhörer gegen 21.30 Uhr, als "B. B. & The Blues Shacks" die Gäste in Bewegung hielt. Zum Finale hin legte der Jazztag noch einmal richtig los und am Bürgerwehrbrunnen wurde Rock 'n' Roll getanzt. Leadsänger Michael Arlt stachelte das Publikum mit authentischem Sixties Beat und wurzelechten Bluesnummern an. Eine erstklassige Liveband mit viel Drive, die kaum von der Bühne gelassen wurde.

Fünf Jahre Bergsträßer Jazz-Festival

In diesem Jahr feiert das Jazz-Festival seinen fünften Geburtstag. 2007 hatte der BA erstmals zu einem swingenden Termin eingeladen - und damit offene Türen eingerannt.

Das Publikum war von Beginn an treu dabei und genoss hochklassige Bands, ein kontrastreiches Programm und einen sommerlichen Jahreshöhepunkt am Bürgerwehrbrunnen. Der Jazz-Marathon "Von 10 bis Zehn" versammelt jedes Jahr vier Bands bei einem zwölfstündigen Open-Air-Ereignis im Herzen der Bensheimer Innenstadt.

Kooperationspartner des Jazz-Festivals sind die GGEW, die Sparkasse Bensheim, die Stadt Bensheim und der BA. Die künstlerische Leitung liegt bei Prof. Bruno Weis (l.), Kopf der Original Blütenweg-Jazzer. tr

Dabei fing alles so beschaulich an: Drei Alphörner und die glasklare Stimme von Victoria Riccio erzeugen den vollen und milden Sound von Alpcologne, der sich unterschiedlichen Stilrichtungen bedient - der perfekte Start am Vormittag. Mit ihren vier Meter langen Fichtenhölzern inszenierte die Band ebenso facettenreiche wie pure Klanggebilde zwischen Euro-Folk, Country, Tango und Latin. Wer Tito Puentes "Oye Como Va" noch nicht in der alpinen Version gehört hat, der hat etwas verpasst. Bis zum Abend zog das Quartett durch die Innenstadt und setzte musikalische Akzente. Heidi meets Siegfried: virtuose Naturtöne, die unter die Haut gehen.

Um elf Uhr gab sich dann ein Weltstar die Ehre. Mit leuchtendem Boogie Woogie der Luxusklasse verwöhnte Axel Zwingenberger das Publikum, darunter zahlreiche Kenner, die extra seinetwegen nach Bensheim gekommen waren. Boogie Woogie ist dynamischer Pianoblues in Reinform. Zwingenberger hat dieser Musik in Europa vor 30 Jahren wieder eine Bühne gegeben. Seither gilt er zurecht als Reanimateur und Vorbild. Mit Ben Waters und Charlie Watts ("The Rolling Stones") bildet er "The ABC of Boogie Woogie".

Mit seinem Bruder Torsten, ein exzellenter Techniker und Virtuose, bildet er seit fast 40 Jahren die "Boogie Woogie Brothers" - Piano und Schlagzeug auf höchstem Niveau. Kraftvoller Sound im typischen Eisenbahn-Modus, mit rollendem Groove in traumwandlerischer Harmonie und unbändiger Spielfreude. Mit Stücken wie "Brothers in Boogie" und dem von einer lauten New Yorker Ecke inspirierten "Lexington Avenue Patrol" verordneten die Bluesbrüder aus Hamburg dem Bergsträßer Publikum musikalische Antidepressiva mit Langzeitwirkung. Definitiv ein Höhepunkt in der Biografie des Festivals. Unglaublich, wie fix Axel Zwingenbergers Finger über die Tasten rasen. Während die linke Hand rollende Bassläufe erzeugt, tänzelt die rechte energetische Soli. Die Füße wippen - in grünen Schuhen - im Takt.

Ein Ohrenschmaus war der spontane Einstieg von Dirk Raufeisen, der vor zwei Jahren mit Charly Antolini und Gustl Mayer als "Super Trio" die Bensheimer Bühne entflammte. Das vierhändige Doppel mit Zwingenberger war grandios, so flott wurde die berühmte "Route 66" kaum zurückgelegt. "Wow, eine Sternstunde", kommentierte ein begeisterter Zuhörer.

Bei 36 Grad war jetzt richtig "Summer in the City". Die Red Hot Hottentots (mit Raufeisen) übernahmen die heiße Schicht. Mit Klassikern der New-Orleans-Ära, lässigen Swingnummern und vitaler Improvisationsfreude begleitete die klassisch besetzte Band den Nachmittag mit authentischem, kreativem und süffigem Hot-Jazz.

Nach einer Verschnaufpause stand ein langer Blues-Abend ins Haus. Viele Gäste hatten es sich bei einem frisch gezapften Bier oder einem Glas Wein gemütlich gemacht. Auch die Grillwürste und Flammkuchen fanden reißenden Absatz. Viele setzten sich an den Bürgerwehrbrunnen, suchten sich eine schattige Nische oder fächerten sich mit dem Tagesprogramm eine leichte Brise ins Gesicht.

Das Beste aus allen Welten

Am Samstag passte einfach alles. Und so hatten auch die Hildesheimer Blueser keine Mühe, das Publikum bei Laune zu halten. Dem energiegeladenen Rhythm'  n'  Blues konnte man sich ohnehin nicht entziehen. Der Gitarrenstil von Andreas Art ist inspiriert vom Sound seiner Vorbilder: B. B. King und Little Milton, aber auch Anklänge von Elvis, Fats Domino und Wilson Pickett sind nicht zu überhören. Die Band holt das Beste aus allen Welten, würzt es mit chronischer Spielwut und schiebt es dem Publikum direkt ins Ohr. Mit einer Menge Groove und Entertainment-Qualität.

Kurz nach 22 Uhr erklang mit "I'm sitting here and waiting" die finale Zugabe in der tropisch flirrenden Innenstadt. Das zwölfstündige Jazz-Festival war in der Tat ein Marathon. So viel wurde noch nie geschwitzt. Aber auch noch nie so viel getanzt.

© Bergsträßer Anzeiger, Montag, 20.08.2012

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