DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR

Dienstag, 28.02.2017

Suchformular
 
 

Lieber Leser, bitte aktivieren sie Cookies, um in den vollen Genuss unseres Angebotes zu kommen.

  • Drucken

Rechtsextremismus: Der Film „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ erschreckte und bewegte die Zuschauer in der Geschwister-Scholl-Schule zutiefst

Schluss mit der Mentalität des Wegsehens

Archiv-Artikel vom Montag, den 25.02.2013

Peter Ohlendorf (links), Regisseur und Produzent des Films "Blut muss fließen - Undercover unter Nazis" in der Geschwister-Scholl-Schule in Bensheim mit Manfred Forell von der Bergsträßer Initiative gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit.

© Funck

Bergstraße. Die wahre Identität von Thomas Kuban kennen nur seine Familie, seine Angehörigen, Nachbarn und Kollegen. Wenn der Journalist öffentliche Termine wahrnimmt und Interviews führt, tritt er in Verkleidung à la Heino mit blonder Perücke, Sonnenbrille und gelbem Jackett auf. Für die perfekte Tarnung gibt es einen triftigen Grund: Seitdem Kuba 2003 in die rechtsradikale Szene eintauchte und sich ab 2007 mit versteckter Knopflochkamera auf die Fersen der Neonazis begeben und dokumentiert hat, was auf Rechtsrockkonzerten in Deutschland und anderswo abgeht, schwebt er in permanenter Lebensgefahr: Der Reporter und Kameramann hat eine Vielzahl anonymer Morddrohungen bekommen. Er hat Todesangst und lebte während der Filmaufnahmen in ständiger Angst vor Entdeckung.

Erfolgloses Klinkenputzen

Vor zwei Jahren stellten Regisseur und Produzent Peter Ohlendorf und Kuban den gemeinsamen Film "Blut muss fließen - Undercover unter Nazis" fertig. Seitdem versuchen sie die beängstigenden Reality-Szenen über die europaweit verbreitete Partymeile deutscher Neonazis bei einem öffentlich rechtlichen Fernsehsender zu zeigen - "und zwar nicht erst irgendwann im Mitternachtsprogramm". Bislang war ihr Klinkenputzen erfolglos. Die zuständigen Intendanten winkten allesamt ab.

"Wie durch ein Wunder", so Ohlendorf, interessierten sich die Verantwortlichen der Berlinale für den Dokumentarfilm. Dort wurde er erstmals einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt - und verursachte auf Anhieb einen Riesenwirbel. Und jetzt wurden die Undercover-Aufnahmen Kubans in Bensheim im Forum der Geschwister-Scholl-Schule einem breiten Publikum vorgeführt.

Viele junge und ältere Menschen schauten gebannt, geschockt, ungläubig und angeekelt auf die Leinwand, auf der sich "Glatzen" in Bomberjacken und Springerstiefeln und mit hassverzerrten Gesichtern austoben und ihre grenzenlosen Hasstiraden gegenüber Ausländern und Juden grölen. Tatorte sind Hinterzimmer von bürgerlichen Gasthäusern, Nobeldiskotheken, geheime Treffpunkte, große Hallen und Stadtzentren. Angefangen auf der grünen Wiese, sind die Ultra-Rechten längst inmitten der Gesellschaft angekommen. Kuban und Ohlendorf nennen in dem heimlich gedrehten Film auch Namen von radikalen Anstiftern und ausländerfeindlichen Hardcore-Truppen. Oftmals war die Polizei im Konzertsaal - hörte verbotene Texte an und schaute hilflos zu, anstatt zu handeln, die Hasspartys zu unterbinden und die rechtsextremen Anstifter von Straftaten und Volksverhetzer festzunehmen. Rühmliche Ausnahme: die Berliner Polizei. Sie hat in der Vergangenheit Flagge gezeigt und rigoros durchgegriffen.

Thomas Kuban hat für seine Dokumentation 40 Rechtsrock-Konzerte in Sachsen und Bayern, in Österreich und der Schweiz, in England, Italien, Frankreich und Ungarn gefilmt - keines davon in Berlin. Schon Polizeischüler in der Bundeshauptstadt werden für das Thema Rechtsrock sensibilisiert.

Rechtsrock ist fast so etwas wie Mainstream-Musik, eine Art Einstiegsdroge in den Rechtsextremismus, mit der man die Jugend zu ködern versucht, heißt es im Film.

Gewaltparolen und Beleidigungen

Anfangs hört kaum einer auf die Texte. Bis dann zur Sache geht: Neonazis strecken in biergeschwängerter Atmosphäre ihre Arme zum Hitlergruß und Sänger grölen Gewaltparolen und obszöne Beleidigungen. Teilweise sind die heimlich aufgenommenen Schwarz-Weiß-Bilder unscharf und verschwommen. Die Botschaft, die sie an die Gesellschaft aussenden, ist dafür umso deutlicher: Es muss Schluss sein mit der Wegseh-Mentalität. Während viele Jahre lang der "Islamische Terrorismus" als Feindbild Nummer eins propagiert wurde, rangierten die Neonazis - Kuban führt O-Töne von der Bundespressekonferenz mit Schäuble und der Landespressekonferenz mit Beckstein vor - eher auf den hinteren Rängen.

Ein positives Beispiel geben die Bürger des kleinen oberhessischen Dorfes Kirtorf. Hier waren Rechtsrock-Konzerte lange Jahre an der Tagesordnung - bis die Einwohner nicht mehr länger zusehen wollten und drei ältere Herren das "Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus" gründeten. Seitdem ist Ruhe in Kirtorf. Der Pöbel ist abgezogen.

"Ich danke Ihnen dafür, dass ich das heute sehen durfte", bedankte sich ein junger Zuschauer am Ende des Films bei Regisseur Peter Ohlendorf. Im Publikum rührte sich nach der gut 90-minütigen Horrordokumentation keine Hand zum Applaus. Es herrschte stilles Entsetzen im Forum.

Peter Ohlendorf stellte sich im Anschluss den Fragen der Besucher. Dass ein Geschichtslehrer den "starken musikalischen Unterton" als "aufbauschend und an vielen Stellen überzeichnet" bezeichnete, nahm der Regisseur zur Kenntnis. Er sagte aber auch, dass es bislang dahingehend keine Kritik gegeben habe: "Wir dramatisieren nicht". gs

© Bergsträßer Anzeiger, Montag, 25.02.2013

Kommentar schreiben

Jeder Kommentar wird mit dem Vor- und Nachnamen des Autors veröffentlicht.

Sie müssen sich anmelden, um einen Kommentar zu verfassen.

Leser-Kommentare  

Aufgrund von nicht freigegebenen Kommentaren kann die Anzahl dargestellter Kommentare abweichen

    • Drucken
     
     
    TICKER

    Das Wetter in der Region

    Bensheim - Prognose für 0 Uhr

    Das Wetter am 28.2.2017 in Bensheim: Regen
    MIN. 5°
    MAX. 9°
     

    Benefizaktion

    Bommel-Virus infiziert die ganze Stadt

    Bensheim. Wenn es darum geht, für Bensheim etwas Gutes zu erreichen, ist Brigitte Schmidt - mit ihrem Mann Heinz die gute Seele des Kolpinghauses - über die Maßen engagiert und lässt sich gerne inspirieren. Das Kartoffel-Wettschälen zwischen Bensheim und Heppenheim oder die längste Handkäs'-Meile… [mehr]

    Straßenfastnacht

    Begeisterung über reibungslosen Ablauf

    Heppenheim. Von einem überwiegend friedlichen und reibungslosen Verlauf der Heppenheimer Straßenfastnacht sprechen Veranstalter, Rettungskräfte und die Polizei. Angesichts der überdurchschnittlich großen Zahl von Zuschauern - Polizei und Stadtbrandinspektor Werner Trares schätzen die Zahl auf 80… [mehr]

    Fastnachtsumzug

    Regen soll Feierlaune nicht trüben

    Lorsch. Mit dem 57. Fastnachtsumzug am morgigen Dienstag steuert die närrische Kampagne in Lorsch ihrem absoluten Höhepunkt entgegen. Um 14.11 Uhr wird sich der Lindwurm ab der Hügelstraße Richtung Innenstadt in Bewegung setzen. [mehr]

     
     

    Ihr Kontakt zu uns

    Fragen? Lob? Kritik?

    So erreichen Sie uns:

    Kai Segelken

    Florian Karlein

    06251/1008-88

    06251/1008-86

    Fax

    06251/1008-76

    E-Mail

    ba-region@bergstraesser-anzeiger.de

    Bergsträßer Jazz-Festival

    Die Rhythmen zielten in Kopf und Herz

    Bensheim/Bergstraße. Alle Jahre wieder wird an Weihnachten "gegospelt". Aber nicht etwa im intimen Kreis der Familie unter dem Lichterbaum im heimischen Wohnzimmer, sondern gemeinsam mit mehreren hundert Menschen im Parktheater. Immer dann, wenn Gospelmusik den traditionellen Weihnachtsliedern… [mehr]

    Überblick

    Schnell eingelebt

    Die Bergsträßer sind ein geselliges Völkchen. Geht man auf sie zu, wird man mit offenen Armen aufgenommen. Das gilt für die vielen Feste, das gilt aber auch sonst. Wer freundlich fragt, bekommt freundlich Antwort. [mehr]

     

    DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR