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Kriminalität: An der Odenwaldschule waren gestern bereits 24 Fälle aus den 70er und 80er Jahren bekannt / Schulleitung bittet in Briefen an 900 Ehemalige um Entschuldigung

Jeden Tag kommen neue Fälle von Missbrauch ans Licht

Von unserem Redaktionsmitglied Ursula Barth

In der Odenwaldschule in Heppenheim rufen immer mehr ehemalige Schüler an und berichten, in den 70er und 80er Jahren sexuell missbraucht worden zu sein. Die neue Schulleitung bemüht sich um Aufklärung.

Idyllisch liegt die Odenwaldschule zwischen Wäldern und Wiesen im verschlafenen Ober-Hambach bei Heppenheim. Die Sonne strahlt auf die schneebedeckten Hänge, nur ein paar Bauarbeiter mit einem Bagger trüben die Ruhe. Die Anlage soll herausgeputzt werden für das große Fest: Im Juli feiert die Schule 100-jähriges Jubiläum. Im Konferenzraum, in dem sich Schülervertreter und Lehrer jeden Morgen treffen, hängen schon die Pläne an der Wand. "Die Zeit läuft ...", steht darunter. Vier Tage soll groß gefeiert werden. Eigentlich.

Denn seit einigen Tagen holt die Odenwaldschule ihre Vergangenheit wieder ein. "Bei uns steht das Telefon nicht mehr still", berichtet Schulleiterin Margarita Kaufmann. Immer mehr ehemalige Schüler melden sich und berichten, in den 70er und 80er Jahren von Lehrern, darunter dem damaligen Schulleiter Gerold Becker, sexuell missbraucht worden zu sein. 24 Fälle waren bis gestern bekannt, Kaufmann erwartet täglich neue. Allein Sonntag und Montag waren es je zwei. Auslöser war die Planung des Jubiläums. Die Altschüler wollten wissen, wie der Missbrauch darin aufgearbeitet wird. "Wir sind an einem Punkt angekommen, wo viel Offenheit vielleicht helfen kann", sagt Kaufmann.

Berühmt für ihre Offenheit

Offenheit, dafür ist die Odenwaldschule eigentlich berühmt. So schwärmt der grüne Europa-Politiker Daniel Cohn-Bendit, der die Odenwaldschule von 1958 bis 1965 besuchte, vom "aufgeschlossenen Geist der Schule", der ihn geprägt habe. Das aus mehreren urigen Häusern bestehende Internat war eine der ersten pädagogischen Einrichtungen, die Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtete - seinerzeit ein Skandal.

Diese Offenheit muss in den 70er und 80er Jahren wohl ins Extreme umgeschlagen sein. Ein ehemaliger Schüler berichtet in der "Frankfurter Rundschau" von einer "Anti-Spießer-Hysterie", welche die sexuellen Übergriffe erst möglich gemacht habe. Wenn jemand den - offenbar allseits bekannten - Missbrauch angesprochen habe, sei er "als Spießer geächtet worden".

Möglicherweise hat die Wohnform der Odenwaldschule die Übergriffe seinerzeit erleichtert. Denn die Schüler leben mit ihren Lehrern unter einem Dach. "Familie" nennt sich das, und der Lehrer ist das Oberhaupt. In den 70er und 80er Jahren nutzten einige Lehrer - bislang sind drei Täter einschließlich des damaligen Schulleiters bekannt - diese Nähe den Vorwürfen zufolge für massiven sexuellen Missbrauch aus.

Gemeinsames Duschen und Abtrocknen durch die Lehrer gehören noch zu den harmlosesten Varian-ten. Ein Ehemaliger berichtet in der "Frankfurter Rundschau", von seinem inzwischen verstorbenen Lehrer regelmäßig zum "Mittagsschläfchen" geholt worden zu sein, bei dem er ihn im Intimbereich angefasst und gestreichelt habe. Bei einem Besuch des Adoptivvaters des Lehrers habe sich der an den Taten beteiligt. Am Wochenende, berichtet Kaufmann, habe sich erstmals auch eine Frau gemeldet. "Ihre Erfahrungen waren so schlimm, dass sie am Telefon weinte", sagt die Schulleiterin sichtlich bewegt. Heute, beteuert sie, sei die räumliche Distanz größer. "Die Kinder und Jugendlichen dürfen ein Stoppschild an ihre Tür hängen. Da hat dann absolut niemand Zutritt."

Kaufmann muss sich rechtfertigen, dabei leitet sie die Schule erst seit 2007 und hat ihren Vorgänger nie gesehen. "Wir möchten uns als Institution bei allen Betroffenen entschuldigen", sagt sie. "Das Leid können wir nicht wiedergutmachen. Aber anerkennen, dass es Leid war." Schon 1998 hat die Schule erstmals vom Missbrauch erfahren. Damals war von drei Fällen die Rede. Aufklärung habe nur intern stattgefunden. "Es wurde nichts verschleiert", sagt Kaufmann, "aber es wurde versäumt, aktiv zu recherchieren." Geschäftsführer Meto Salijevic macht dabei ein gequältes Gesicht. "Wir haben von Anfang an gehandelt", sagt er. "Nur sind wir nicht auf alle Schüler zugegangen." Der Zwist zwischen Kaufmann und dem Schulvorstand und ist nicht zu übersehen.

Das frühere Versäumnis hat Kaufmann gestern nachgeholt. 900 Briefe an Schüler der Jahrgänge 1970 bis 1985 wurden in die Post gegeben. Darin entschuldigt sich die Schule für entstandenes Leid - und bietet Hilfe an. Eine Wiesbadener Anwältin soll die Opfer unterstützen, zudem werde eine Hotline eingerichtet. Auch wurde ein Ausschuss gegen sexuelle Gewalt gegründet. Ende März soll es eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Trägervereins geben. Kaufmanns Stoßrichtung ist klar: Sie will einen Neuanfang. Dafür müsste aus ihrer Sicht der jetzige Vorstand zurücktreten.

Mannheimer Morgen
09. März 2010

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