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Von unserem Redaktionsmitglied Karl-Heinz Schlitt

Mit einer Neuwahl des Vorstands ihres Trägervereins will die Odenwaldschule in Ober-Hambach ihre unrühmliche Vergangenheit bewältigen. (Bild: Dietmar Funck)
Heppenheim/Bergstraße. Nachher ist man immer schlauer - und mit Pauschalurteilen schnell bei der Hand. In den allgemeinen Tenor will Dr. Frida Bordon, die kommissarische Leiterin des Staatlichen Schulamts in Heppenheim, jedenfalls nicht einstimmen.
Eine Bagatellisierung der traumatischen Erlebnisse, die von immer mehr ehemaligen Schülerinnen und Schülern der Odenwaldschule zu Protokoll gegeben werden, liegt der erfahrenen Pädagogin fern: "Es geht darum, die Stimmen der Opfer zu hören, sie in ihrem Leid anzuerkennen und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen." Bordon wirbt für eine verantwortliche Bewältigung des verheerenden Kapitels in der Geschichte des Internats. Zu einem besonnenen Umgang damit gehört für sie auch, dass die Schule - trotz des Abgrunds, der sich vor ihr auftut, - eine faire Chance für die Bewältigung eines unrühmlichen Zeitabschnitts erhält.
Ob er länger gedauert hat als bisher bekannt, wird die Öffentlichkeit vielleicht schon morgen erfahren. Dann will die Schulleiterin der OSO, Margarita Kaufmann, bei einer zweiten Pressekonferenz nach dem medialen Aufmarsch vom Montag einen neuen Bericht über ihren Erkenntnisstand geben. Bis dahin sollen die E-Mails, Faxe, Telefongespräche und Briefe ausgewertet werden, mit denen sich weitere Missbrauchsopfer seit Bekanntwerden des Skandals Luft verschafft haben. Dass es bei den bisher genannten 24 Opfern von sexuellen Übergriffen nicht bleibt, muss als wahrscheinlich gelten, nachdem rund 900 ehemalige OSO-Schüler der Schuljahrgänge 1970 bis 1985 Anfang der Woche per Post ermuntert worden waren, aufzudecken, was ihnen widerfahren oder aufgefallen ist.
Anders als 1999, als sie sich auf strafrechtliche Verjährungsfristen zurückzog, ermittelt inzwischen auch die Staatsanwaltschaft. Anklage wegen eines Sexualdelikts kann sie in besonders schweren Fällen - wie dem Verdacht einer Vergewaltigung oder sexueller Nötigung unter Anwendung von Gewalt oder durch Ausnutzen eines Abhängigkeitsverhältnisses - noch Jahrzehnte nach der Tat erheben. Eine Strafverfolgung ist bei solchen Verbrechen erst 20 Jahre, nachdem das Opfer volljährig geworden ist, nicht mehr möglich. Bei sexuellem Missbrauch endet die Verjährungszeit - abhängig vom im Gesetz festgeschriebenen Strafmaß - spätestens nach zehn Jahren.
Die Erkenntnisse über die Vorfälle, die bereits 1999 publik geworden waren, sind in einem Bericht des Staatlichen Schulamts dokumentiert. Amtsleiter war damals Dr. Dieter Roghé. Nach Darstellung von Dr. Frida Bordon (Bild) ist er den Anschuldigungen "sehr genau nachgegangen".
Damals wie heute obliegt dem Staatlichen Schulamt die schulfachliche Aufsicht über das in privater Trägerschaft organisierte Internat mit dem Status einer staatlich anerkannten Ersatzschule. Die Heimaufsicht wurde bis 2001 vom hessischen Sozialministerium ausgeübt und danach an den Kreis Bergstraße als Schulträger delegiert. Das staatliche Anerkennungsverfahren für den Schulbetrieb liegt in der Zuständigkeit des Kultusministeriums. Dessen Chefin Dorothea Henzler hat inzwischen einen Sonderarbeitskreis zur Überprüfung der aktuellen Sachlage eingerichtet.
Eine Schulinspektion, wie sie inzwischen an 90 Prozent der staatlichen Schulen im Kreis Bergstraße vom Institut für Qualitätsentwicklung (IQ) durchgeführt wurde, ist für Privatschulen nicht vorgesehen. Die Aufsicht durch das Schulamt beschränkt sich auf die Sicherung der Grundsätze des hessischen Schulgesetzes, die Teilnahme an den mündlichen Abiturprüfungen und die Sicherstellung der formalen Qualifikation des Lehrkörpers.
Für Frida Bordon steht außer Frage, dass das "System Odenwaldschule" viele Schüler, die es sonst schwerer gehabt hätten, zu einem ordentlichen Abschluss verholfen hat. Diese pädagogische Leistung dürfe man auch in dieser Krisensituation nicht aus dem Blick verlieren. Für Bordon ist es ein Gebot der Stunde, Sorge dafür zu tragen, dass "die Schule nicht noch mehr in eine Schieflage gerät: Sie kann daran zerbrechen".
Mit ihrer besonderen Heimstruktur, innerhalb derer Schüler und Lehrer als "Familien" zusammenleben, unterscheide sich die OSO von anderen Landschulheimen. Die personale Beziehung tue den Kindern gut - so lange Distanz und Abgrenzung gewährleistet seien.
Genau darum habe sich schon der Vorgänger der aktuellen Schulleiterin, Whitney Sterling, mit der Aufstellung eines strengen Regelkatalogs erfolgreich bemüht - auch in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Schulamt.
Wie gestern Abend bekannt wurde, wird der Vorstand des Trägervereins der Odenwaldschule, wie von Schulleiterin Kaufmann gefordert, am 27. März geschlossen zurücktreten. Nur durch Neuwahlen sei nach den im Vorfeld des hundertjährigen Schuljubiläums gemeldeten zahlreichen Fällen von Kindesmissbrauch und der zögerlichen Aufarbeitung des Skandals ein gesicherter Neuanfang zu schaffen.
Bergsträßer Anzeiger
10. März 2010
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