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Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch
Ober-Hambach. Der Haupttäter hat sich durch sein Ableben aus der Affäre gezogen. In der Odenwaldschule wurde der Tod des ehemaligen Schulleiters Gerold Becker mit Bedauern zur Kenntnis genommen - Bedauern darüber, dass er die wichtigsten Antworten mit ins Grab nimmt. Mit diesen Worten eröffnete Johannes von Dohnanyi, Vorstandssprecher des reformierten Trägervereins, am Freitag eine öffentliche Anhörung zu den Missbrauchsfällen.
Die Theaterhalle ist zum Bersten voll. Es ist stickig, Luft zum Schneiden. Die Pressevertreter müssen ihre Tonbänder und Kameras ausschalten. Es darf nur mitgeschrieben werden. Auf dem Podium sitzen zwei Opfer, ein ehemaliger Lehrer, daneben ein Psychologe, eine pensionierte Richterin und ein renommierter Strafverteidiger. In der ersten Reihe fächert sich Schulleiterin Margarita Kaufmann ein wenig Luft ins Gesicht. Die Veranstaltung sei dem Mut jener Schüler zu verdanken, die immer wieder den Mund aufgemacht haben. Applaus.
"Wir wagen heute Abend einen großen Versuch", kündigt Dohnanyi an. Erstmals sollen betroffene Schüler, Lehrer und Leute aus dem Umfeld der Schule gemeinsam über alles reden können. In einer offenen Runde möchte man Ross und Reiter nennen.
Alle 13 mutmaßlichen Täter sind eingeladen worden; gekommen ist keiner. Viele der Anwesenden hofften, dass sich doch jemand meldet und endlich Klartext redet. "Ich will Fakten aus erster Hand", sagt ein 48-jähriger Ex-Schüler vor der Halle.
Drei Stunden später hat sich die erhoffte Zivilcourage noch immer nicht blicken lassen. Sie stand auf dem Lehrplan der OSO. Gelebt wurde sie nicht. Es bleibt bei den Vorwürfen der Missbrauchsopfer und den vagen Aussagen der Pädagogen.
Einer, der mitten unter den Zuschauern sitzt, will sich an nichts mehr erinnern können, als ihn der ehemalige Schüler Gerhard Roese mit der Vergangenheit konfrontiert: Er habe ihn in seinem Büro von den Vorfällen informiert. Passiert sei nichts.
Ein weiterer Pädagoge schüttelt verärgert den Kopf. Von einem Lied wie "Der Becker, der Becker, der findet Jungens lecker" habe er noch nie gehört. Bestenfalls die Melodie sei ihm mal zu Ohren gekommen. Auch der in den Rasen gerammte Holzphallus vor Beckers Büro und das große "H" vor der Aufschrift "Odenwaldschule", das über ein Jahr lang da gestanden hatte, scheinen kaum einen ins Grübeln versetzt zu haben. Nur einer flüstert etwas zögerlich, dass er es heute bedaure, damals nicht weiter nachgefragt zu haben. Nach was er hätte nachfragen müssen, ist leider nicht vernehmbar.
"Wahrheit" titelt das öffentliche Hearing. Ein früherer Schüler berichtet von seiner Zeit in der Schulfamilie des 2006 verstorbenen Lehrers Wolfgang Held. Nach seinem Weggang vom Internat hat er 500 Therapiestunden in der Klinik hinter sich gebracht.
Das Outing war schwierig, erst mit 28 konnte er seine Erfahrungen nach außen formulieren. Sein Anwalt habe ihm immer gesagt, er solle sich nicht die Finger verbrennen, in dem er die OSO belastet.
Seine schulische Biografie wurde von einer Künstlergruppe im Projekt "Die Tränen der Knaben" aufgenommen, die im Rahmen des Jubiläums zu sehen war. "Ich lerne erst jetzt langsam, die Herren zu hassen", sagt er in der Theaterhalle über die seltsame Beziehung zu Held, den er sowohl als Vertrauensperson wie als rücksichtslosen Täter kennengelernt hat. Becker sei noch schlimmer gewesen. "Er hat mich genommen wie eine Puppe."
"Es geht nicht nur um Missbrauch, es geht um sexuelle Gewalt", betont der Psychologe und Psychotherapeut Dr. Christoph Walker, der von der OSO als einer Parallelwelt spricht. Die Schüler wurden regelrecht dazu erzogen, mit Erwachsenen ins Bett zu gehen. Walker lobte die Veranstaltung als zentralen Auftakt zu einer radikalen Aufklärung: "Ohne Dialog ist kein Verständnis möglich."
Bergsträßer Anzeiger
12. Juli 2010
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