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Von unserem Redaktionsmitglied Stephan Wolf
Herr Professor Franz, zwei Drittel der Mannheimer sagen, dass sich die Finanzkrise bislang noch nicht negativ auf sie auswirkt. Ist die Rezession im Bewusstsein der Bevölkerung nicht so dramatisch?
Wolfgang Franz: Bei den meisten Bürgern ist die Krise erfreulicherweise noch nicht angekommen, da sie ihren Arbeitsplatz noch besitzen und keine größeren Vermögenseinbußen als Folge der Finanzmarktkrise erleiden mussten. Die wenigsten Leute hatten Zertifikate von Lehman Brothers.
Wie erklären Sie sich, dass mehr als die Hälfte der Bürger sich bei Anschaffungen nicht zurückhält?
Franz: Wie man es nimmt, das Glas ist halb voll oder halb leer. Denn fast die Hälfte der Befragten wollen weniger ausgeben. Ich fürchte, dass dieser Anteil steigen wird. Das macht mir konjunkturpolitisch Sorgen.
Eine klare Mehrheit hält die Investitionen der Stadt für nicht ausreichend, um die Krise zu bekämpfen. Sie auch?
Franz: Klar, mehr Investitionen wären besser. Aber leider fällt das Geld dafür nicht vom Himmel, sondern muss später aufgebracht werden, durch Ausgabenkürzungen oder Steuererhöhungen. Dann ist erfahrungsgemäß der Jammer groß.
Was kann die Stadt Mannheim noch tun, um die Wirtschaft anzukurbeln?
Franz: Die konjunkturpolitischen Möglichkeiten der Stadt halten sich in engen Grenzen. Mittelfristig helfen sicherlich günstige Rahmenbedingungen und ein zielführendes Standortmarketing, um Neuansiedlungen von Unternehmen voranzubringen und Abwanderungen anderer Unternehmen zu verringern.
Müsste der Mannheimer Kämmerer jetzt schon auf die Ausgabenbremse treten?
Franz: Aus konjunkturpolitischer Sicht bitte jetzt noch keine Ausgabenbremse. Aber ich kann den Kämmerer verstehen, der sich an finanzielle Rahmenbedingungen halten und an die Zukunft denken muss. Er und die Bürger müssen sich immer vor Augen halten: Die Rechnung für heutige Ausgaben kommt noch.
Ist die Mannheimer Wirtschaft strukturell stark genug, um die Krise zu überstehen?
Franz: Die Unternehmen in der Metropolregion sind insgesamt gut aufgestellt, um die Herausforderungen der Krise so gut es geht zu meistern. Die meisten Unternehmen setzen außerdem alles daran, insbesondere ihre qualifizierten Fachkräfte im Unternehmen zu halten, beispielsweise mit Kurzarbeit oder durch Herunterfahren von Arbeitszeitkonten. Aber diese scharfe Rezession wird mit Sicherheit tiefe Spuren auch in der hiesigen Wirtschaft hinterlassen.
Mit wie vielen Arbeitslosen müssen wir bis Ende des Jahres in Mannheim rechnen?
Franz: Im Laufe der kommenden Monate wird in Mannheim die Anzahl der Arbeitslosen von jetzt 13 600 auf 15 000 steigen. Dieser Trend wird sich leider fortsetzen, bis weit ins nächste Jahr.
Haben wir die Talsohle erreicht?
Franz: Eine Reihe von Anzeichen gibt zu der Hoffnung Anlass, dass die konjunkturelle Abwärtsbewegung allmählich zum Stillstand kommen und eine Talsohle erreicht werden wird. So gesehen gibt es kleines Licht im Tunnel, aber hoffentlich ist es nicht der entgegenkommende Zug.
Wie lange wird die Krise noch dauern?
Franz: Eine Aufwärtsbewegung ist derzeit leider noch nicht in Sicht.
Mannheimer Morgen
08. Mai 2009
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